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Kommentar

Streit um Ettlinger Mohrenstaße und Xavier Naidoos Stern: Übereifrige Bilderstürmer

Über gefallene Vorbilder, verfängliche Straßennamen und moralischen Maßstäbe ringen mehrere Städte in der Region. Ettlingen und Bühl streiten über die Umbenennung von Straßennamen, Rastatt über den gefallenen Popstar Xavier Naidoo.

Den Namen Mohrenstraße in Ettlingen kritisiert eine Initiative in Ettlingen als rassistisch. Aktivisten wollen einen Umbenennung. Foto: Bentz

Werden wir in naher Zukunft nur noch durch unverfängliche Tulpenstraßen und über Frank-Walter-Steinmeier-Plätze flanieren? Dürfen wir nur noch Schlager von unverdächtigen Menschen wie Beatrice Egli hören? Der Gedanke ist gar nicht so abwegig, wenn man den wachsenden Eifer der geistigen Denkmalstürmer beobachtet.

In Rastatt soll der Stern für den politisch verschrobenen Popstar Xavier Naidoo verschwinden, in Bühl und Ettlingen stehen Straßennamen auf der Streichliste. Von einer Berliner Hochschulfassade musste ein harmloses Gedicht verschwinden – weil es Frauen und Blumen in einem Atemzug nannte und Erstere so „sexistisch“ herabsetzte. Nicht nur in den USA weigern sich Studenten schon, Literatur aus dem 18. Jahrhundert zu lesen, weil sie „antidemokratisch“ und „antifeministisch“ sei.

Reflexartig fällt der Vorwurf der Menschenverachtung

Und manche Brücke wurde umbenannt, weil historische Persönlichkeiten – ganz unwissenschaftlich – an modernen Maßstäben gemessen wurden. Es ist zwar richtig, Heldenkult und Sprachgebrauch kritisch zu hinterfragen. Wenn jemand heute noch darauf beharrt, das Wort Negerkuss stehe nur für eine schöne Kindheitserinnerung – dann fehlt ihm das Einfühlungsvermögen dafür, was dunkelhäutige Mitbürger alles an Demütigungen erleben. Bedenklich ist jedoch, wie reflexartig die Keule der Menschenverachtung oft geschwungen wird.

Gefahr neuer Säuberungen

Die Diskussion um die Ettlinger Mohrenstraße begann mit dem unhinterfragten Vorwurf der Diskriminierung. Dabei lohnt es sich, die Wortherkunft zu beleuchten: Der Respekt vor der Hochkultur der Mauren und die Faszination des Exotischen schwangen früher mit, wenn Hoteliers und Apotheker ihren Häusern einen „Mohren“-Schriftzug verpassten. Man kann zum Ergebnis kommen, dass der Name heute nicht mehr passt oder dass im Einzelfall kolonialistische Überheblichkeit im Spiel war – aber man sollte in Ruhe alle Argumente prüfen. Und bei der Debatte um Popstars hat sich eine gelassene Trennung zwischen Werk und Person oft bewährt. Wer hier übermenschliche Maßstäbe ansetzt, fällt schnell in fatale Traditionen der Säuberungen zurück.



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