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Nach Bombenfund im Park

1.200 Baden-Badener müssen für Bombenentschärfung Wohnungen verlassen

Wandern statt Ausschlafen: Das steht für viele Anlieger des Wörthböschelparks am Muttertag an. Sie müssen bis acht Uhr ihre Wohnungen verlassen, weil im Park drei Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden.

Gefährlicher Job: Das Team einer Spezialfirma hat in Baden-Baden drei Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg freigelegt. Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes werden die Fliegerbomben am Sonntag entschärfen. Foto: Bernd Kamleitner

Die Wiesen strahlen an diesem sonnigen Samstag in einem satten Grün. Am Rande des Wörthböschelparks in Baden-Baden plätschert die Oos dahin. Die Grünanlage zwischen Weststadt und dem Stadtteil Baden-Oos hat nicht einmal einen Hauch der prächtigen Lichtentaler Allee - und ist dennoch ein idealer Ort, um die Seele baumeln zu lassen.

Ob allein, mit Partner, mit Kindern oder mit Hund, es ist Platz genug für alle. Doch an diesem Sonntagmorgen wird auf dem einst zur Landesgartenschau im Jahr 1981 angelegten Gelände kein Erholung und Entspannung suchender Mensch zu sehen sein.

Weil am Rand des Parks bei den Häusern der schmalen Straße Im Wörth drei Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg geortet wurden, müssen die 250-Kilo-Bomben von Spezialisten entschärft werden. Rund 1.200 Menschen müssen deshalb bereits in den frühen Morgenstunden des Muttertags ihr Haus verlassen. Seit Wochen ist die bevorstehende Bombenentschärfung bei den Anliegern der Grünanlage ein Dauerthema.

Ort zum Entspannen: Der Wörthböschelpark in Baden-Baden. Die Grünanlage entstand zur Landesgartenschau im Jahr 1981 und soll jetzt aufgewertet werden. Foto: Bernd Kamleitner

Angst vor dem Verschlafen

„Ich bin froh, wenn der Tag rum ist“, sagt eine betroffene Frau, die am Samstag noch schnell einen Einkauf erledigen will, um für Sonntag ihren Rucksack mit Verpflegung füllen zu können. Mindestens zwei Wecker will sie sich am Sonntagmorgen stellen, aus Angst, zu verschlafen. Um fünf Uhr sollen sie rasseln.

Dann ist noch reichlich Zeit bis acht Uhr. Bis dahin müssen alle Anwohner in einem Umkreis von 300 Meter zu den Fundstellen der Blindgänger ihre Wohnungen verlassen haben. Die Dame will mit einem Bekannten wandern gehen. Doch mit dem Schließen der Haustür allein ist es noch nicht getan.

Anlieger sollen Rolläden herunterlassen

In Schreiben der Stadtverwaltung wurden die betroffenen Anlieger aufgefordert, in den Wohnungen die Rolläden in Richtung Wörthböschelpark herunterzulassen und lose Gegenstände wie etwa Blumentöpfe von Balkonen zu entfernen. Man weiß ja nie: Völlig auszuschließen ist ein großer Knall nie. Sorgenfalten treibt das der Dame nicht ins Gesicht. „Ich habe keine Angst“, sagt sie. Die Männer, die die amerikanischen Fliegerbomben entschärfen, seien ja schließlich Spezialisten für solche Aufgaben.

Diese Auffassung teilt Adelheid Menth, Anwohnerin der Wörthstraße. Sie ist regelmäßig in der Grünanlage. „Das ist doch normal, wenn man hier wohnt.“ Wohin sie ihrem Mann und den zwei Kindern am Sonntagmorgen gehen wird, das steht schon länger fest: in den Park von Schloss Favorite bei Kuppenheim.

Muss an Muttertag die Wohnung verlassen: Adelheid Menth steht vor ihrem Wohnhaus nahe der Fundstelle von drei Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Bernd Kamleitner

Unterdessen wird am Samstag in Parzellen des Gartenvereins „Im Wörth“ nahe dem im Volksmund „Ufo“ genannten Fachmarktzentrum noch fleißig gegärtnert. Das schöne Wetter lädt dazu geradezu ein. Alfred Wiesner verbringt hier viel Zeit. Getragen von dem Wunsch nach einem eigenen Garten und der Aussicht, eigenes Gemüse zu ernten, hat er vor drei Jahren eine frei gewordene Fläche übernommen.

