Foto: Starck

Pro & Kontra

Sollten wir auf Fernreisen verzichten?

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Wer in der Welt unterwegs ist, erweitert den eigenen Horizont und lernt eine Menge über andere Kulturen. Laut einer Erhebung der Stiftung für Zukunftsfragen unternahm im vergangenen Jahr jeder achte Deutsche eine Fernreise. Doch die Zahlen sind rückläufig – und nicht erst seit „Fridays For Future“ machen sich die Menschen Gedanken über die Klimabilanz von Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen.

Klimaschädlicher Luxus oder wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung? Zwei BNN-Redakteurinnen sind unterschiedlicher Meinung, was die Urlaubsplanung angeht. Sollten wir auf Fernreisen verzichten?

Pro (Julia Weller): „An- und Abreise tragen am stärksten zur negativen Klimabilanz im Urlaub bei.“

In 80 Tagen um die Welt? Heutzutage ist das längst kein Problem mehr. Ohne mit der Wimper zu zucken, buchen wir Flüge ans andere Ende der Erde. Und sind nicht mehr beeindruckt von riesigen Kreuzfahrtkolossen, die als autonome Städte auf See gleichermaßen Luft und Wasser verschmutzen.

Die Folge: Beliebte Badestrände bestehen mehr aus Plastikpartikeln denn aus Sand. Flora und Fauna werden zertrampelt und zerstört. Nicht erst seit „Fridays For Future“ hat sich deswegen ein Gegentrend entwickelt: Öko-Tourismus ist ein wachsender Teil der Reisebranche. Viele Unterkünfte legen längst Wert darauf, Handtücher nur so häufig wie nötig zu waschen und am Frühstücksbüfett echte Marmeladengläser statt einzeln verpackter Plastikportionen anzubieten.

Das alles ist erfreulich, ändert jedoch nichts am eigentlichen Problem: An- und Abreise tragen am stärksten zur negativen Klimabilanz im Urlaub bei. Es ist absurd, dass wir für den Preis eines Abendessens in andere Länder jetten können. Und je weiter entfernt das Ziel, desto verheerender die Folgen fürs Klima.

Wer wirklich Wert aufs Reisen legt, kann das auch genauso gut im eigenen Land tun. In der vermeintlich gewohnten Umgebung kennen wir uns oft am wenigsten aus. Wieso nicht einfach mal durch den angrenzenden Landkreis wandern? Kulturellen Austausch im Elsass pflegen? Eine Dokumentation über ferne Völker im Fernsehen ansehen? Das alles eignet sich vielleicht nicht so gut für die Fotos im eigenen Instagram-Kanal. Ist aber deutlich besser fürs Gewissen. Und den Rest der Welt.

 

Kontra (Tanja Starck): „Wer mit Schildkröten geschwommen ist, wird versuchen, den Ozean zu retten“

Auf Fernreisen zu verzichten, ist nur eine Verlagerung des Problems. Auf schlechte Luft folgt schlechte Stimmung. Wer Fernreisen erlebt hat, kann damit nicht einfach aufhören.

Statt diese Reiseart infrage zu stellen, sollten Antworten auf folgende Fragen gesucht werden:

  • Wie können Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die Reisenden die Zeit geben, die sie benötigen, um nachhaltig zu reisen? Denn schließlich macht auch die geringe Zahl der Urlaubstage das schnelle Reisen per Flugzeug notwendig.
  • Wie können Schiffe mit nachhaltigen Antrieben forciert werden, um berühmte Hafenstädte der Welt wie New York, Athen oder Sydney auf klimafreundliche Art erlebbar zu machen.
  • Wie kann die Zahl der Züge mit Schlafwaggon wieder steigen, um lange Bahndistanzen zu erleichtern?

Flugreisende können übrigens ganz einfach den CO2-Verbrauch ihrer Reise mit einer monetären Flugkompensation ausgleichen. Die Spenden finanzieren Klimaschutzprojekte.

Und wenn schon Flugverzicht, dann doch bitte im Inland, wo die Bahn direkt in die Stadt fährt. Mit der gesparten Taxifahrt vom Flughafen außerhalb lässt sich zusätzlich CO2 sparen.

Außerdem wäre ein Verzicht auf Fernreisen auch im Sinne des Miteinanders keine gute Lösung. Wie sagte der britische Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Disraeli so schön: „Das Reisen lehrt Toleranz.“ Nie war es so leicht wie heute, ein Verständnis für die Welt und ihre Bewohner zu schaffen – und zwar ein eigenes und kein von oben herab gepredigtes.

Nicht anders sieht es bei Tierbegegnungen aus. Wer mit Schildkröten im Indischen Ozean geschwommen ist, wird sich eher darum bemühen, plastikfrei zu leben, um den Ozean und seine Tierwelt zu retten.

Fernreisen machen sensibel für Themen, weil sie uns auf besondere Art emotional ansprechen. Wie diese Runde im Wasser in Malaysia mit einer Schildkröte.
Fernreisen machen sensibel für Themen, weil sie uns auf besondere Art emotional ansprechen. Wie diese Runde im Wasser in Malaysia mit einer Schildkröte. | Foto: Privat