Ist das Tanzverbot an Karfreitag auch heute noch wichtig oder ist die Vorschrift längst überholt? Die BNN-Redakteure David Falkner und Christina Fischer haben unterschiedliche Meinungen. | Foto: BNN/dpa

Pro & Kontra

Tanzverbot an Karfreitag: wichtige Tradition oder religiöse Bevormundung?

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Alle Jahre wieder wird an Karfreitag über das gesetzliche Tanzverbot debattiert. Der Karfreitag zählt zu den sogenannten stillen Feiertagen, an denen öffentliche Tanz- und Musikveranstaltungen in Kneipen und Clubs verboten sind. Im Oktober 2016 hat das Bundesverfassungsgericht die Vorschrift bereits gelockert. Seither darf es auch Ausnahmen vom Tanzverbot geben. Trotzdem flammt die Frage, ob das Tanzverbot grundsätzlich noch zeitgemäß ist, regelmäßig wieder auf.

Ist das Tanzverbot an Karfreitag auch heute noch wichtig oder ist die Vorschrift längst überholt? Zwei BNN-Redakteure haben unterschiedliche Ansichten.

Pro (David Falkner): „Es gibt kein Recht auf Feierwut, auch wenn manche das gerne so hätten.“


Einfach mal die Füße stillhalten! Das Tanzverbot sorgt immer und immer wieder für die gleichen Diskussionen. Was soll die Aufregung? Ja, bis 2015 hatte Baden-Württemberg eines der striktesten Feiertagsgesetze Deutschlands. Dann wurde es aber gelockert. Heute gilt nur noch an einem Tag im Jahr generelles Tanzverbot, am Karfreitag. Zeitlich begrenze Tanzverbote gelten am Gründonnerstag, am Karsamstag, an Allerheiligen, am Volkstrauertag, am Buß- und Bettag und am Totensonntag. Insgesamt also sieben Tage im Jahr, sieben Tage von 365. Mehr nicht. Sieben Tage, an denen es heißt: Okay, heute bleibt die Disko eben zu. Statt der Frage nach der Legitimation des Tanzverbots könnte man stattdessen fragen: Tut das Tanzverbot irgendjemandem weh? Nein, tut es nämlich nicht. Es gibt kein Recht auf Feierwut, auch wenn manche das gerne so hätten. Wie wäre es also, sich einfach mal zurückzulehnen und Rücksicht zu nehmen auf andere? Auf die, denen Besinnung und Ruhe an einigen ausgewählten Tagen im Jahr tatsächlich wichtig ist, denen wichtig ist, dass am Karfreitag oder am Volkstrauertag keine Bässe aus dem nächsten Partykeller hämmern. Die gibt es nämlich auch – und nur, weil sie nicht neben euch auf dem Dancefloor abzappeln, heißt das nicht, dass ihre Meinung nichts bedeutet. Bei der letzten großen YouGov-Umfrage befürwortete übrigens eine Mehrheit der Deutschen das Tanzverbot. Also: Einfach mal Rücksicht nehmen. Bei so vielen anderen Themen klappt das – warum nicht auch bei der Religion?

Kontra (Christina Fischer): „Wer an Karfreitag nicht tanzen möchte, der möge sich von Tanzveranstaltungen fernhalten.“

Foto: BNN

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, sagte Immanuel Kant. Er hatte Unrecht. Die Freiheit des Einzelnen endet an Karfreitag. Wer an Karfreitag tanzen gehen möchte, wird nämlich feststellen, dass ihm der Staat stattdessen Stille, Andacht und Trauer verordnet hat. „Um die besondere Würde des Tages zu wahren“, wie es heißt. Diese „besondere Würde“ ist religiös begründet. Christen gedenken an Karfreitag der Kreuzigung von Jesus Christus. Nicht-Christen gedenken mit – ob sie wollen oder nicht. Die Würde des Karfreitags wird im Übrigen laut Gesetz von einem ausschweifenden Besäufnis nicht angetastet: Alkoholische Getränke dürfen in Kneipen und Diskos ungehindert ausgeschenkt werden. Warum aber ist ausgerechnet das Tanzen verboten? „Weil sehr schwache junge Menschen und nicht Engel tanzen, droht die Gefahr der Sünde“, sagte 1909 ein Pfarrer im Schweizer Kanton Uri. Schon damals gab es Menschen, die sich gegen ein Tanzverbot auflehnten. An den Argumenten der Gegenseite hat sich bis heute aber offenbar wenig geändert. Dass wir laut Grundgesetz in einem Staat leben, in dem Religion und Staat getrennt sind – geschenkt. Während Wellen der Empörung durch Deutschland rollen, wenn es um Schweinefleisch oder vegetarische Alternativen in Kantinen geht und über die vermeintliche Verbotspolitik geschimpft wird, lassen wir uns an Karfreitag weitgehend klaglos bevormunden. Man solle Rücksicht nehmen, heißt es. Dabei wird an Karfreitag niemand vom Trauern abgehalten. Wer an Karfreitag nicht tanzen möchte, der möge sich von Tanzveranstaltungen fernhalten. Alle anderen wird ein aufgezwungenes Tanzverbot auch nicht andächtiger machen.