Es gibt längst mehr Emojis als die meisten Menschen Emotionen haben. | Foto: imago

Pro & Kontra

Sind Emojis eine Bereicherung für die Kommunikation oder einfach nur nervig?

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In der schriftlichen Kommunikation sind Emojis längst ein probates Mittel, um Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Allerdings: Nicht alle freuen sich, wenn ihnen aus Emails und Kurznachrichten gelbe Gesichter entgegengrinsen. Sind Emojis eine Bereicherung – oder eher ein Ärgernis?

Pro (Daniel Stahl): „Wer in Emojis die nächste Bedrohung für unsere Sprache sieht, hält sich vielleicht auch nur selbst für etwas Besseres.“

Daniel Stahl Pro

In Japan sind Emojis längst tief in der Alltagskommunikation verwurzelt. Der Berg mit der Schneespitze? Ist der Mount Fuji in Japan. Die bunten Fische an einem Stock? Sind Fahnen für den Kindertag der Inselnation. Ob die Japaner darüber nachdenken, dass die Sprache darunter leiden könnte? Vermutlich nicht: Sie haben schlicht Spaß mit Emojis.

Denn Emojis eröffnen neue Möglichkeiten, Gesten und Gefühle auszudrücken. Lachen beim Sprechen, gestikulieren, auf Dinge zeigen: Dank Emojis geht das auch in einer geschriebenen Nachricht. Kleine gelbe Gesichter drücken ein Lachen aus – was wesentlich schöner ist, als „LOL“ zu schreiben.

Emojis sind positiv. Es gibt keine Waffen-Emojis mehr, nur eine Spritzpistole. Dafür gibt es welche, die Menschen mit Behinderung abbilden, Menschen verschiedener Religionen, Menschen verschiedener Hautfarben. Es war nie so schön, individuell zu kommunizieren.

Gleichzeitig sind Emojis eine eigene Welt, die sich stetig wandelt und erweitert. Ein Oktopus kann auch eine virtuelle Umarmung sein, Croissants standen an vielen Orten für Opposition zum Brexit.

Manche Menschen neigen beim Gedanken an die kleinen fröhlichen Symbole zum Kulturpessimismus – ähnlich der Diskussionen um Anglizismen oder die Jugendsprache. Doch wer in Emojis die nächste Bedrohung der Sprache sieht, hält sich vielleicht nur selbst für etwas Besseres.

Emojis können unserer Sprache nichts anhaben, denn sie sind nur eine effiziente Ergänzung. Ein Kuss-Emoji ersetzt keinen wieder und wieder überarbeiteten Liebesbrief. Aber oft sagt ein Smiley mehr als fünf lange Sätze.

Kontra (Markus Pöhlking): „Es gibt längst mehr Emojis, als die meisten Leute Emotionen haben.“

Früher mussten sich Menschen Mühe geben, wenn sie Befindlichkeiten und Zwischentöne in einem Text zum Ausdruck bringen wollten. Dann kamen die Emojis.

Beziehungsweise: Zunächst kam erstmal nur eine handvoll. Per Kombination aus Klammern, Doppelpunkten und Semikolon begannen Leute, grinsende, zwinkernde oder bedrückte Grimassen zu verschicken. Das konnte nervig sein und so aussehen:

„Gleich gemeinsam einen Kaffee? :-)“ – „Okay, gern.“ – „Supi, freut mich :-)))))))))“

Zunächst kam so etwas meistens von Leuten, die im realen Leben ähnlich aufgedreht sind, wie sie sich in der schriftlichen Kommunikation geben. Es waren Ausnahmen. Dann begann die Sache, aus dem Ruder zu laufen.

Wer nämlich heute die gängigen Messenger-Programme nutzt, stellt fest: Es gibt längst mehr Emojis, als die meisten Leute Emotionen haben. Ein Freund reagiert auf Geburtstagsglückwünsche mit einem lachenden Kothaufen und ein paar knutschenden Feuerwerkskörpern. Was um alles in der Welt soll das bedeuten?

Das weiß wohl niemand so genau. Die Reduktion emotionaler Zusammenhänge auf ein paar Pixel jedenfalls droht, ein paar Jahrhunderte komplexer Sprachentwicklung im Schnelldurchlauf rückgängig zu machen. In zwanzig Jahren werden wahrscheinlich die Werke von Goethe und Schiller als Emoji-Ausgaben veröffentlicht werden müssen, weil sie sonst keiner mehr versteht.

In 90 Prozent aller Fälle braucht es kein Emoji, um die Bedeutung einer Nachricht klarzumachen. Für die übrigen zehn Prozent gilt: Gerade eine gewisse Unschärfe verleiht dem Zwischenmenschlichen erst die richtige Würze.