Sollten Krankenkassen Trisomie-Bluttests vor der Geburt übernehmen?
Sollten Krankenkassen Trisomie-Bluttests vor der Geburt übernehmen? | Foto: BNN

Pro & Kontra

Sollten Krankenkassen Trisomie-Bluttests vor der Geburt übernehmen?

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Bereits seit 2012 gibt es ihn, den Bluttest, der zeigt, ob ein ungeborenes Kind wahrscheinlich mit Down-Syndrom auf die Welt kommt. Anfangs kostete diese Leistung mehr als 1.000 Euro, mittlerweile ist sie für etwa 200 bis 300 Euro erhältlich. Zahlen müssen den Bluttest die Eltern. Das ist umstritten.

An diesem Donnerstag entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss des Gesundheitswesen, ob der Bluttest bei Frauen mit Risikoschwangerschaft eine Kassenleistung werden soll. Andere Tests zur Feststellung von Trisomie 21, wie etwa die risikoreichere Fruchtwasseruntersuchung, übernehmen die gesetzlichen Kassen bereits.

Pro (Tanja Starck): „Arme Eltern werden also ihr ungeborenes Kind schon viel früher einer Gefahr aussetzen müssen.“

Wird der Bluttest nicht von den Kassen übernommen, wird die Schere zwischen Arm und Reich größer. Wer Geld hat, wird nicht zögern, bei einer Risikoschwangerschaft den Bluttest zu beauftragen. Wer jedoch überlegen muss, ob das Geld reicht, um sich einen Urlaub oder ein Essen im Restaurant leisten zu können, für den stellt sich die Frage nach der Luxusuntersuchung nicht.

Diese Eltern werden nehmen, was die Kasse zahlt. Mütter und Väter mit wenig Geld werden ihr ungeborenes Kind schon viel früher einer Gefahr aussetzen müssen. Schließlich wird die Fruchtwasseruntersuchung, die wesentlich mehr Risiko bedeutet, von der Kasse gezahlt.

Über die Blockade des medizinischen Fortschritts möchte man gar nicht sprechen. Statt dankbar zu sein, dass sich die Medizin weiterentwickelt, gehen Gegner auf die Straße und versuchen alles Moderne auszubremsen und zu verteufeln. Wo ist hier der angebliche Schutz des ungeborenen Lebens? Fortschritt – vor allem medizinischer – muss schneller bei den Verbrauchern ankommen. Es gilt Hürden abzubauen und nicht weiter auszubauen.

Es ist doch paradox, dass die Fruchtwasseruntersuchung nur unwesentlich günstiger ist und trotz wesentlich höherer Gefahren für das ungeboren Kind als Krankenkassenkassenleistung selbstverständlich ist. Warum soll überhaupt jemand das Risiko einer veralteten Untersuchungsmethode tragen, wenn es eine bessere medizinische Variante gibt?

Ums Prinzip kann es nicht gehen, sonst dürfte keine der Leistungen zur Bestimmung der Wahrscheinlichkeit eines Kindes mit Down-Syndrom von der Kasse übernommen werden.

Außerdem: Wer testen will, wird testen. Natürlich sprechen sich Betroffene gegen die Tests aus. Vielleicht wären sie nicht am Leben, hätten ihre Eltern schon vorher gewusst, das ihr Kind nicht gesund ist. Doch vielleicht wären die Eltern auch einfach nur gut vorbereitet in diese neue Lebensphase getreten.

Eltern und Geschwister von Down-Syndrom-Kindern sagen oft, welche Bereicherung und welches Geschenk das Kind, trotz des „vermeintlichen Fehlers“ sei. Es gibt keine Menschen zweiter Klasse. Nur welche, die vielleicht „anders“ sind. Die Entscheidungsgrundlage, ob dieses „anders“ ein vorstellbarer Lebensweg für eine Familie ist, sollte aber für alle werdenden Eltern gleich sein. Deshalb muss der Bluttest eine Kassenleistung werden.

Kontra (Jule Müller): „Wer sich ein Kind aussuchen möchte, soll dafür selbst aufkommen“

 

Frauen entscheiden selbst über ihren Körper und was damit geschieht. Ein Bluttest, der von der Kasse übernommen wird, sendet dafür allerdings falsche Signale. Der Test würde damit zur Selbstverständlichkeit, zu einer normalen Untersuchung, die jede Schwangere über sich ergehen lässt. Auch Frauen, die zuvor nicht über die Abtreibung eines Kindes mit Down-Syndrom nachgedacht haben. Das ist falsch. Denn der Test steht für die Möglichkeit, ein Kind mit Down-Syndrom abzutreiben.

Aus diesem Grund sollte der Test wohlüberlegt sein und nicht zur bezahlten Standarduntersuchung werden. Wer für den Bluttest selbst aufkommen muss, wird sich über dessen Folgen stärker beschäftigen und ihn nicht leichtfertig über sich ergehen lassen.

Wer mit dem Test dagegen lediglich seine Neugierde befriedigen möchte und ein Embryo mit Down-Syndrom ohnehin nicht abtreiben würde, kann ebenfalls selbst dafür bezahlen. Für reine Neugierde müssen die gesetzlichen Krankenkassen nicht aufkommen.

Ebenso wenig sind die Krankenkassen dafür da, den Menschen ihr perfektes Wunschbaby zu ermöglichen.  Verweigerte bisher so manche Schwangere die Fruchtwasseruntersuchung zur Feststellung von Trisomie 21, da diese das Risiko einer Fehlgeburt erhöhte, so ist es nun denkbar einfach, den Embryo testen zu lassen.

Bei einem erhöhten Risiko von lebensbedrohlichen Erbkrankheiten erscheint Pränataldiagnostik sinnvoll. Bei Trisomie 21 ist sie bereits fragwürdig, demonstrieren doch sogar Menschen mit Down-Syndrom gegen den Test, da er impliziert, dass ihr Leben weniger lebenswert ist. Wenn nun dieser Test von den Kassen übernommen wird, wird der Weg zum „Designerbaby“ weiter geöffnet.

Darum ist es falsch, dass Krankenkassen, also alle gesetzlich Versicherten, für einen derartigen Test bezahlen. Wer sich ein Kind aussuchen möchte, soll dafür selbst aufkommen.