Sollte der Frauenfußball öfter in den Medien vorkommen? Zwei Redakteure sind unterschiedlicher Meinung. | Foto: Carmen Jaspersen / BNN

Pro & Kontra

Sollte der Frauenfußball in den Medien eine größere Rolle spielen?

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Am 7. Juni startet die 8. Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Frankreich. 24 Mannschaften –  und auch die Auswahl des Deutschen Fußballbundes – treten dort im Kampf um den Weltmeistertitel an. In der Medienlandschaft ist es im Gegensatz zum Medienfeuerwerk vor einer Weltmeisterschaft des Männerfußballs allerdings verhältnismäßig ruhig. Aber ist das in Ordnung so? Oder sollte der Frauenfußball nicht eine viel größere Rolle in den Medien spielen? Darüber sind BNN-Redakteur Markus Pöhlking und BNN-Redakteurin Christina Fischer unterschiedlicher Meinung.

Pro (Christina Fischer): „Dass der Frauenfußball weniger populär ist als sein männliches Pendant, ist das Ergebnis der Art und Weise, wie über ihn berichtet wird.“

Frauenfußball spielt medial eine geringere Rolle, weil er weniger Menschen interessiert? Dieses vermeintliche Totschlagargument ist bestenfalls naiv. Wenn Frauenfußball von Natur aus belanglos wäre, warum war es dann dem Deutschen Fußballbund ein solches Anliegen, ihn zu verbieten? 1955 nämlich verbot der DFB den Frauenfußball mit der Begründung, „dass diese Kampfsportart der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist.“ „Körper und Seele“ würden unweigerlich Schaden erleiden und „das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“, hieß es. Außerdem habe der Fußball angeblich eine gesundheitsschädigende Wirkung auf Frauen, da dadurch die Gebärfähigkeit beeinträchtigt werde. Man möchte Tränen der Rührung vergießen.

Der vermeintlichen Fürsorglichkeit des DFB zum Trotz war das Verbot bekanntlich nicht von Dauer. Das ist auch an den hervorragenden Leistungen der deutschen Fußballerinnen abzulesen. Zwei Weltmeister- und ganze acht Europameister-Titel sowie ein Mal olympisches Gold und drei Mal Bronze – so fremd kann diese Sportart „der Natur des Weibes“ offensichtlich nicht sein. Dass der deutsche Frauenfußball weniger populär und in den Medien weniger präsent ist als sein männliches Pendant, ist vielmehr das Ergebnis der Art und Weise, wie er von jenen behandelt wird, die über ihn entscheiden, ihn kommentieren und über ihn berichten. In aller Regel sind das Männer. Arbeitet sich einmal eine Frau in diese Bereiche vor, ist sie Hohn und Spott ausgesetzt. Man erinnere sich beispielsweise an ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann. Ihre Stimme sei „unangenehm“ war eine der milderen Beleidigungen, die ihr damals, als sie ein WM-Spiel der Männer kommentierte, entgegenschlugen. „Hier wird offensichtlich etwas Grundsätzliches berührt: Eine Frau kommentiert ein Spiel der Männer-WM“, bemerkte damals auch ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann. Genau das ist der Punkt: Der Frauenfußball ist in den Medien unterrepräsentiert oder wird dort spöttisch, wenn nicht gar sexistisch, abgehandelt, weil Männer das so wollen. Das würde natürlich niemand offen aussprechen. Der Frauenfußball sei einfach nicht interessant genug, ist da eine elegantere Begründung – und übrigens falsch: Im Ausland boomt der Frauenfußball regelrecht. In Spanien und Italien werden Zuschauerrekorde im Frauenfußball aufgestellt, das letztjährige Pokalfinale in England lockte gar über 45.000 Zuschauer ins Stadion.

An abfälligen Bemerkungen über fußballspielende Frauen mangelt es aber gerade in Deutschland damals wie heute nicht: „Die brauchen sich doch gar nicht aufzuregen, die Zuschauer, die Frauen waschen doch ihre Trikots selber“, kommentierte etwa Wim Thoelke 1970 im „Aktuellen Sportstudio“ ein Spiel der Frauen. 2018 wurde Ada Hegerberg, die gerade den „Ballon d’Or“ als beste Fußballerin der Welt gewonnen hatte, vom Moderator Martin Solveig gefragt, ob sie nicht ein bisschen mit ihrem Hintern wackeln könne. All das zeigt, dass der Frauenfußball in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor als belanglos und bestenfalls als Lachnummer vorkommt – die Medien befeuern dieses Bild. Bevor wir also darüber reden können, ob häufiger über Frauenfußball berichtet werden muss (es muss!), muss sich erst einmal die Art und Weise der Berichterstattung wandeln – hin zu mehr Objektivität und Respekt.

