Die Zahl der Pedelecs auf den Straßen nimmt stetig zu. Leider spielen die elektrischen Zweiräder auch in den Unfallstatistiken eine immer größere Rolle. Sollte es eine Führerscheinpflicht geben? | Foto: Daniel Karmann / BNN

Pro & Kontra

Sollten Pedelec-Fahrer einen Führerschein machen müssen?

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Die E-Bike-Branche boomt und auch immer mehr Pedelecs, elektrisch betriebene Zweiräder, die eine Geschwindigkeit von bis zu 25 Kilometern pro Stunde erreichen können, bevölkern die Straßen. Doch auch die Zahl der Unfälle, in die Pedelecs verwickelt sind, steigt stetig. Da Pedelecs rein rechtlich als Fahrrad gelten, brauchen Pedelec-Fahrer bislang keinen Führerschein. Das Land Baden-Württemberg hat nun auf die steigende Zahl der Unfälle reagiert und will kostenlose Fahrsicherheitstrainings für E-Bike-Fahrer anbieten. Aber reicht das aus? Sollten nicht auch Pedelec-Fahrer einen Führerschein machen müssen?

Eine Führerscheinpflicht für Pedelec-Fahrer: pure Schikane oder dringend notwendig? Zwei BNN-Redakteure sind darüber unterschiedlicher Meinung.

Pro (Christina Fischer): „Was bewerten wir höher: Die Sicherheit der Pedelec-Fahrer oder den rollenden Rubel in der E-Bike-Branche?“

E-Bikes verkaufen sich in Deutschland wie geschnitten Brot: 2018 gingen fast eine Million E-Bikes über den Ladentisch, Tendenz steigend. Aber auch die Unfälle, in die E-Bike-Fahrer verwickelt werden, häufen sich. Einen Führerschein braucht man für Pedelecs, die bis zu 25 Kilometer pro Stunde auf die Straße bringen, nämlich nicht. Nicht einmal eine Helmpflicht gibt es, da das Gesetz Pedelecs zu den Fahrrädern zählt. Das scheint auch viele Pedelec-Fahrer dazu zu verleiten, ihre E-Bikes sträflich zu unterschätzen – mitunter mit tödlichen Folgen. Laut der Unfallbilanz des Verkehrsministeriums starben im vergangenen Jahr 68 Fahrradfahrer im Südwesten. Davon waren 15 auf Pedelecs unterwegs.

Baden-Württemberg will diesem gefährlichen Trend zwar gegensteuern und nimmt satte 800.000 Euro in die Hand, um freiwillige Fahrsicherheitstrainings für Pedelec-Fahrer anzubieten. Das Land vertraut damit jedoch auf eine Eigenschaft, die viele E-Bike-Fahrer nicht besitzen: eine gesunde Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und der 25 Kilometer pro Stunde auf denen sie sitzen. Die vielen ungeübten Pedelec-Piloten, die Straßen und Fahrradwege unsicher machen, bestätigen das.

Ein paar Fakten: Wer mit 25 Kilometern pro Stunde unterwegs ist, benötigt 13,75 Meter, um anzuhalten. Auch bei einer Vollbremsung sind es noch immer 10,625 Meter bis zum Stillstand. Wer sich als Pedelec-Fahrer auf einem Fahrrad wähnt, rechnet damit wahrscheinlich nicht.

Eine Führerscheinpflicht für Pedelec-Fahrer täte niemandem weh, könnte aber so manches Leben retten und sicherlich viele Unfälle verhindern. Sicher, die Kassen der E-Bike-Verkäufer würden dadurch vielleicht etwas leiser klingeln. Aber was bewerten wir höher: Die Sicherheit der Pedelec-Fahrer im Straßenverkehr oder den rollenden Rubel in der E-Bike-Branche?

Kontra (David Falkner): „Das Problem sind nicht die Zweiradstrampler – das Problem ist der Verkehr um sie herum“


Die Forderung nach einem Pedelec-Führerschein im Namen der Verkehrssicherheit zielt in eine falsche Richtung. Das Problem sind nicht die Zweiradstrampler – das Problem ist der Verkehr um sie herum: Autofahrer, die die Pedelec-Fahrer übersehen oder ihre Geschwindigkeit nicht richtig einschätzen, Autofahrer, die Radler generell im Verkehr eher als störendes Hindernis denn als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrnehmen und eine Verkehrsinfrastruktur und Verkehrsführung, die nicht gerade dabei hilft, diese Probleme zu beheben.

Der eine oder andere Autofahrer mag nun entrüstet schnauben und sich an die letzte Begegnung mit einem frech und rücksichtslos dahinbrausenden Pedelec-Fahrer erinnern – ja, die gibt es natürlich auch! Aber ein E-Bike-Führerschein würde hier nicht helfen, sondern das Problem eher noch verschärfen – weil die Pedelec-Strampler dann nämlich erst recht selbstbewusst auf ihre Rechte im Verkehr bestehen würden – und in der Folge noch häufiger angehupt, angeschrien, abgedrängt oder schlichtweg ignoriert werden würden.

Pedelecs sind per se doch nicht gefährlicher als jedes normale Fahrrad. Die anderen Verkehrsteilnehmer müssen sich nur an ihre Existenz, ihre Zahl und ihre Eigenheiten im Verkehr gewöhnen. Ein Führerschein mit all seinen Kosten und all dem bürokratischen Aufwand wäre ein enormer Aufwand mit minimalem Gewinn. Statt fehlgeleitetem Zorn und Rufen nach mehr Regulation sollte Respekt und Rücksichtnahme im Verkehr im Vordergrund stehen.

E-Bikes, Pedelecs und Co

Elektroräder liegen im Trend. Dabei ist es nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. Was sind Pedelecs, was sind E-Bikes – und wo ist der Unterschied? BNN.de hilft weiter.

Pedelecs sind Fahrräder, die den Fahrer bei der Fahrt beim Treten mit einem Elektromotor mit maximal 250 Watt unterstützen. Der Begriff „Pedelec“ steht für „Pedal Electric Cycle“ – wörtlich übersetzt aus dem Englischen heißt das „Elektrisches Pedalrad“. Laut Allgemeinem Deutschen Fahrradclub (ADFC) schaltet sich der Pedelec-Motor bei 25 Stundenkilometer Geschwindigkeit automatisch ab. Auf der Straße gelten für ein Pedelec die gleichen Regeln wie für ein normales Fahrrad.

S-Pedelecs sind Pedelecs mit stärkerem Motor. Diese dürfen nach Angaben des ADFC bis zu 500 Watt Leistung bringen und werden erst ab 45 Kilometern in der Stunde abgeschaltet. Anders als das langsamere Pedelec gilt ein S-Pedelec als Kleinkraftrad, so wie Mofas oder Motorroller. Ein S-Pedelec braucht ein eigenes Kennzeichen, der Fahrer muss mindestens 16 Jahre alt sein und einen entsprechenden Führerschein besitzen. Außerdem ist ein Schutzhelm während der Fahrt Pflicht.

E-Bikes sind elektrisch betriebene Motorroller. Anders als Pedelecs haben sie keine Pedale. E-Bikes gelten als Kleinkrafträder, solange die Motoren nicht mehr als 500 Watt Leistung haben und eine Höchstgeschwindigkeit von maximal 20 Kilometer pro Stunde nicht überschritten wird. Eine Helmpflicht gibt es bei den E-Bikes nicht.