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Pro & Kontra

Mittagsschlaf am Arbeitsplatz: Sinnvolles Angebot oder Schnapsidee?

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Schlafmediziner sagen seit längerem, dass kleine Nickerchen am Tag die Leistung fördern. Doch in deutschen Unternehmen setzt sich diese Erkenntnis noch nicht durch. In den USA dagegen haben viele Unternehmen extra Ruheräume eingerichtet. St stellt der Konsumgüterhersteller Procter & Gamble seinen Mitarbeitern Schlafkabinen zur Verfügung und beim Suchmaschinenriesen Google im Silicon Valley sind die sogenannten Moon-Rooms mit Couchgarnituren und Sitzsäcken ausgestattet. Sollte sich so etwas auch hierzulande durchsetzen? Die Meinungen dazu gehen in der BNN-Redaktion auseinander. Während Tanja Rastätter den Mittagsschlaf positiv beurteilt, hält der stellvertretende Chefredakteur Rainer Haendle den Vorstoß für eine ausgemachte Schnapsidee:

Pro (Tanja Rastätter): „Kostenloser Mini-Urlaub für Körper und Seele“

 

Ein Schläfchen in Ehren kann niemand verwehren – was diese alte Weisheit besagt, ist auch heute noch richtig und wichtig. Bei Kindern wird stets darauf geachtet, ab der Einschulung verschwindet der Mittagsschlaf dann – zumindest in Deutschland.

In Ländern wie Japan ist der Mittagsschlaf hingegen ein Muss und im Arbeitsvertrag fixiert. Auch in südlichen Ländern gibt es seit Jahren eine Siesta. Nur in Deutschland ist Powernapping noch verpönt und wird bei Erwachsenen zu wenig unterstützt. Allerdings ganz ohne Grund: Denn bei einem kurzen Mittagsschlaf wird nicht nur entspannt, sondern auch wieder Kraft getankt für Körper und Seele. Der Akku wird wieder aufgeladen.

Bei einem Nickerchen von bis zu 20 Minuten können sich die Augen erholen. Der Arbeitnehmer ist nach dieser Schlafpause wieder fit. In den Tiefschlaf sollte der Schlafende nicht verfallen.

Der Mittagsschlaf hat sogar eine vorbeugende und gesundheitsfördernde Wirkung: Wer mittags eine Runde schläft, reduziert Stress, beugt Burn-out vor, senkt den Bluthochdruck und das Risiko für einen Schlaganfall. Außerdem sind Menschen, die für ein paar Minuten am Nachmittag die Augen schließen, seltener krank.

Wie sollte der „Nap“ nun gehalten werden? Wichtig ist, dass die Augen geschlossen sind, der Raum wohltemperiert (17 bis 19 Grad) und abgedunkelt ist und dass es wenig bis keine Störgeräusche gibt. Der ideale Zeitraum dieses kostenlosen Mini-Urlaubs ist zwischen 13 und 15 Uhr. Übrigens: Er soll sogar mehr wirken als eine Tasse Kaffee.

 

 

Kontra (Rainer Haendle): „Gift für die Produktivität“

Noch so eine Schnapsidee der Generation „Weichei“, die auf der Work-life-balance-Welle durchs Leben gleiten will: der Mittagsschlaf am Arbeitsplatz als angeblich gesundheitsfördernde Maßnahme. Als ob wir in deutschen Unternehmen nicht schon genug Pausen hätten, die einen kontinuierlichen Arbeitsfluss immer wieder unterbrechen und somit Gift für die Produktivität sind.

Und es sind ja nicht nur die Pausen, die immer mehr Firmen zu schaffen machen. Kaum ein Einstellungsgespräch vergeht, bei dem sich junge Mitarbeiter nicht nach einer Vier-Tage-Woche, Heimarbeit, Teilzeitbeschäftigung, Lebensarbeitszeitkonto oder der Möglichkeit eines Sabbaticals erkundigen würden. Statt Karriere hat der Nachwuchs erst einmal das eigene Wohl im Auge – und der Mittagsschlaf setzt dem ganzen noch die Krone auf. Wer die Zeche für diese überbordende Flexibilität zahlen muss, liegt auf der Hand. Es sind die leitenden Angestellten und Chefs, die kaum mehr wissen, wie sich das Wort Pause buchstabiert, weil sie nur noch Lücken füllen müssen.

Das Intranet deutscher Unternehmen wird hauptsächlich wegen nur eines Dokuments von den Mitarbeitern aufgerufen. Es ist der Speiseplan der Kantine, der im Mittelpunkt des Interesses der Belegschaft steht. Schon weit vor der großen Pause wird in den Teams ausgiebig darüber diskutiert, was es heute gibt und ob man nicht lieber mal wieder auswärts essen geht. Und jetzt soll noch mehr Arbeitszeit dadurch verschwendet werden, dass auch noch eine Debatte über das Für und Wider einer anschließenden Siesta entfacht wird? So wird das einstige Gütesiegel „made in germany“ immer mehr zur Lachnummer für die internationale Konkurrenz.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ein kurzes Nickerchen am Wochenende nach einer ausgiebigen Sporteinheit am Vormittag ist für die Regeneration des Körpers enorm wichtig und sehr sinnvoll. Aber bei einem Bürojob, der nur das Gehirn, nicht aber die Muskeln belastet, sollte man sich nach der Nahrungsaufnahme eher an der frischen Luft die Beine vertreten, als diese hochzulegen. Statt Mittagspause und Mittagsschlaf muss man eher darüber nachdenken, die langen Pause ganz abzuschaffen und dafür früher in den Feierabend zu gehen. Es gibt Unternehmen, die dadurch die Produktivität und die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter gleichermaßen gesteigert haben. Das ist sicher nichts für Weicheier, aber der Erfolg eines Unternehmens sichert nun mal die Arbeitsplätze.