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Pro & Kontra

Sollen Handwerker nach der Berufsausbildung künftig auch „Bachelor“ heißen?

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Lehrling, Geselle, Meister – so lautet schon seit langem der klassische Karriereweg im deutschen Handwerk. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) möchte nun neue Titel einführen: Nach der  Gesellenprüfung sollen Handwerker sich „Professional Expert“ nennen dürfen, nach der Meisterprüfung „Bachelor Professional“. Betriebswirte sollen sogar „Master Professional“ heißen. Ist das eine sinnvolle Aufwertung des Handwerks oder verwirrende Symbolik? Unsere Redakteure sind geteilter Meinung.

Pro (Julia Weller): „Der Titel schafft Anreize, das Handwerk der Hochschule vorzuziehen.“

Die Deutschen und ihre Titel: Manchmal könnte man meinen, in diesem Land ist man nur jemand, wenn Diplom-Ingenieur oder Prof. Dr. med. auf der Visitenkarte steht. Groß war demzufolge die Aufregung, als Diplom und Magister sukzessive durch Bachelor und Master ersetzt wurden. Einige sagten gar den Untergang des Dichter-und-Denker-Deutschlands vorher.

Aber obwohl staatlich examinierte Oberstudienräte oder habilitierte Hochschuldozenten gerne naserümpfend feststellen, dass die Studenten von heute wegen verschulter und verknappter Lehrpläne kaum noch eine vernünftige wissenschaftliche Ausbildung erhalten: Bachelor und Master haben die deutschen Abschlüsse vereinheitlicht und vergleichbar gemacht. Junge Menschen können mit ihren Qualifikationen problemlos im Ausland arbeiten, zwischen Universitäten hin- und herwechseln und ihre Abschlüsse anerkannt bekommen. All das ist aus einer Welt, in der es auf europäische Zusammenarbeit und weltweite Wettbewerbsfähigkeit ankommt, nicht mehr wegzudenken.

Es wäre sinnvoll, dem Handwerk die gleichen Vorteile zu verschaffen. Die Titel „Bachelor Professional“ und „Master Professional“ würden es deutschen Fachkräften im zunehmend globalisierten Stellenmarkt einfacher machen. Vor allem aber würden sie jungen Menschen Anreize schaffen, das Handwerk der Hochschule vorzuziehen. Der Fokus von Politik und Gesellschaft liegt schon seit langem zu sehr auf der akademischen Bildung. Tausende unbesetzte Lehrstellen und ein massiver Fachkräftemangel sind die Folge.

Mit den neuen Titeln würde sich vielleicht doch der ein oder andere für eine Handwerkslehre entscheiden, müsste er schließlich nicht befürchten, nach vielen Jahren des Lernens und Arbeitens „nur“ als Geselle oder Meister abgestempelt zu werden. Und wenn die Hochschulrektorenkonferenz eine Verwechslung mit Studienabschlüssen befürchtet, sollte sie sich vielleicht weniger Gedanken um die Bezeichnung machen – sondern überlegen, wie sie ihre in Verruf geratenen Bachelor- und Master-Titel aufwerten und vom Handwerk abheben kann. Ein gesunder Wettbewerb um Renommee und Rekruten ist hier sicher nicht verkehrt.

 

Kontra (Julius Sandmann): „Dieser Vorstoß ist absurdes Theater.“


Im deutschen Handwerk gibt es derzeit rund 25.000 offene Stellen, wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) während seiner Frühjahrskonferenz in Chemnitz im April erklärte. Imagekampagnen reichen laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund nicht aus, um diesen Missstand zu beheben. Aber was ist der Vorstoß von Bundesbildungsministerin Karliczek denn anderes als pure Symbolpolitik?

Eines der größten Probleme des Nachwuchses im Handwerk ist doch, dass sehr viele junge Menschen heutzutage studieren wollen, statt sich ausbilden zu lassen. Und da findet es auch der ZDH wünschenswert, wenn akademische Titel mit Bezeichnungen im Handwerk vergleichbar sind? Aus der Politik ist bekannt, dass es nie ratsam ist, ein Original zu imitieren. Denn warum sollten sich Leute für eine Kopie entscheiden?

Zumal die Begriffe Bachelor und Master nicht gerade positiv besetzt sind – für viele Menschen in der akademischen Welt stehen sie für die Verschulung und Vereinfachung des Studiums. Warum das Handwerk mit unbeliebten Begriffen belasten? Zumal, Hand aufs Herz: Wer denkt bei der Bezeichnung „Bachelor Professional“ an einen Meister? Das englische Wort Bachelor kann zudem mit Junggeselle übersetzt werden – „-geselle“! Und der Geselle soll künftig „Professional Expert“ genannt werden. Das ist mehr als verwirrend und schlicht und ergreifend unlogisch.

Zum absurden Theater ist das ganze Vorhaben aber schlussendlich verkommen, als sich der ZDH und Ministerin Karliczek laut einem Medienbericht darauf geeinigt haben, dass die neuen Begriffe die herkömmlichen Bezeichnungen auf den Zeugnissen nur ergänzen, aber nicht ersetzen sollen. Spätestens dann stellt sich die Frage: Was soll das Ganze überhaupt?

Das Handwerk sollte nicht versuchen, sich dem Studium anzubiedern, sondern es sollte sich davon abgrenzen. Es genießt ein derart hohes Ansehen in Deutschland und auf der Welt. Dies gilt es hervorzuheben. Einen Unterschied sollte das Handwerk hingegen viel mehr in den Vordergrund stellen: Wie viele Akademiker verdienen in ihrem Leben wirklich mehr Geld als ein Handwerker, der ab einem Alter von 16 Jahren seinen Weg vom Lehrling über den Gesellen bis hin zum Meister gegangen ist?