Fildstreifen für BNN-Projekt "Zurückgespult"
Über 230 000 Meter Film wurden für das BNN-Projekt "Zurückgespult" gesichtet. | Foto: Fotolia Silver/ Archiv Hora

Die DVD-Reihe ist fast fertig

Vorfreude auf „Zurückgespult“

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Die Mail von Frank Rudolf war kurz und bündig. „Habe fertich…“ lautete die Nachricht des Chefs der Bielefelder Filmwerkstatt nach sechs Monaten Arbeit, mit unzähligen Nächten vor den Scannern. Die Sondersitzungen für das BNN-Projekt „Zurückgespult“ waren auch nötig, um den ambitionierten Zeitplan auch nur einigermaßen einzuhalten. Denn die BNN-Leser, die private Filmaufnahmen für die Dokumentation über sechs Jahrzehnte Geschichte zur Verfügung stellten, waren mehr als fleißig. Mit 100 000 Meter Film hatten die Verantwortlichen im Karlsruher Verlagsgebäude gerechnet; am Ende sind es exakt 238 402 Meter geworden. Kein Wunder, dass Frank Rudolf vom vielen Sehen ganz eckige Augen hatte.

Frank Rudolf von der Filmwertstatt Bielefeld
Hatte zeitweise viereckige: Frank Rudolf, der für die BNN das historische Filmmaterial sichtete und digitaliserte. | Foto: Hora

Ende Oktober ist es nun soweit: Dann wird die fünfteilige DVD-Kollektion mit knapp drei Stunden Spielzeit in den Handel kommen – ein Abriss über sechs Jahrzehnte Heimatgeschichte von 1930 bis 1990, festgehalten in privaten Filmaufnahmen, die ohne das BNN-Projekt vielleicht für immer in der Versenkung verschwunden wären. Für Geschichtsbücher mögen 40, 50 oder 60 Jahre ein verschwindend kurzer Zeitraum sein, doch für einige der „Hauptdarsteller“ bedeuten sie ein ganzes Leben. Die ältesten Streifen, die Eingang in die Dokumentation gefunden haben, zeigen eine niedliche Mädelschar, die – mit Schleife im Haar und ins Festtagskleidchen gehüllt – inbrünstig Weihnachtslieder singt. Eine Szene weiter schwelgt eine der „Walter´schen Gören“ in Erinnerungen: eine Frau jenseits der 80, die Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau am eigenen Leib erlebt hat.

Herzblut für das Hobby

Mancher Hobbyfilmer, der viel Geld und noch mehr Herzblut in sein Hobby gesteckt hat, lebt schon lange nicht mehr: Stattdessen erinnern sich Söhne, Töchter und Enkelkinder an den „Regisseur“ in der eigenen Familie. Manches private Filmdokument reicht weit über das familiäre Umfeld hinaus, weil es – meist ungewollt – zum Zeugen schwieriger Lebensumstände wurde: wenn Buben in kurzen Hosen glückliche Stunden beim Seifenkistenrennen erleben, vor der Kulisse ihrer in Trümmern liegenden Heimatstadt.

Zurückgespult heißt, vielen Menschen zu begegnen, in früheren, anderen Zeiten.

So lautet einer der ersten Sätze der fünfteiligen Dokumentarreihe. Und genau dieses Anliegen erfüllt sie. Der Zuschauer ist dabei, wenn Egbert von Althaus, ein passionierter Flieger, Karlsruhes Fächerstrahlen von oben filmt, wenn wieder Leben in die noble Hafner-Villa in Pforzheim einzieht, wenn Bretten sein Peter-und-Paul-Fest und Bühl sein „Bädle“ feiert. Die Kamera hält Hochzeiten, Bundesgartenschauen und den Wochenendausflug in den Schwarzwald fest, aber auch Tornados und Flugzeugabstürze – Geschehnisse, an die sich wahrscheinlich nur die älteren Leser der BNN noch erinnern.

