Laut Landesgesetz dürfen reine Bäckereien in Baden-Württemberg bislang sonntags nur drei Stunden lang geöffnet haben. Soll sich das ändern?
Laut Landesgesetz dürfen reine Bäckereien in Baden-Württemberg bislang sonntags nur drei Stunden lang geöffnet haben. Soll sich das ändern? | Foto: dpa

Pro & Kontra

Sollten Bäckereien sonntags länger als drei Stunden öffnen dürfen?

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Am Bundesgerichtshof in Karlsruhe geht es diese Woche um Brötchen: Die Richter beschäftigen sich mit der Frage, ob Bäckereien sonntags länger als drei Stunden geöffnet haben dürfen. Diese Beschränkung gibt das Ladenöffnungsgesetz eigentlich vor, viele Betriebe behelfen sich aber mit einem Trick. Ist das in Ordnung?

Auslöser für den „Brötchenstreit“ war eine Bäckereikette mit Filialen in München, die sonntags länger als drei Stunden geöffnet hatte. Dagegen hat die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs geklagt, bisher jedoch ohne Erfolg: Laut Oberlandesgericht kann sich das Unternehmen auf das Gaststättengesetz berufen und sonntags geöffnet bleiben, weil sich Kunden in den Läden zum Essen hinsetzen können. Auch trockene Brötchen oder Brezeln seien demnach als zubereitete Speisen anzusehen.

Update: Der Bundesgerichtshof hat ein Urteil gefällt

Der Bundesgerichtshof soll die Frage, ob die langen Öffnungszeiten solcher Bäckerei-Cafés in Ordnung sind, nun für ganz Deutschland klären. Die BNN-Redakteurinnen Tanja Rastätter und Julia Weller sind unterschiedlicher Meinung:

Pro (Tanja Rastätter): „Was in anderen Bundesländern wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen funktioniert, klappt auch in Baden-Württemberg.“


Das Gesetz zu den Ladenschlusszeiten ist veraltet. Konditoreien und Bäckereien sollten auch in Baden-Württemberg sonntags länger als drei Stunden geöffnet haben dürfen. Es gibt Menschen, die länger schlafen. Auch diese haben ein Recht auf frische Brötchen oder leckeren Kuchen.

An Tankstellen oder Online können Menschen schließlich auch einkaufen. Warum nicht in einer Bäckerei?
Wer jetzt mit Arbeits- und Ruhezeiten kommt: Das Ganze ist nur eine Kann- und keine Muss-Option. Mitarbeiter, die sonn- oder feiertags arbeiten, erhalten in der Regel Zuschläge und Ausgleichstage.

Supermärkte wie etwa am Hauptbahnhof Berlin haben beispielweise sieben Tage die Woche auf. Und es funktioniert. Bäckereien dürfen dort übrigens neun Stunden lang geöffnet sein. In Nordrhein-Westfalen und Bremen sind es fünf Stunden. Warum also keine einheitliche Regelung für ganz Deutschland?

Viele Menschen haben berufsbedingt nicht die Gelegenheit, unter der Woche einzukaufen und freuen sich gerade an Sonntagen auf ein Sonntagsfrühstück – mit Backwaren wie Brötchen und Brezeln. Außerdem ist es traurig, dass Backstuben das Gesetz austricksen müssen, indem sie Stühle und Tische anbieten, damit das Gaststättengesetz gilt, wo hier zubereitete Speisen auch länger verkauft werden dürfen. Dabei ist doch offensichtlich, dass die Betriebe weiterhin eine Bäckerei sind.

Wenn das Oberlandesgericht München bereits zugestimmt hat, stehen die Chancen gut, dass auch der Bundesgerichtshof in Karlsruhe dieser Meinung ist. Den Baden-Württembergern wäre es zu wünschen. Kunden wird es genug geben.

 

Kontra (Julia Weller): „Wer seinen Brunch ausgiebig zelebrieren möchte, soll in ein richtiges Café gehen.“

Egal, wie der Bundesgerichtshof entscheidet, das Gute wird sein: Es kommt endlich eine einheitliche Regel, wie lange Bäckereien in Deutschland am Sonntag geöffnet haben dürfen. Dass Bayern und Baden-Württemberger ihre Brötchen bis mittags gekauft haben müssen, während es in Berlin sonntags neun Stunden lang Schrippen gibt, ist ein Unding.

Noch ungerechter geht es aber bislang auf der lokalen Ebene zu: Da können sich große Bäckereifilialen einfach ein paar Tische und Stühle in den Laden stellen und sich kurzerhand zur Gaststätte erklären – während kleinere Läden das Nachsehen haben und nach drei Stunden schließen müssen. Dieses rechtliche Schlupfloch bedroht vor allem unabhängige Familienbetriebe mit geringer Ladenfläche. Die Langschläfer unter ihren Kunden wandern sonntags endgültig zu den großen Ketten ab.

Und seien wir mal ehrlich: Nachmittags braucht kein Langschläfer mehr frische Brötchen. Wer seinen Brunch ausgiebig zelebrieren möchte, soll in ein richtiges Café gehen. Dort bekommt er leckere Speisen statt trockener Backwaren, die keinesfalls als zubereitete Mahlzeiten gelten sollten. Und dort arbeitet dann auch ausgeschlafenes Servicepersonal, das den Rest der Woche nicht schon in den frühen Morgenstunden Brötchen verkauft. Das sollte zum Standard werden – in Berlin genauso wie im Südwesten.