Mittelalterfeste - fröhliche Folklore oder Fenster in die Vergangenheit? Foto: imago

Pro und Kontra

Mittelalterfeste: Folklore oder ein Tor zur Vergangenheit?

Anzeige

Das Mittelalter übt bis heute eine große Faszination aus. Unzählige Filme, Computerspiele und zahlreiche Musikgruppen greifen mittelalterliche Motive auf. Und auf zahlreichen Mittelalterfesten und -märkten feiern die Menschen die Ära der Ritter und Könige. Doch geben derlei populäre Rezeptionen einen echten Einblick ins Mittelalter?

Auf Mittelaltermärkten tummeln sich zahlreiche Fans der Epoche. Die Beschicker arbeiten oft mit viel Fachwissen und Begeisterung daran, ihnen mittelalterliche Handwerkskunst zu präsentieren und einen Einblick in damalige Lebensgewohnheiten zu vermitteln.

Doch reicht das, um den Besuchern ein ernsthaftes Verständnis des Mittelalters zu vermitteln – oder sind die Veranstaltungen eher Folklore? Unsere Autoren haben die Frage diskutiert.

Pro (David Falkner): „Jede Erweiterung des eigenen Horizonts ist eine gute Sache“

Vom Turnierplatz her sind Jubelrufe zu hören, das Trommeln der Pferdehufe auf dem Sandboden, das Knallen der hölzernen Lanzen. Wir gehen vorbei am Bogenschießstand, wo gerade ein bärtiger, sonnengebräunter Mann einem kleinen Mädchen dabei hilft, die Sehne zu spannen und auf das Ziel anzulegen. Am Essensstand holt gerade eine Frau mit schmutziger Schürze und Kopftuch ein duftendes Brot aus dem Holzhofen. In der Luft hängt der Duft von Schweinebraten. Plötzlich steht ein Mann vor uns – grimmiger Blick, ein bemaltes Schild in der Hand, ein hölzernes Schwert am Gürtel. „Entschuldigen Sie, könnte ich Ihr Handy leihen? Mein Akku ist leer.“

Willkommen in der bunten Welt der Recken und Burgfräuleins, der grimmigen Krieger und der lustigen Spielleute – willkommen in der Welt der Mittelaltermärkte. Die sind in Deutschland schon seit Jahren sehr beliebt und sprießen wie Klee aus dem Boden – und ich sage: gut so! Mittelalterfeste sind Ausflüge in eine Fantasie, die bei den Besuchern Neugier und Interesse wecken. Mit was für Werkzeugen haben Menschen früher gearbeitet, wie haben Menschen früher gefühlt, gedacht, gelebt? Klar haben die Feste heute mit der Realität vor 1000 Jahren wenig zu tun – die Menschen hatten weniger Zähne, rochen nach Urin statt nach Chanel und machten sich mit 30 Jahren keine Gedanken über den nächsten Urlaub in Spanien sondern darüber, wie sie ihre sieben Kinder über den nächsten Winter bringen sollten. Aber dessen sind sich die meisten Besucher ja bewusst, und diesen Anspruch haben diese Feste ja auch nicht. Das ist kein Problem. Die Feste sind ein harmloser Spaß, und wie bei jedem harmlosen Spaß gilt: Solange man es nicht übertreibt mit der Leidenschaft, ist nichts dabei. Wer sich über das „wahre“ Mittelalter informieren möchte, bekommt auf solchen Festen doch die richtigen Anreize. Jede Erweiterung des eigenen Horizonts ist eine gute Sache. Und das Wissen über die Realität kann man dann nach dem Besuch dann in Sachbücher nachlesen – oder gleich bei den Kennern vor Ort einfach mal nachfragen.

Die Frage, wie man Mittelalterfesten gegenübersteht ist letztlich die Frage, wie man Eskapismus gegenübersteht. Und klar kann und muss man Eskapismus bisweilen kritisch sehen – aber doch nicht grundsätzlich. Ein Ausflug in die Vergangenheit – und mag sie noch so geschönt sein – ist nicht nur Spaß und Entspannung, sondern auch eine Chance, die Welt und die Menschen in einem neuen, alten Licht wiederzuentdecken.

Kontra (Markus Pöhlking): „Historischen Erkenntnisgewinn dürfte das bunte Treiben höchstens in homöopathischen Anteilen ermöglichen.“

 

Mittelaltermärkte haben mit dem Mittelalter nicht viel mehr gemein als den Namen. Eine rund 1000 Jahre währende Epoche verdichtet sich für ein paar Stunden zu einem Stelldichein von Hobby-Gauklern und Wochenendburgfräuleins – natürlich kann es da mit historischer Authentizität nicht weit her sein.

Und grundsätzlich muss es das ja auch nicht: Es spricht nichts dagegen, sich bei einem Horn Met und ein paar Spezereien an akrobatischen Ritterkämpfen zu erfreuen oder an den Klängen einer Laute. Und dabei die Vorstellungskraft auf Reisen zu schicken, auf dass sie irgendwo ein Stück Mittelalter erhasche. Denn immerhin, dass erweitert den Geist und das ist ja schon ein Wert an sich.

Aber: Historischen Erkenntnisgewinn dürfte das bunte Treiben höchstens in homöopathischen Anteilen ermöglichen. Denn die Faszination, die das Mittelalter heute ausübt, ist nicht in der Epoche an sich begründet, sondern in unserer Fantasie: Dort sind Burgen und Klöster, große Könige, strahlende Ritter und niederträchtige Schurken längst zu einer Art Märchenwelt verschmolzen, die Stoff für große Unterhaltung bietet.

Den Weg dahin verdeutlicht die Rezeptionsgeschichte des deutschen Mittelalters: Die Gebrüder Grimm, die deutsche Romantik und mit ihr die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts idealisierten die Burgen am Rhein und Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser. Wer das nötige Kleingeld hatte, setzte reichlich fantastische Märchenritterburgen in die Landschaft (prominentestes Beispiel: Schloss Neuschwanstein). Derart verklärt, geriet das Mittelalter im Wilhelminismus und später im Nationalsozialismus gar zu einer Ressource, die beide Systeme für ihre Herrschaftsinszenierung anzapften.

Und heute? Steckt Mittelalter in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwo zwischen Spielzeugrittern und Game of Thrones. Die eigentümliche Realität der Epoche, das Leben in der Ständegesellschaft etwa, Frömmigkeit und Untergangserwartung, finden Aufmerksamkeit höchstens beim Fachpublikum und bei interessierten Laien. Wie auch die zivilisatorischen Leistungen dieser Epoche, in der sich bis heute prägende Besiedlungsstrukturen herausbildeten, selbstverfasste Stadtgesellschaften und die Grundlage unserer Bildungstradition.

Der Mittelaltermarkt  taugt kaum als echtes Fenster in diese Epoche. Er ist ein Unterhaltungsprodukt. Als solches kann er, immerhin, ein Interesse wecken, dass hinter die schillernde Kulisse von Rittern, Königen und Burgen führt.