Pro & Kontra

Sollte die Kirchensteuer abgeschafft werden?

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Seit Jahrzehnten nicht aufgeklärte Missbrauchsfälle, Finanzskandale und zweifelhafte Äußerungen des Papstes zu Homosexuellen: Die Kirchen in Deutschland sehen sich seit einiger Zeit einer Austrittswelle ausgesetzt. Einen Teil dazu trägt auch die Kirchensteuer bei, die Einigen einfach zu teuer ist. Sollte die monatliche Abgabe über die Steuer abgeschafft werden? Die BNN-Redaktionsmitglieder Julia Falk und Markus Pöhlking sind sich uneins.

Pro (Julia Falk): „Ein Problem der Kirchensteuer ist, dass sie nicht transparent ist: Wer zahlt, weiß nicht, wo das Geld schließlich landet.“

Der Glaube eines Menschen sollte nicht an einen Zwangsbeitrag gekoppelt sein. Doch genau das ist in Deutschland seit dem Ende der Währungsreform 1948 der Fall. Seither ziehen die Finanzämter der Länder im Auftrag der Kirche zwischen acht und neun Prozent der Einkommenssteuer eines jeden Arbeitnehmers ein. Nicht zahlen muss nur, wer aus der Kirche austritt.

Wer nicht zahlt, glaubt also nicht? Sogar viele überzeugte Christen stören sich an dem Zwang, der beim System Kirchensteuer mitschwingt. Sie würden der Kirche gerne etwas beisteuern – aber freiwillig. Die Kirchensteuer ist vielleicht nicht der Grund, dass immer mehr Menschen ihrer Glaubensgemeinschaft den Rücken kehren – aber sie trägt sicherlich dazu bei. Wer sich einmal dafür entschieden hat, aus der Kirche auszutreten, wird spätestens nach dem Gang ins Rathaus in seinem Entschluss bestätigt: Dort werden nämlich bis zu 30 Euro für den Austritt fällig – und tschüss.

Ein Vorbild in Sachen Kirchensteuer könnte Italien sein: Dort können die Bürger auf der Steuererklärung angeben, ob das Geld der Kirche zufließen oder einem sozialen Zweck oder dem Staat zugutekommen soll. In Spanien funktioniert das System gleich, nur, dass die Gelder bei fehlender Angabe sogar automatisch an soziale Zwecke gehen.

Denn ein Problem der Kirchensteuer ist auch, dass sie nicht transparent ist: Wer zahlt, weiß nicht, wo das Geld schließlich landet. Spätestens seit dem Skandal um den Limburger Protz-Bischoff Tebartz-van Elst ist sich so mancher Bürger nicht mehr sicher, was mit seinem Steuerbeitrag eigentlich geschieht.

 

 

Kontra (Markus Pöhlking): „Die Kirchensteuer ist nicht nur historisch gerechtfertigt. Sie ist auch heute noch eine Investition, von der die Gesellschaft profitiert.“

Die Kirchensteuer ist, historisch besehen, zunächst mal eine Art Wiedergutmachung von Unrecht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden kirchliche Besitztümer enteignet und weltlichen Grundherren übertragen. Gewissermaßen zur Kompensation begannen staatliche Strukturen, Abgaben für die Kirchen zu erheben.

Seitdem haben sich kleinere und größere Details in Sachen Erhebung und Zuständigkeit geändert. Und auch der Stellenwert der Kirche für die Gesellschaft. Er ist nicht nur geschrumpft, sondern auch gezeichnet von Skandalen, schwindendem Einfluss und schwindender Macht. Weswegen auch die Kirchensteuer immer wieder mal zur Debatte steht. Nun ist Kritik an der Kirche und an der Kirchensteuer berechtigt. Statt fundiert und konstruktiv kommt sie aber oft wohlfeil und opportunistisch daher.

Selbst Atheisten erkennen nämlich durchaus an, dass die Kirchen in vielen Bereichen einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Sie positionieren sich in den aufgeheizten Debatten der Gegenwart kompromisslos auf Seiten der Menschlichkeit. Sie leisten an der Basis wertvolle Beiträge zum sozialen Zusammenhalt und in der Wohlfahrt.

Mit einer Jahrhunderte währenden Tradition im Rücken haben sie es nicht notwendig, sich stets Trends und Meinungen der Gegenwart anzupassen. Vielmehr scheuen sie auch unpopuläre und unbequeme Standpunkte nicht und schwierige moralische Fragen. Die Kirchensteuer unterstützt die Kirchen, diese Funktionen wahrnehmen zu können.

Insofern ist sie nicht nur historisch gerechtfertigt. Sie ist auch eine Abgabe, von der die heutige Gesellschaft letztlich profitiert. Wer sie als problematisch empfindet, sollte austreten. Das ist schließlich denkbar einfach.