Der Schuber für das BNN-Filmprojekt "Zurückgespult"
So wird er aussehen – der Schuber für die fünfteilige DVD-Produktion von „Zurückgespult“. | Foto: wit

Den Augsburger Filmjournalisten Wolfgang Köppendörfer von der Medienschmiede rt1.tv überwältigte nicht nur die schiere Menge an Material; der Fernsehprofi musste sich auch in die Geschichte, Lebensart und Besonderheiten Badens einarbeiten. Ihm fiel die undankbare Rolle zu, aus über 230 000 Meter Film jene Sequenzen herauszufiltern, die dem ehrgeizigen Projekt „Zurückgespult“ Leben einhauchen. Einerseits sollten es ganze private Szenen sein, anderseits sollen sie stellvertretend für eine Generation und deren Geschichte stehen.
Was den Altgedienten im Filmgeschäft am meisten überrascht hat? „

Ich habe nicht geahnt, welche Bedeutung der Schwarzwald für das Leben der Menschen in der Rheinebene hat

so der 61-Jährige mit unverhohlener Begeisterung in der Stimme. Die (Mit-)Fahrten in der Murgtalbahn zur Sommerfrische, Skivergnügen mit massig Schnee und ganz viel Sonne beim Höhenhotel Unterstmatt, aber auch Aufnahmen von kühnen Kletterern am Battert unterstreichen, wie wichtig den Menschen zwischen Offenburg und Waghäusel „ihr“ Schwarzwald ist. „So etwas haben wir hier in Augsburg nicht“, bekennt der Journalist, der auch die Interviews mit den Zeitzeugen wie Franz Alt, Erwin Vetter, Bernhard Friedmann oder Edo Zanki geführt hat (wir berichteten). Ihre Erinnerungen, ja Liebeserklärungen an die Heimat bilden die Klammer zwischen dem historischen Material und der Gegenwart. „Manchmal war ich richtig gerührt, wenn das kleine Kerlchen aus dem Film als gestandenes Mannsbild vor mir saß“, so der Journalist, der die freien Wochenenden seit Mai an einer Hand abzählen kann.

Letztes Feilen an den Texten

Noch gibt es einiges zu tun, an den „Filmschätzen unserer Heimat“. Den erklärenden Texten muss Wolfgang Köppendörfer noch den letzten Schliff verpassen; Cutter Edwin Vogel hat noch die letzten Hintergrundbilder für die Interviews auszuwählen, und in Sachen Musik und Geräusche bleibt auch noch einiges zu tun bis zum Verkaufsstart . Doch mit jedem Tag rückt die Vollendung des gemeinsamen Projekten von BNN und ihren Lesern näher.

Schauspieler Thomas Arnold
Er spricht die Texte zum Filmprojekt „Zurückgespult“: Schauspieler Thomas Arnold. | Foto: dpa

Diese Woche wurde ein weiterer wichtiger Schritt getan, denn als Sprecher wurde der Schauspieler Thomas Arnold gewonnen. Der gebürtige Freiberger ist dem Fernsehpublikum nicht nur durch zahlreiche Rollen bekannt – so spielte er unter anderem den Gerichtsmediziner Jonas Zander im „Tatort“ aus Dortmund – , der 46-Jährige ist wegen seiner markanten, voluminösen Stimme auch ein gefragter Sprecher für Dokumentationen bei ARTE und ZDF. Schon als Kind habe er die Stimmen von Schauspielern gesammelt, erzählt der Mann mit dem hohen Wiedererkennungswert in der Stimme, der immer wieder Zeit für Hörbücher und Hörspiele findet. Die Aufnahmen für „Zurückgespult“ waren innerhalb von zwei Tagen im Kasten. Schließlich ist Arnold ein Profi durch und durch.

Hier geht es zu weiteren Artikeln zum BNN-Projekt „Zurückgespult“.