Ist die Fastenzeit sinnvoll - oder Augenwischerei? | Foto: dpa/Naupold

Pro & Kontra

Fasten: Segen oder Selbstbetrug?

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Der Aschermittwoch markiert sowohl ein Ende als auch einen Anfang: Das närrische Treiben ist vorbei, dafür beginnt die Fastenzeit. In der christlichen Tradition bereiten sich Gläubige in diesen 40 Tagen auf Ostern vor und verzichten auf Dinge, die sie liebgewonnen haben: Süßigkeiten, Alkohol oder Zigaretten. Dies soll der Buße und der Besinnung dienen.

Doch längst hat sich das Fasten vom Glauben abgekoppelt – auch Nicht-Christen üben in den nächsten rund sechs Wochen den Verzicht. Ist diese Tradition Segen oder Selbstbetrug? Die BNN-Redaktionsmitglieder Markus Pöhlking und Julius Sandmann sind nicht einer Meinung.

Pro (Markus Pöhlking): „Es geht nicht primär darum, sechs Wochen auf Bier zu verzichten.“

Zwar spielt Fasten in religiösen Kontexten eine besonders prominente Rolle. Es ist allerdings verkürzt, Fasten als eine Begleiterscheinung von Religion zu betrachten, die – in ihrer christlichen Variante – dem Menschen zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag den Spaß am Leben versagen will.

Denn tatsächlich beschreibt das Wort Fasten Eigenschaften wie zum Beispiel Zurückhaltung und Verzicht und somit Dinge, die der Gegenwart abhanden gekommen zu sein scheinen. Die Welt, so wirkt es manchmal, ist von allem überladen und überlädt damit auch den Menschen, der in ihr lebt. Der wiederum reagiert darauf auf seine Art: Er schläft schlechter, isst vom Falschen zu viel, hat einen erhöhten Stresspegel und kauft Dinge, die er nicht braucht.

Klar, es betrifft nicht jeden, dennoch ist eine gewisse Ruhelosigkeit zum Grundrauschen der Gesellschaft geworden. Fasten kann da durchaus eine Übung sein, dem entgegenzuwirken. Schließlich geht es beim Fasten nicht primär darum, für sechs Wochen mal keine Süßigkeiten zu essen oder auf Bier zu verzichten – beide Ansätze sind strenggenommen auch eher Abstinenz als Fasten – vielmehr geht es um Reduktion, um Achtsamkeit und darum, auf sich und seinen Körper zu hören.

Und darum, Dinge wie Selbstdisziplin und Struktur zu entwickeln. Das klingt vielleicht altmodisch, kann aber ein Schlüssel zu einem gesünderen, aktiveren und vielleicht glücklicheren Leben sein. Insofern ist Fasten durchaus eine lohnenswerte Erfahrung. Die natürlich unabhängig vom Aschermittwoch auch zu jedem anderen Zeitpunkt im Jahr gemacht werden kann.

Kontra (Julius Sandmann): „Fasten ist zu oft ein hohles Gewand“


„Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn“ – so heißt es über Jesus im Matthäus-Evangelium. Das Fasten bis Ostern ist in der christlichen Tradition ein äußeres Zeichen der Buße – aber wichtiger ist der innere Gedanke: das Bemühen, mit Gottes Hilfe dem Bösen zu entsagen. „Wer sich nicht mit dem Wort Gottes nährt, fastet nicht wirklich“, sagte Papst Benedikt XVI. am Aschermittwoch vor acht Jahren.

Doch heutzutage scheint das Fasten eher eine Modeerscheinung zu sein. Viele Leute üben einen temporären Verzicht aufgrund eines Glaubens, den sie nicht teilen – weil es cool ist, sich damit auf Instagram, Facebook oder in anderen sozialen Medien zu brüsten. Zumal: An erster Stelle stehen meist Laster und nicht Gelüste, denen die Fastenden rund sechs Wochen nicht nachgehen – wie etwa Rauchen und Alkohol trinken. Könnten Leber und Lunge zusätzlich zum Entgiften und Atmen auch sprechen – sie würden sich sicher nicht beklagen wegen des Verzichts, sondern frohlocken, vorübergehend von ihrer Belastung befreit zu sein. Aber nach 40 Tagen können sich die Ex-Abstinenten auf die Schulter klopfen und die restlichen rund 89 Prozent des Jahres mit einem guten Gefühl weiter ihren Körper vergiften – bis zum nächsten Aschermittwoch.

Zu oft ist das Fasten mehr hohles Gewand als Ausdruck innerer Überzeugung. In der Moderne sind vielen Glaubensrichtungen zu Selbstbedienungsläden geworden, aus denen Menschen sich einen Überzeugungs-Mantel zusammenstricken können. Man könnte das „Sinn-Fasten“ nennen.