Viele posten gerade auf Facebook und in anderen sozialen Medien im Schutz der vermeintlichen Anonymität, was sie anderswo nicht laut aussprechen würden. | Foto: Franziska Gabbert / BNN

Pro & Kontra

Hetze im Internet: Sollte man auf Hasskommentare antworten?

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Hetze im Internet ist ein Problem. Nicht erst seit gestern stehen auch soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Youtube in der Pflicht, gegen Hasskommentare auf den Plattformen vorzugehen. Dennoch sind Hetze, Hassposts und Anfeindungen noch immer allgegenwärtig in den sozialen Netzwerken. Für viele User stellt sich daher die Frage, wie – und ob – sie auf Hassrede im Internet reagieren sollen. Diskutieren oder ignorieren?

Pro (Eva-Christin Scheu): „Wir nehmen den vermeintlich Abgehängten die Deutungshoheit.“

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, mag sich der eine oder andere empören. Ja, darf man — wie erst vor wenigen Wochen das Landgericht Berlin in seinem Urteil bestätigte. Dennoch muss, wer im Internet Hass und Häme sät, Gegenwind zu spüren bekommen.

Eine falsche Behauptung kann widerlegt, Anfeindungen entgegnet und Vorwürfen sachlich der Wind aus den Segeln genommen werden. Selbst wenn die vermeintlich Abgehängten und Verbitterten unserer Gesellschaft damit nicht zum Umdenken bewegt werden, nehmen wir ihnen die Deutungshoheit.

Bleibt die Widerrede aus, überlassen wir es ihnen, den Ton in der digitalen Welt vorzugeben. Dadurch wirken sie mächtiger, als sie sind. Denn auch wenn der Blick in die Kommentarspalten das Gegenteil vermuten lässt, gilt trotzdem: Sie sind in der Minderheit.

Wer den Adressaten ihres Hasses zur Seite springt, signalisiert zudem: Ihr seid nicht alleine. Sei es ein ausländisch anklingender Name oder eine sexuelle Orientierung, die nicht der Norm entspricht – es benötigt wenig, um zur Zielscheibe haarsträubender Anfeindungen zu werden.

Nicht erst seit eine Partei im Bundestag sitzt, die ohne rot zu werden einzelne Menschengruppen diffamiert, haben sich die Grenzen des Sagbaren verschoben. Das darf nicht stillschweigend hingenommen werden — weder in der realen, noch in der digitalen Welt.

Im Zweifel hilft auch hier Humor. Auf die Forderung, er solle wieder zurück in seine Heimat, konterte Grünen-Politiker Cem Özdemir: „Das geht leichter als Sie sich das vorstellen – kommenden Samstag fliege ich wieder nach Stuttgart“.

Kontra (Christina Fischer): „Wer mit Hassrednern diskutiert, sorgt nur für mehr Hass.“

Foto: BNN

Dem ersten Reflex, direkt auf Hasskommentare in sozialen Medien zu antworten, zu widerstehen, kann manchmal die bessere Wahl sein. Denn durch lange Diskussionsschleifen, die sich häufig ohnehin im Kreis drehen, bekommen viele Hassredner im Internet erst die Plattform, die sie sich erhoffen. Dann werden Netzwerke aktiv, neue Hassredner springen dem ursprünglichen bei, die Diskussion schaukelt sich auf. Das Ergebnis unterm Strich: insgesamt mehr Hassrede, die im Internet zu lesen ist.

Nicht auf Hasskommentare zu antworten, muss auch nicht Passivität oder gar Feigheit bedeuten. Viele Äußerungen, die Hassredner im Internet tätigen, sind strafbar. Es gibt beispielsweise die bundesweite Meldestelle „respect!“, bei der Beiträge ganz einfach gemeldet werden können. Die Meldestelle erwirkt dann beim Netzbetreiber, dass der Beitrag gelöscht wird. Außerdem wird der Verfasser oder die Verfasserin angezeigt.

Auch bei Hassposts, die keinen Straftatbestand erfüllen, kann Zurückhaltung die bessere Wahl sein. Für eine fruchtbare Diskussion fehlt häufig ohnehin eine gemeinsame Basis. Wer sein Weltbild auf Verschwörungstheorien aufbaut, ist für Argumente jenseits dieser Weltsicht meist sowieso nicht zugänglich. Viele sind an einer Debatte auf Augenhöhe auch gar nicht interessiert, sondern möchten nur kurz ihre Meinung kundtun (oder das, was sie für eine Meinung halten).

Diese Hetze dann noch mit Aufmerksamkeit zu adeln, ist das falsche Signal.