Foto: Lukas Schulze (Archiv)

Pro & Kontra

Impfpflicht: Gesunder Menschenverstand oder der falsche Weg?

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Die gestiegene Zahl der Masern-Erkrankungen ist derzeit ein großes Thema in der Region: von der Ortenau über Karlsruhe bis in die Pfalz nach Landau. Auch bundesweit sorgen die Infektionen für Schlagzeilen: So denken Regierungspolitiker wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mittlerweile über eine Impfpflicht nach. Aber ist das der richtige Weg, um der Situation Herr zu werden? Diesbezüglich sind die BNN-Redakteure Julia Falk und Julius Sandmann nicht einer Meinung.

Pro (Julius Sandmann): „Die Impfpflicht schützt die Schwachen vor der Unvernunft der Verblendeten“

Drei Prozent. Läppische drei Prozent fehlen, um hierzulande die sogenannte Herdenimmunität für Masern zu verwirklichen. Wenn dieses Ziel erreicht ist, sind so viele Menschen geimpft, dass eine Person, die sich angesteckt hat, kaum noch jemanden infizieren kann.

So kommen die wenigen Menschen, die nicht geimpft werden dürfen, nicht in Kontakt mit den Viren. Die Schwächsten und Verletzlichsten der Gesellschaft: Babys, die jünger als elf Monate alt sind, und Personen mit einem geschwächten Immunsystem.

Warum existiert diese Krankheit – die in Deutschland bis 2015 ausgerottet sein sollte, aber stattdessen grassiert – noch? Weil, zumindest in der westlichen Welt, Verschwörungstheoretiker die Mär von der bösen Pharmaindustrie oder verunreinigten Medikamenten singen.

Ja, manchen Menschen geht es nach Impfungen nicht gut. Aber ist das ein Vergleich zur – zugegeben selten – nach Masern-Infektionen auftretenden subakuten sklerosierenden Panenzephalitis, bei der sich bei Kindern das Gehirn auflöst? Impfgegner gehen das Risiko ein, diese Krankheit mit zu verschulden. Wider besseren Wissens – und damit vorsätzlich.

Um die Impfpflicht für alle nachvollziehbar zu machen, gäbe es eine einfache Lösung: In Deutschland sollte sie für alle Erkrankungen gelten, für die die Ständige Impfkommission eine Empfehlung ausgesprochen hat.

Zudem sollten Ärzte – außer in Notfällen – weiterhin die Behandlung von nicht geimpften Kindern verweigern und Schulen Impfausweise kontrollieren dürfen. Um die Schwachen vor der Unvernunft der Verblendeten zu schützen.

Kontra (Julia Falk): „Mit einer Impfpflicht würde es sich der Staat einfach machen. Doch das ist der falsche Weg.“

Die medizinischen Möglichkeiten in den Industrieländern dieser Welt retten täglich unzählige Leben, das ist unbestritten. Heutzutage haben Menschen mit schlimmen Krankheiten wie Krebs Heilungschancen. Unbestritten ist aber auch das Recht am eigenen Körper. Seit bald 70 Jahren regelt Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik den Anspruch der Menschen auf Unversehrtheit. Ein Recht, das eine Impfpflicht massiv einschränken würde.

Laut einer Veröffentlichung des „Bundesgesundheitsblatt“ aus dem Jahr 2002 wurden zwischen 1991 und 1999 in sechs Bundesländern sieben Folgeschäden durch eine Masern-Mumps-Röteln-Impfung anerkannt. Verabreicht worden seien in dem Zeitraum 16 Millionen Impfdosen. Die Wissenschaftler sprechen bei den Zahlen von einer vorsichtigen Schätzung.

Zugegeben: Die Impfschäden machen eine extrem geringe Rate von 0,00004 Prozent aus. Aber: Für diese sieben Kinder und ihre Familien bedeutete die Impfung einen harten Einschnitt in ihr Leben. Das Risiko eines Folgeschadens ist zwar extrem gering. Die Angst aber, dass gerade das eigene Kind das Pech hat, eine statistische Ausnahme zu sein, kann den Eltern niemand absprechen.

Mit einer Impfpflicht würde es sich der Staat einfach machen. Doch das ist der falsche Weg. Wäre es nicht vielmehr eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, die Impfgegner und –skeptiker vom Gegenteil zu überzeugen? Ihre Ängste und Sorgen zu respektieren und anzuhören? Mit Zwang erreicht man selten etwas: Wer etwas verboten bekommt, will es dann nur umso mehr – und umgekehrt.