Fastnacht - gelebte Tradition oder grundloses Besäufnis? Die BNN-Redakteure Julia Falk und David Falkner sind sich uneins. | Foto: Federico Gambarini

Pro & Kontra

Fastnacht: Gelebte Tradition oder Ausrede für ein Besäufnis?

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Alle Jahre wieder verwandelt die fünfte Jahreszeit einige Bundesländer in eine bunte Partyzone. Ob „Narri-Narro“ im Mittleren Schwarzwald, „Hau-Hu“ in Neuhausen im Enzkreis, „Dill-Wei-Ho“ in Pforzheim-Dillweißenstein oder „Alaaf“ in Nordrhein-Westfalen – auch wenn die Narren unterschiedlich rufen, eines haben alle Faschingshochburgen gemein: In den Wochen vor Ostern gibt es keine Ausreden fürs Feiern. Tausende strömen auf den Umzügen durch die Städte und Gemeinden.

Doch Fastnacht ist nicht jedermanns Ding – gelebte Tradition oder grundloses Besäufnis? Die BNN-Redakteure Julia Falk und David Falkner sind sich uneins.

Pro (Julia Falk): „Fastnacht bedeutet auch, alte Traditionen zu pflegen“

Sich einmal im Jahr buchstäblich zum Narren zu machen – und das ohne schlechtes Gewissen. Darauf fiebern alle Fastnacht-Begeisterten monatelang hin. Dann wird das Häs, das manche seit Generationen in der Familie haben, wieder aus dem Schrank gekramt und die Feierei kann losgehen. Fastnacht bedeutet auch, alte Traditionen zu pflegen. Das wurde vor allem den Organisatoren des großen Umzugs im Pforzheimer Stadtteil Dillweißenstein schmerzhaft bewusst. Den gab es bereits seit 63 Jahren, als sich 2015 plötzlich nicht mehr genügend Gruppen anmeldeten – Tradition vor dem Aus? Drei Jahre lang schien es so, ehe die Macher vom Verein „Fasnetsumzug Pforzheim-Dillweißenstein“ den Umzug zum 66. Jubiläum 2018 mit vereinten Kräften wieder zum Leben erweckten. Darauf ein dreifaches „Dill-wei-ho“.

Die fünfte Jahreszeit ist die der Geselligkeit. Jung und Alt, Groß und Klein – alle Menschen feiern gemeinsam, egal, wer unter dem Häs steckt. Beim Vorbereiten der Umzüge müssen ganze Städte und Gemeinden an einem Strang ziehen – ohne das würde Fastnacht nicht funktionieren. Doch die bunte Zeit hat noch eine andere gute Seite, nämlich ihren eigentlichen Ursprung: Fastnacht, die Nacht vor dem Beginn der Fastenzeit. Die darauffolgenden 40 Tage verzichten die Menschen auf tierische Produkte Alkohol oder anderes. Sind die jeck? Nein, denn bewusster wahrnehmen und schätzen, wie gut es einem geht – auch das steckt hinter der Jahreszeit. Und das ist etwas, das die meisten von uns öfter tun sollten.

Kontra (David Falkner): „Fastnacht ist nichts weiter als eine Ausrede für abstoßende Grenzüberschreitungen“

Über die Deutschen gibt es viele Klischees. Eines lautet: Wir sind pragmatisch. Vielen Deutschen ist es beispielsweise wichtig, dass die Feiertage ihren Sinn nicht verlieren: Weihnachten ist nicht einfach das Fest der Liebe, sondern die Feier zur Geburt von Jesus Christus. Und an Ostern geht es nicht nur ums Eiersuchen. Nur zur Fastnacht schalten die Deutschen ihren Sinn für Pragmatismus plötzlich aus. Oder weiß jemand, was dieser Mix aus schlechten Witzen, schlechter Musik und gequält-guter Laune ursprünglich für einen Sinn hatte? Bei Fastnacht ging es einmal darum, die Geister des Winters auszutreiben. Aber davon ist heutzutage keine Rede mehr – im 21. Jahrhundert geht es nicht mehr um Wintergeister, sondern um Himbeergeist. Im Mittelalter wurde die Fastnacht dann als letzte ausschweifende Fete vor der Fastenzeit neu erfunden – aber auch das interessiert heute kaum noch einen Narren.  „Jetzt hab‘ doch einfach mal Spaß“, heißt es stattdessen.

Fastnacht im Jahr 2019 ist nichts weiter als eine Ausrede für abstoßende Grenzüberschreitungen: Da sind die politisch inkorrekten Witze dann plötzlich kein Problem, da ist es dann aus irgendeinem Grund nicht mehr so schlimm, wenn alte Männer Frauen an den Hintern grabschen, wenn Besoffene rassistische Blödeleien grölen oder tonnenweise Müll in der Landschaft landet – ist doch nur Spaß. Statt Fastnacht wäre mehr deutscher Pragmatismus ganz schön. Übrigens: Es gibt noch ein Klischee über die Deutschen: Wir haben keinen Sin für Humor, heißt es. Wer jemals eine Büttenrede ertragen hat, weiß, dass das stimmt.