An Kandidatinnen zur Wahl der "Miss Germany" im Europa-Park herrschte auch 2018 kein Mangel. Aber sind Miss-Wahlen nicht eigentlich diskriminierend?
An Kandidatinnen zur Wahl der "Miss Germany" im Europa-Park herrschte auch 2018 kein Mangel. Aber sind Miss-Wahlen nicht eigentlich diskriminierend? | Foto: Frank May / BNN

Pro & Kontra

Sind Miss-Wahlen diskriminierend?

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Miss-Wahlen sind auch 2019 noch Publikumsmagneten. An Bewerberinnen um die Schönheitsköniginnen-Krone herrscht kein Mangel und das mediale Interesse an den Miss-Wahlen ist nach wie vor hoch. Auch die 19-jährige Lalaine Mahler aus Loffenau macht sich gerade fit für eine anstehende Miss-Wahl in Venezuela. Aber: Sind Miss-Wahlen überhaupt noch zeitgemäß? Oder schlimmer: Sind Miss-Wahlen nicht eigentlich einfach diskriminierend?

Zwei Redakteure vertreten unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema:

Pro (David Falkner): „Entwürdigend für die Teilnehmerinnen, beleidigend für das Publikum“

So lange ist es noch gar nicht her, da wurden Menschen in Zoos gehalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Schwarzafrikaner und andere fremdländische Menschen in sogenannten „Völkerschauen“ den gaffenden Europäern präsentiert.

Das ist glücklicherweise vorbei, in Form der Miss-Wahlen gibt es diese unwürdige Fleischbeschauung aber in anderer Form auch noch heute. Und wie bei den Völkerschauen sind die Gewinner des Systems – die, die damit wirklich Geld verdienen – jene, die hinter dem Bühnenvorhang stehen. Die Unternehmer, die Organisatoren, die Konzerne.

Bei Miss-Wahlen geht es nicht darum, eine Frau für ihre Schönheit zu würdigen. Nicht wirklich. Es geht darum, den Voyeurismus der Menschen (vor allem: der Männer) auszunutzen, um Geld zu verdienen, um Werbung zu machen. Die Frau wird zur Werbeplattform, und für einen fadenscheinigen Titel und ein bisschen Applaus fallen viele immer und immer wieder darauf herein.

„Miss Universum“, „Miss World“, „Miss Earth“, „Miss Intercontinental“: Es gibt sieben verschiedene (!) weltweite Schönheitswettbewerbe für Frauen – alle von unterschiedlichen Organisatoren, die ein Stück vom Kuchen des Anerkennungswahns abhaben wollen. Klar: heutzutage müssen die Kontrahentinnen nicht nur gut aussehen, sondern auch nett winken, einen Funken Allgemeinbildung besitzen und brave Antworten auf oberflächliche Quatschfragen beantworten – das ist letztlich aber auch alles nur Fassade, eine Ausrede.

Ehrliche Auseinandersetzung und Selbstreflektion sind nicht erwünscht – stattdessen gibt es einen großen Lügen-Zirkus, verdeckt von einer hauchdünnen Schicht billigem Kitsch. Miss-Wahlen sind entwürdigend für die Teilnehmerinnen und beleidigend für das Publikum. Schafft sie endlich ab, damit wir uns um wichtigere Dinge kümmern können.

Kontra (Christina Fischer): „Aus feministischer Sicht muss es Miss-Wahlen geben“

Foto: BNN

Wenn Frauen auf ihr Äußeres reduziert werden, prangern Feministen und Feministinnen dies an – und das absolut zu recht. Wenn bei Politikerinnen statt über ihre Reden über ihr Outfit gesprochen wird und wenn Frauen in Unternehmen Kaffee holen geschickt werden, während ihre männlichen Kollegen nach Feierabend mit dem Chef ein paar Bierchen zischen – und ganz nebenbei das fettere Gehalt kassieren – dann nennt man das Sexismus. Das ist zu verurteilen, in jeder Hinsicht und aufs Schärfste.

Eine Miss-Wahl allerdings ist etwas anderes. Keine der Missen wird in diesen Wettbewerb gezwungen, keine wird zwanghaft in einen Bikini gesteckt und vor eine Jury gezerrt, um sich öffentlich diskriminieren zu lassen. So wie es jeder Frau freisteht, sich in Sport, Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft zu engagieren, so muss es auch den Frauen überlassen bleiben, ob sie ihr Aussehen in den Mittelpunkt ihres Ehrgeizes stellen wollen.

Außerdem waren Miss-Wahlen ganz am Anfang ihres Entstehens durchaus ein emanzipatorischer Akt. Am 5. März 1927 wurde die 21-jährige Hildegard Kwandt aus Ostpreußen zur ersten deutschen Schönheitskönigin gekrönt. Während Kwandt sich im kurzen Kleid, geschminkt und zurecht gemacht auf einer Bühne präsentierte, waren die Frauen auf dem Land noch Hausfrau und Mutter, oft Bäuerin, und weitestgehend unsichtbar.

Ledige junge Frauen, die ihr eigenes Geld verdienten, die nach Feierabend feiern gingen und mit Männern flirteten  – und die ihr Aussehen nicht versteckten, sondern inszenierten – das war damals, in den „wilden 20ern“, durchaus revolutionär. Interessant auch: Miss-Wahlen gibt es nur in jenen Ländern, in denen Frauen – annähernd – gleichberechtigt sind. Je gleichberechtiger, desto Miss-Wahl könnte man sagen.

Von dem Konzept „Miss-Wahl“ kann man nun dennoch halten, was man will. Man kann die Wahlen als institutionalisierten Sexismus sehen. Dass dort das Aussehen von Frauen nach letzten Endes subjektiven Kriterien bewertet wird, ist Fakt. Würde man Miss-Wahlen aber verbieten, so würde man jenen Frauen, die dort freiwillig und gerne mitmachen, ein Stück ihrer Freiheit nehmen. Und das wiederum wäre antifeministisch.