Foto: Thomas Warnack/Archiv

Pro & Kontra

Ende der Früheinschulung?

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In Baden-Württemberg ist der 30. September der Stichtag für die Einschulung. Das bedeutet: Ein Kind, das bis zu diesem Tag sechs Jahre alt wird, muss eingeschult werden. Vielen Eltern ist dieser Umstand ein Dorn im Auge. Denn Kinder können mitunter erst fünf Jahre alt sein, wenn sie in die Schule kommen. Derzeit läuft im Südwesten eine Online-Petition gegen die Früheinschulung, in der gefordert wird, den Stichtag auf den 30. Juni zu verlegen.

Die Initiatoren, darunter eine Mutter aus Karlsruhe, führen ins Feld, dass etwa die Seele der Kinder leide. Die BNN-Redaktionsmitglieder Julia Falk und Julius Sandmann sind in puncto Früheinschulung uneins.

Pro (Julius Sandmann): „Fordern und fördern statt schonen und verwöhnen“

Auch im Nachbar-Bundesland Bayern gab es jüngst eine Debatte um die Früheinschulung von Kindern. Die Folge: Der Umgang mit dem Stichtag wird flexibilisiert. Entscheidend ist jedoch die Aussage des Vorsitzenden der Kinder- und Jugendärzte in Bayern. Er ist ein Befürworter des Stichtags am 30. September. Kinder seien mit knapp sechs Jahren „sehr interessiert und lernfähig“.

In der heutigen Gesellschaft werden Heranwachsende häufig zu sehr in Watte gepackt. Schonen und verwöhnen statt fordern und fördern. Aber Kinder brauchen die Herausforderung – körperlich und geistig. Entscheidend ist nicht die Frage, ob sie fünf oder sechs Jahre alt sind, sondern ob es das System erlaubt, dass sich die Lehrer angemessen um die Schüler kümmern.

Und was wäre die Alternative? Aktuell besteht die Möglichkeit, dass Kinder noch rund drei Wochen fünf Jahre alt sind, nachdem sie eingeschult wurden. Sollte der Stichtag auf den 30. Juni vorverlegt werden und ein Kind wird am 1. Juli sechs Jahre alt, wird es laut Vorgabe erst Mitte September des Folgejahres eingeschult – im Alter von sieben Jahren und zwei Monaten. Dieses Kind ist dann deutlich älter als die meisten seiner Klassenkameraden, was hinderlich für die Integration sein könnte.

Und außerdem: Schon lange können Eltern in Baden-Württemberg beantragen, dass ihre Kinder später eingeschult werden. Das Interesse daran scheint nicht groß zu sein, denn die Quote liegt nach Angaben des Stuttgarter Kultusministeriums seit Jahren konstant bei lediglich neun Prozent.

Kontra (Julia Falk): „Probleme an den Grundschulen werden selbst geschaffen“

„Hach, die Kleinen werden so schnell groß“, seufzen vermutlich alle Eltern mindestens einmal im Leben beim Anblick des eigenen Nachwuchses. Gestern erst auf die Welt gekommen, machen die Kinder morgen plötzlich schon den Führerschein. Das Gesetz zur Früheinschulung unterstützt dieses Phänomen.

Verschiedene Studien vertreten die Meinung, dass Kinder, die früher eingeschult werden, häufiger Probleme im Unterricht haben. Überforderung, schlechte Noten, Sitzenbleiben: Anstatt die Kleinen einfach ein Jahr länger im Kindergarten zu lassen, werden Probleme an den Grundschulen selbst geschaffen.

Wer einmal der Jüngste ist, bleibt das häufig Zeit seines Lebens. Denn während die anderen Studenten bereits mit dem Auto zur Vorlesung fahren, müssen die noch 17-Jährigen, die mit fünf aus dem Kindergarten genommen wurden und die Schule problemlos durchlaufen haben, von Mama und Papa zur Uni gebracht werden – von der Kneipentour in der Einführungswoche ganz zu schweigen…

Ärgernis vieler Eltern ist auch, dass über Anträge für eine spätere Einschulung die Leiter der zukünftigen Schulen entscheiden – die die betroffenen ABC-Schützen beim Gespräch im Zweifel zum ersten Mal sehen. „Wir kennen unser Kind am besten“, klagen viele Eltern, die zurecht selbst beurteilen möchten, wann ihr Sohn oder ihre Tochter bereit ist für die Schule. Ein wenig zur Schlichtung beitragen würde das Hinzuziehen der Erzieher aus dem Kindergarten, denn die haben das Kind in den vergangenen rund drei Jahren wenigstens täglich betreut und erlebt.