Gibts es zu viele Feiertage in Baden-Württemberg? | Foto: BNN

Pro & Kontra

Haben wir zu viele Feiertage?

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Zwölf Feiertage gibt es im baden-württembergischen Kalender. In anderen Ländern sind es zehn oder elf, in Bayern teilweise sogar bis zu 14 Tage im Jahr, an denen die Supermärkte geschlossen und die Maschinen stumm bleiben. Freizeit ist eine schöne Sache, keine Frage. Aber haben die vielen Feiertage nicht auch eine negative Seite?

Haben wir in Baden-Württemberg zu viele Feiertage? Zwei BNN-Redakteure haben unterschiedliche Ansichten.

Pro (David Falkner): „Carpe Diem, nicht Celebra Diem“

Feiertag! Keine Arbeit, kein Stress! Zeit für die Familie, Zeit für Ausflüge, Zeit, die Beine hochzulegen. Klingt gut, nicht wahr? Eine kleine Frage: Wie viel Geld wäre Ihnen so ein Feiertag wert? Tja. Wie wäre es mit fünf Milliarden Euro? So viel kostet ein bundesweiter Feiertag laut Berechnungen von Christoph Schröder vom Institut der Deutschen Wirtschaft (Aussage in einem Fernsehinterview von 2017). In Baden-Württemberg gibt es zwölf Feiertage im Jahr. Und wenn wie in diesem Jahr elf dieser zwölf Feiertage auf Tage unter der Woche fallen, dann ist das für die Arbeitnehmer zwar eine gute Sache – für die Arbeitgeber bedeutet das aber vor allem erstmal viele Ausfälle und Störungen im Betriebsablauf.

Das klingt jetzt kalt und unmenschlich? Kommt auf die Perspektive an! In der chinesischen Computerbranche beispielsweise arbeiten viele Menschen sechs Tage die Woche – und zwar von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends. Von Work-Life-Balance kann da keine Rede sein. Aber vielleicht liegt die Wahrheit ja irgendwo dazwischen?

Niemand fordert, dass Feiertage grundsätzlich abgeschafft sollen – sie haben als religiöse Feste, Gedenk- oder Trauertage ihren Sinn und sind ein wichtiger Teil unserer Kultur und Identität. Niemand will Feiertage zu Ostern, Weihnachten oder zum deutschen Nationalfeiertag ernsthaft loswerden. Aber ganz ehrlich: Müssen Tage wie der Tag der Arbeit (1. Mai), Fronleichnam (20. Juni) oder Allerheiligen (1. November) wirklich arbeitsfreie Feiertage sein? Kaum jemand weiß, was da überhaupt gefeiert wird. „Carpe diem“, wusste schon der römische Dichter Horaz – „Nutze den Tag“. Von „Celebra diem“ – „Feiere den Tag“ – hat er nichts geschrieben. Er wird schon gewusst haben, warum.

Kontra (Tanja Starck): „Es geht um das Wohlsein der Menschen“

Feiertage geben die Möglichkeit, Glauben zu leben oder Zeit zu haben, eine Meinung zu vertreten. Wenn wir daran rütteln, greifen wir die Basis unserer Demokratie an. Feiertage wurden ja nicht aus Spaß am faul sein zu freien Tagen, sondern aus dem Gedanken, einen Arbeitstag zu opfern, um einen wichtigen Tag zu ehren.

Im 19. Jahrhundert erkämpften die Menschen den Acht-Stunden-Tag. Der 1. Mai, der Tag der Arbeit, gedenkt dieser Bewegung. Denn das Wohlsein der Menschen steht mindestens genauso im Vordergrund wie die Wirtschaftlichkeit einer Nation. Wir dürfen nicht vergessen, dass wirtschaftlicher Aufschwung mit dem Acht-Stunden-Tagen gelang. Arbeitnehmer lassen sich durch bessere Bedingungen motivieren. Von der heranwachsenden Generation heißt es sogar, dass sie den Kicker am Arbeitsplatz und Überstundenausgleich nicht als Belohnung, sondern als Selbstverständlichkeit sieht.

Zudem gieren Menschen in diesen Tagen nach Vorbildern, die Meinungen vertreten und dafür einstehen. So wie Greta Thunberg mit ihrem Kampf für den Schutz der Umwelt. Wie wäre es also damit, den nächsten Gedenkfeiertag zu nutzen, um für etwas zu kämpfen: die Umwelt, Arbeitsbedingungen oder andere Ideale? Und wer freie Tage sinnvoll nutzt, muss vielleicht nicht einmal mehr die Schule schwänzen.

Die Glaubensfeiertage sind sowieso unstrittig. Markieren sich doch die wichtigsten Meilensteine unserer christlichen Gesellschaft. Und wer immer noch zweifelt, soll doch einfach mal vor Feiertagen in die Gesichter jener blicken, die sich auf einen freien Tag freuen. Wie schön das Glück die Menschen doch macht.