 

Kontra (Markus Pöhlking): „Es gibt einen ziemlich einfachen Grund, weswegen der Frauen- im Vergleich zum Herrenfußball in den Medien keine große Rolle spielt: es interessiert sich kaum jemand dafür.“

Es gibt einen ziemlich einfachen Grund, weswegen der Frauen- im Vergleich zum Herrenfußball in den Medien keine große Rolle spielt: es interessiert sich kaum jemand dafür. Das mag hart klingen, lässt sich aber mit Fakten unterfüttern: Die Begegnungen der Damen-Bundesliga besuchten in der vergangenen Saison im Schnitt 833 Zuschauer. Es gibt Kreisklassenspiele im Herrenbereich, da kommen mehr Leute – darunter übrigens auch ein beträchtlicher Anteil Frauen. Dafür nun die Medien zu kritisieren, ist verkürzt und eher Nachweis von Ideologie als von nüchterner Betrachtung.

Medien leben zu einem guten Teil davon, dass sie über Dinge berichten, die die Konsumenten interessieren. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass viele eigentlich wichtige und der Berichterstattung werte Themen nur als Randnotiz auftauchen – sie setzen sich im Interesse von Lesern und Zuschauern schlicht nicht durch. Im digitalen Zeitalter lässt sich ziemlich exakt darstellen, wohin die Aufmerksamkeit von Nutzern geht und somit ableiten, was in der Berichterstattung eher kleiner, was größer gefahren werden sollte. Bezogen auf den Frauenfußball heißt das: Es sind mitnichten alte, weiße Männer in den Redaktionsstuben der Republik, die ihn hier und heute zum Nischenprodukt degradieren. Es sind die Fans.

Wer das Schattendasein des Frauenfußballs nicht als Nachweis fortwährender Frauen-Diskriminierung instrumentalisiert, wird sogar anerkennen müssen: Gerade jetzt, zur anstehenden WM der Damen in Frankreich, werden die Medien dem Frauenfußball wieder mal eine Aufmerksamkeit bescheren, die im Verhältnis zum Interesse daran überproportional groß ist. Spätestens seit der Heim-WM 2011 gibt es beim DFB (alte, weiße Männer) große Anstrengungen, den öffentlichen Stellenwert des Frauenfußballs zu erhöhen.

Ob das nun emanzipatorische Überzeugung oder die Hoffnung auf neue Werbemärkte ist, sei mal dahingestellt. Sicher ist: im Zusammenspiel mit den Öffentlich-Rechtlichen rückten die Funktionäre vor acht Jahren das Turnier mit einiger Macht in den Mittelpunkt der Sportberichterstattung. Das wirkte von beiden Seiten teils sehr bemüht, zeitigte aber immerhin Achtungserfolge; die Spiele des deutschen Teams erzielten damals (und bis heute immer wieder mal) gute Quoten. In der Breite konnte der Frauenfußball davon allerdings noch kaum profitieren – dabei zeigt Sport 1 die Partien der Bundesliga sogar im Free TV. Die bislang höchste Zuschauerzahl: 320 000 – generell sind fünfstellige Zahlen schon ein Erfolg.

Nun von den Medien zu verlangen, die Berichterstattung auszuweiten und den Sport so prominenter zu machen, entspricht im Grunde dem Ruf nach einer Frauenquote – und die ist eher kein Mittel, um Akzeptanz zu schaffen. Fans des Frauenfußballs und dessen Akteure müssen sich mit einer unangenehmen Wahrheit anfreunden: Trotz öffentlichkeitswirksamer Kampagnen ist es ihrem Sport hierzulande bislang nicht gelungen, nachhaltiges Interesse zu schaffen. Vielleicht braucht es dafür Zeit und einen langen Atem. Vielleicht gelingt es auch nie. Das wäre schade angesichts der im internationalen Vergleich guten Arbeit im deutschen Frauenfußball. Aber es wäre nicht einer Medienlandschaft geschuldet, die sich des Themas nicht annehmen will.