Sollte jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten?
Sollte jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten? | Foto: Daniel Reinhardt

Pro & Kontra

Sollte es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle geben?

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Der dm-Gründer Götz Werner feiert an diesem Dienstag seinen 75. Geburtstag. Sein größter Wunsch: dass die deutsche Gesellschaft sich mehr mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigt.

Werner ist ein Vorreiter dieser politischen Vision: Die Menschen bekommen monatlich einen festen Geldbetrag, der ihnen die Freiheit geben soll, sich zu verwirklichen. Nach Ansicht des 75-Jährigen sollte ein Job nicht wegen des Geldes attraktiv sein, sondern er sollte einen tieferen Sinn für den Arbeitnehmer haben. Die BNN-Redaktionsmitglieder Tanja Starck und Julius Sandmann sind diesbezüglich gespaltener Meinung.
Die Gesellschaft steht vor ihrer nächsten großen Revolution. Der beste Zeitpunkt, um alte Lasten loszuwerden: Weg mit einer Bürokratie, die sich darauf konzentriert, Gelder für Menschen zu verwalten, statt den Fokus auf wirkliche Hilfe in Form von Inspiration und Entwicklung zu legen. Auch vom Rentensystem wird es Zeit, sich zu verabschieden. Es hat sowieso versagt. Die Menschen werden zu alt, bekommen zu wenig Kinder. Für die junge Generation ist die Rente ein belastendes Minusgeschäft.

„Nein“ sagen

Der Nachwuchs bekommt ein neues Selbstbewusstsein in die Wiege gelegt. Die Arbeit kann mit einem Sinn verknüpft werden, der nicht länger lautet: „Von meiner Arbeit kaufe ich mir mein Essen.“ Das gesicherte Existenzminimumn verleiht den Menschen ein Gefühl von Freiheit. Weil jeder bewusst und voller Stolz „Nein“ sagen kann. Nein zu schlecht bezahlten Arbeitsplätzen. Nein zu Arbeitsbedingungen, die unglücklich machen. Nein zu sinnbefreiten Aufgaben.

„Ja“ sagen

Stattdessen heißt es häufiger „Ja“ zu wirklich wichtigen Arbeiten wie Kinder betreuen, Kranke und Alte pflegen. Kurzum: Menschen erhalten mehr finanzielle Freiheit, um sich Aufgaben zu widmen, die ihrem Leben Sinn verleihen und um eigene Projekte zu starten. Dann kann Deutschland auch wieder mehr Unternehmer und Denker hervorbringen. Was dringend nötig ist, angesichts der fortschreitenden Digitalisierung.
Wer jetzt denkt, warum sollte jemand dann überhaupt noch arbeiten, der sollte dringend sein Menschenbild überprüfen und am nächsten Tag einfach im Bett liegen bleiben. Ist doch sowieso sinnlos, aufzustehen.

In Finnland ist gerade ein riesiges Sozialexperiment zu Ende gegangen: Zwei Jahre bekamen 2.000 Arbeitslose monatlich 560 Euro – ohne jede Bedingung. Um diese Vision auf einen gesamten Staat anzuwenden, bedarf es eines hehren Menschenbildes à la Götz Werner.

Modell fußt zu sehr auf Solidarität

Aber sollte auf diesem Glauben ein Modell für über 80 Millionen Deutsche errichtet werden? Was ist mit den Arbeitsplätzen, die für viele Menschen unattraktiv, verglichen mit dem Aufwand mies bezahlt und nicht zu automatisieren sind, in der Altenpflege etwa? Würden sich künftig genug Personen aus innerer Überzeugung dazu berufen fühlen, diese Tätigkeit auszuüben? Arbeitnehmer, die zudem von heute auf morgen kündigen könnten, da sie nicht auf die Bezahlung angewiesen sind. Wie fein müsste dieses Modell austariert sein, damit es für ganz Deutschland dauerhaft funktioniert? Zumal der Staat keine Mittel zur Regulation hätte. Vielmehr hängt alles von der Solidarität der Menschen ab.

Nur eigene Bedürfnisse zählen

Für das Bedingungslose Grundeinkommen müssten demnach die Ideale der Aufklärung Gültigkeit für die Gesellschaft haben: Der Mensch ist vernunftbegabt und am allgemeinen Fortschritt interessiert. Die Grundprämisse der Staatstheorie lautet hingegen „Homo homini lupus“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf und lediglich daran interessiert, seine eigenen Bedürfnisse zu sichern. Eine Annahme, die näher an der Realität zu sein scheint. In Finnland wird unterdessen ein anderes Modell getestet: Es gibt wieder einen festen Geldbetrag vom Staat – aber nur für Leute, die aktiv sind und etwa gemeinnützig arbeiten.