Müssen Autofahrer den Fahrradfahrern mehr Platz einräumen?
Müssen Autofahrer den Fahrradfahrern mehr Platz einräumen? | Foto: Swen Pförtner/Archivbild

Pro & Kontra

Müssen Autos den Fahrrädern mehr Platz einräumen?

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Wer auf deutschen Straßen unterwegs ist, weiß, dass eigentlich jeder Verkehrsteilnehmer zu wenig Platz hat. Fußgängern werden die Gehwege zugeparkt, Radfahrer sind außer auf Fahrradwegen unerwünscht, und Autos stehen grundsätzlich im Stau.

Die Debatte um E-Scooter auf Gehwegen hat wieder eine generelle Debatte um die Nutzung von Verkehrswegen ausgelöst. Ein Gedanke ist, dass Autofahrern den Fahrräder mehr Platz einräumen – etwa, indem Parkplätze zurückgebaut werden. Muss das Auto dem Fahrrad künftig häufiger Vorfahrt gewähren? Diesbezüglich sind die BNN-Redakteure Tanja Starck und Julius Sandmann nicht einer Meinung.

Pro (Julius Sandmann): „Drais’ Laufmaschine muss Benz’ Automobil überholen“

Als erste deutsche Stadt hat Konstanz Anfang Mai den Klimanotstand ausgerufen, vor wenigen Tagen folgte Heidelberg. Zwei Städte, beide in Baden-Württemberg, die sich einig sind: Es muss sich etwas ändern. Konstanz möchte für einen besseren Klimaschutz ein Maßnahmenpaket umsetzen. Ein Ziel darin: Der Autoverkehr soll reduziert werden, die Bürger sollen auf das Fahrrad umsteigen.

Wer einmal im morgendlichen Berufsverkehr durch das baustellengeplagte Karlsruhe gefahren ist, kann nur zu dem Schluss kommen, dass das eine hervorragende Idee ist. Aufgrund des begrenzten Platzes in vielen Städten kann sich das muskelbetriebene Zweirad aber nur weiter entfalten, wenn das motorisierte Vierrad zurückweicht. Es gibt bereits viele gute Ansätze. In manchen Straßen heißt es: Drais’ Laufmaschine hat Vorfahrt vor Benz’ Automobil. Auch werden Parkplätze zurück- und dafür Radwege ausgebaut.

Die Stadtplaner sollten sich auch einige Straßen in der Region in Bezug auf folgende Frage anschauen: Muss dieser Verkehrsweg so breit sein oder kann ein Teil in einen Radweg umgewandelt werden? Wenn durch die steigende Attraktivität mehr Menschen auf den Drahtesel – der wesentlich weniger Raum einnimmt als ein Auto – umsteigen würden, hätte das im Umkehrschluss für die verbleibenden Pkw-Fahrer sogar einen positiven Effekt. Denn sie hätten im Straßenverkehr deutlich mehr Platz. Schließlich ist auch eingefleischten Fahrrad-Fans klar, dass nicht alle Besorgungen, Unternehmungen oder beruflichen Verpflichtungen auf zwei Rädern erledigt werden können.

Kontra (Tanja Starck): „Deshalb müssen Verkehrskonzepte jetzt für die Zukunft geplant werden.“

Deutschland ist eine Autofahrernation. Das sollte doch reichen, um klar zu machen, dass es keine gute Idee ist, die Autofahrer noch mehr einzuschränken. Immerhin denkt das Ausland bei der Frage nach Deutschland in erster Linie an die „German Autobahn“ und nicht an die „deutsche Fahrradstraße“.

Wer plant, die Straßen für Autos mehr einzuschränken, der soll doch bitte nur einmal zu Stoßzeiten in der Baustellenstadt Karlsruhe unterwegs sein. Empfehlenswert wäre die Strecke Karlsbad-Langensteinbach nach Wörth am besten über die Karlsruher Kriegsstraße. Da liegen nämlich gleich vier Großbaustellen auf dem Weg. Verkehrsplanung als Glücksspiel, könnte man zumindest nach der Tor-„tour“ auf dieser Fahrtstrecke annehmen.

Und Zukunftsplanung sieht sowieso anders aus: Baden-Württemberg hat das Glück zu wachsen. Das ist Segen und Fluch zugleich. Denn das Land und seine Städte sind nicht darauf eingestellt, die Menschen umfassend mit Wohnraum und einer gelungenen Verkehrsinfrastruktur zu bedienen. Deshalb müssen Verkehrskonzepte jetzt für die Zukunft geplant werden. Als große Lösung und nicht klein-klein. Der Gedanke, einem Verkehrsteilnehmer auf Kosten eines anderen etwas zu schenken, der ist wohl eher in einer kleineren Amtsstube und nicht am großen Smartboard der Visionäre entstanden.

Wer jetzt noch der Meinung ist, dass Autos den Fahrradfahrern mehr Platz machen sollen, der soll doch bitte selbst Fahrrad fahren: An kalten Wintertagen ebenso wie an gewitterreichen Sommertagen. Denn sind wir ehrlich, so manche Fahrradstraße ist im Winter ein trostloser Anblick. So ungenutzt, so sinnlos. Als Autofahrer denkt man da nur: Danke für nichts.