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Baustoffe aus der Natur

Zukunft der Architektur: Die Rückkehr zu alten Tugenden

Wie werden wir in Zukunft wohnen? Die Antwort auf diese Frage drängt. Schließlich machen Klimawandel und knapper Wohnraum Städten wie Karlsruhe zu schaffen.

Passivhaus: Das mehrstöckige Wohnhaus in Saint-Dié in den Vogesen ist mit Strohballen gedämmt. Foto: Arthur Janin

Die Zukunft beginnt in diesem Fall in der Vergangenheit. Bauen mit Stroh – das war doch mal. Und das soll nun visionär sein? Offenbar ja. Und zwar dann, wenn das Wissen von einst und das Know-how von heute zusammenfinden. Für Dominique Gauzin-Müller steht auf alle Fälle fest: „Biobasierte Materialien sind unerlässlich für die Architektur vor morgen.“

Wie werden wir 2030 wohnen? Anders als heute? Genügsam, aber dennoch zufrieden – das hofft eine Bewegung, die in Frankreich angestoßen wurde und nun weltweit Unterstützer hat. Ihre Anhänger fordern ein Umdenken in der Architektur. Mit dem Ziel, ressourcenschonender zu bauen.

„Es pressiert“, sagt Gauzin-Müller, die zu den Initiatoren des „Manifests für eine glückliche und kreative Frugalität“ gehört, an mehreren Universitäten sowie der Straßburger Architekturschule lehrt und Co-Kuratorin einer deutsch-französischen Wanderausstellung zum Thema nachhaltiges Bauen, Wohnen und Leben ist (Eröffnung am 15. März in Stuttgart, im Juli im Lichthof der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zu sehen).

Die Architektur-Professorin und ihre Mitstreiter haben in Frankreich schon einige Kommunen auf ihrer Seite, zum Beispiel Bordeaux. Doch vor allem im Grand Est, also in unmittelbarer Nachbarschaft von Baden, tut sich einiges. Die Region, die sich aus Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne zusammensetzt, gilt in Frankreich als Vorreiterin.

Nachhaltig bauen: Der Making Hof in Straßburg benötigt durch die kompakte Bauweise wenig Energie. Er besteht aus acht Reihenhäuser. Foto: Lama architectes

Vom Industriegelände zum Wohnquartier

Rechts und links des Rheins stehen Städte und Gemeinden vor einem ähnlichen Problem: Der Wohnraum ist knapp. Steigt etwa in Karlsruhe in den nächsten Jahren die Einwohnerzahl wie prognostiziert, braucht die Stadt weitere Wohnungen. Immer neue Baugebiete zu erschließen und fruchtbares Ackerland zu versiegeln – Gauzin-Müller sieht darin keine Lösung. Im Gegenteil: „Das kann nicht so weitergehen“, sagt sie.

Die Alternative: brachliegende Grundstücke und leerstehende Bauten zu nutzen. Die Idee ist nicht neu. Beispiele kennt auch Deutschland etliche, gerade der Südwesten. In Freiburg etwa entstand vor rund 25 Jahren auf einem ehemaligen Kasernengelände ein neuer Stadtteil, das Öko-Vorzeigeprojekt Quartier Vauban.

In Karlsruhe verwandelte sich der alte Schlachthof in ein Areal für Kulturschaffende, die einstige Schweinemarkthalle beherbergt seit 2013 ein Gründerzentrum. Auch in Frankreich mutierten Industrieflächen zu Wohnquartieren, und Gebäude erhielten eine zweite Chance – etwa in Lothringen ein alter Bauernhof als Bäckerei, im Elsass eine Markthalle als Schule.

Alter Schlachthof Karlsruhe Foto: Roland Weisenburger

„Es gibt noch viele Stadtbrachen“, meint Gauzin-Müller. Warum für diese also nicht konsequent eine neue Bestimmung suchen? Und warum dabei nicht auf Nachhaltigkeit setzen? Klimawandel und steigende Temperaturen sorgen dafür, dass Häuser in Zukunft besser isoliert sein müssen als in der Vergangenheit – um den Energieverbrauch erheblich zu senken und gleichzeitig die heißen Sommer auch ohne Klimaanlage in den Gebäuden erträglich zu machen.

Hier kommt nun das Stroh ins Spiel: Die trockenen Getreidehalme gelten in der nachhaltigen Architektur als umweltfreundlicher Dämmstoff. Er wächst nach, ist in Europa reichlich vorhanden und günstig – und nicht so leicht entzündlich wie Styropor.

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Stroh und Hanf als Dämmstoffe

Die Franzosen empfinden es längst nicht mehr als abwegig, Gebäude mit Stroh zu isolieren. Die Zahl der Häuser ist zwar noch relativ gering, doch Gauzin-Müller beziffert sie auf mittlerweile rund 6.000.

Drei Beispiele aus den Vogesen: In Saint-Dié ummantelt Stroh ein siebenstöckiges Passivhaus mit 15 Wohnungen. Es wurde 2011 errichtet und war damals das höchste Strohballenbauwerk der Welt. In Tendon dämmen die Getreidehalme einen Kinderhort. Das Holzgebäude in Prismaform macht seit 2012 auf sich aufmerksam. Und auch bei einem Wohnhaus in Plainfaing dient Stroh das Dämmung.

Gebaut mit Naturmaterialien: ein Wohnhaus in Plainfaing in den Vogesen. Foto: Thomas Devard

Auch andere Naturfasern rücken im Nachbarland in den Fokus. Hanf findet sich vermischt mit Kalk im Innenputz und an den Außenwänden wieder. In Paris wurde die Mischung beispielsweise bei einem Sozialwohnungsbauprojekt verwendet.

Doch ob Hanf oder Stroh – die Isolierung ist laut Gauzin-Müller nur ein Baustein, um den Energieverbrauch zu drosseln. So könne ein Schatten spendender Baum vor dem Fenster im Sommer für Kühle sorgen. „Davon profitiert auch das städtische Klima.“

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