Stilbruch oder praktisch? Die kurze Hose im Büro.
Stilbruch oder praktisch? Die kurze Hose im Büro. | Foto: dpa

Pro & Kontra

Kurze Hosen im Büro: Würdelos oder eine Frage der Gleichberechtigung?

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An heißen Sommertagen sind viele Angestellte beim Thema Dresscode überfordert. Einige verschaffen sich Luft und kommen in Freizeitklamotten ins Büro. Vieles wird von Chefs inzwischen zähneknirschend geduldet, selbst bei Goldman Sachs und einigen Sparkassen gibt es keine Pflicht zum Schlips mehr. Aber was ist mit (haarigen) Männerbeinen – sollte tatsächlich alles erlaubt sein, was nicht ausdrücklich in einer Kleiderordnung verboten ist? Oder gibt es für Männer auch im Jahr 2019 noch Gründe, auf die kurze Hose im Büro zu verzichten?

BNN-Redaktionsmitglied Simon Haas gruselt es beim Anblick von „schwarzem Wollfilz auf weißen Männerbeinen“, sein Kollege Julius Sandmann ist anderer Meinung – bei Frauen rutschen die Rocksäume im Sommer schließlich auch nach oben.

Pro: „Die Römer haben quasi in kurzen Hosen Kriege gewonnen“

Man stelle sich folgende Situation vor: Jemand sagt, dass nur attraktive und dünne Frauen Kleider und Röcke tragen dürfen. Die Folge: ein Sturm der Entrüstung. Völlig zurecht.

Trotzdem verwenden Menschen, die behaupten, dass Männer im Büro keine kurzen Hosen tragen dürfen, häufig ähnliche Argumente: Die Beine sind zu dick, zu kurz, zu haarig. Außerdem hätten Männer in kurzen Hosen keine Autorität.

Auch mächtige Männer zeigen Knie

Allein geschichtlich gesehen ist das Blödsinn. Das römische Imperium wurde nicht dadurch gegründet, dass sich die anderen Völker vor den Legionen, gekleidet in Tunicae und Sandalen, in den Staub warfen. Rund 500 Jahre vor Christus fügten die Spartiaten dem persischen Heer in der Schlacht bei den Thermopylen schwere Verluste zu – und zeigten dabei Knie.

Und nein: Das ist nicht nur eine Frage der Gewalt. Einer der größten Rhetoriker der Weltgeschichte, Marcus Tullius Cicero, trug vermutlich während der heißen Sommer auch mal Tunica statt Toga – und nutzte nur die Macht seiner Worte.

Über Kilts beschwert sich auch niemand

Wie beim restlichen Dresscode kommt es bei der kurzen Hose im Büro auf den Stil an. Natürlich sollten Angestellte nicht in ausgewaschenen Shorts zur Arbeit kommen. Auch an Tagen, an denen sie Kundenkontakt haben, kann darüber diskutiert werden.

Ein unumstößliches Nein zur kurzen Hose ist jedoch falsch. Schließlich ist in vielen Kulturen das kurze Beinkleid des Mannes ein Zeichen von höchster Wertschätzung – in Schottland etwa werden Kilts meist zu besonderen Anlässen und Feierlichkeiten getragen. Wer einmal dem Umzug eines Clans beigewohnt hat – etwa dem der MacNabs in Killin –, wird danach nie wieder sagen, dass männliche Knie lächerlich sind.

Contra: „Klimaanlagen statt entblößte Männerbeine“

Ein bisschen Silicon Valley kann nicht schaden – dachten sich offenbar die vier älteren Herren im Vorstand der Frankfurter Sparkasse, als sie im März ohne Krawatte die Geschäftszahlen präsentierten.

Auch Dieter Zetsche nimmt sich in seiner Zeit als Daimler-Boss die schöpferischen Zerstörer der „New Economy“ zum Vorbild. Statt Bundfalten und Business-Schnürer trägt er seit Jahren Jeans und Sneaker. Die Krawatte, früher stilbildend, befindet sich im Niedergang. Genauso wie der Diesel und das Offline-Banking.

Wenn inzwischen ohnehin alles erlaubt ist im Büro – was spricht also noch gegen die kurze Hose? Um es gleich vorwegzunehmen: so ziemlich alles. Denn während die Abkehr von der Schlipspflicht den Einzug neuer Ideen in die alten Büros repräsentiert – flache Hierarchien, Chefs auf Augenhöhe –, steht die kurze Hose für rein gar nichts außer würdelos entblößter Haarstummel.

Vom Strand von Rimini ins Großraumbüro

Dass uns deren Anblick lange erspart blieb, haben wir einem strengen Moderegime zu verdanken – das zu bröckeln begann, als der Massentourismus hunderttausende Deutsche in Tennissocken und Sandalen an den Strand von Rimini spülte. Das Bild vom hässlichen „Tedesco“ war geboren. Dass den weißen Socken inzwischen Füßlinge in Sneakern gewichen sind, macht den Anblick von schwarzem Wollfilz auf weißen Männerbeinen nicht unbedingt erträglicher.

Italiener und Spanier wissen es besser

Es ist kein Zufall, dass man auf den Straßen Madrids oder in der Modehauptstadt Mailand selten Einheimische in kurzen Hosen sieht, egal wie heiß es ist. In spanischen und italienischen Büros schon gar nicht, die sind ohnehin klimatisiert.

Die kurze Büro-Hose deshalb komplett zu verbieten, wäre natürlich albern. Mitarbeiter – sonst eher regeltreu, in Modefragen aber häufig dem Anarchismus zugewandt – aktiv zum Stilbruch aufzufordern, ebenso. Unternehmensführer sollten vielmehr ihre männlichen Mitarbeiter vor sich selbst schützen. Ein erster Schritt wäre, in Klimaanlagen zu investieren statt in falsch verstandene Liberalität.

som