Gartenanlage liegt im Sicherheitsradius

Gerne trifft er sich hier auch mit einem Kumpel. „Der Würfelbecher steht bereit“, sagt er lachend. Die Anlage ist für ihn deshalb auch ein Ort zum Entspannen. An diesem Sonntagmorgen fällt das aber aus. Auch die Anlage des Gartenvereins liegt im Umkreis von 300 Metern zu den Fundstellen der Blindgänger. In diesem Sicherheitsradius darf sich außer den Bombenentschärfungsspezialisten am Sonntagmorgen keiner aufhalten. Alfred Wiesner wird das machen, was viele Anlieger vorhaben: „Wandern gehen!“

Ein älteres Paar, das sich auf einer Bank mit Blick auf die Oos sonnt und eine Familienfeier in der gegenüberliegenden Friedenskirche beobachtet, muss auf ein gewohntes Ritual am Sonntagmorgen ebenfalls verzichten. „Wir gehen hier immer spazieren“, erzählt der Mann. An diesem Sonntag müssen sie eine andere als die gewohnte Route einschlagen. Immerhin müssen die beiden nicht schon früh aus ihrer Wohnung: Sie wohnen nicht in der Sicherheitszone.

Hier kann man die Seele baumeln lassen: Ein Paar sitzt auf einer Bank im Wörthböschelpark in Baden-Baden - mit Blick auf die Oos und die Friedenskirche. Foto: Bernd Kamleitner

Hundehalter erinnert sich an früheren Kohleberg

Auch die Besitzer eines weißen Yorkshire Terriers müssen am Sonntagmorgen fürs Gassigehen eine andere Runde als die durch den Wörthböschelpark wählen. Der Hundehalter kann sich noch daran erinnern, wie sich die Grünanlage vor der Umgestaltung für die Landesgartenschau im Jahr 1981 präsentierte: als riesige Kohlelagerfläche. „Das war wie ein Berg“, berichtet der Mann.

In der benachbarten Siedlung lebten nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise bis zu 8000 Franzosen: Angehörige des französischen Militärs mit ihren Familien. Baden-Baden war bis zum Jahr 1999 das Hauptquartier der französischen Streitkräfte in Deutschland. Inzwischen ist auf dem Areal mit der Cité auf dem ehemaligen Kasernengelände ein neuer Stadtteil entstanden.

Bomben fielen bei Luftangriff im Dezember 1944

Dass dort im Jahr 1937 die Markgrafen-Kaserne der Wehrmacht gebaut wurde, das hat heute kaum noch jemand auf dem Schirm. Ob ihr die Bomben der amerikanischen Flieger galten, von denen jetzt drei Blindgänger entschärft werden? Nach Recherchen der städtischen Pressestelle stammen die gefährlichen Kriegsüberbleibsel von einem Luftangriff am 30. Dezember 1944. Damals wurden auch Bereiche der Schwarzwaldstraße und der Wörthstraße getroffen. Schon in den 1970er- und 1990er-Jahren wurden bei Grabungen bereits mehrere nicht explodierte Fliegerbomben geortet.

Entdeckt wurden die jetzigen Blindgänger im Zuge von Maßnahmen, die den Wörthböschelpark aufwerten sollen. Im Genehmigungsverfahren wurden auch Luftaufnahmen von Bombentrichtern ausgewertet. Das zog Untersuchungen nach sich, die jetzt die drei Fliegerbomben bestätigten.

Nach den Plänen der Stadt soll der Park mit einer Investition von fast 900.000 Euro zu einer grünen Mitte für alle Bürger zwischen Oos, der Cité und der Weststadt werden. Vorgesehen sind Spielangebote mit einem Indianerdorf, einem Trockenbach mit Stegen und Kanus, eine Seilbahn, eine Röhrenrutsche und verschiedene naturnahe Spielangebote.

Chillen und grillen

Auch Jugendliche sollen auf ihre Kosten kommen. Vorgesehen sind zwei Grillplätze, eine Streetball-Fläche und Chill-Möglichkeiten sowie eine Pumptrack-Bahn, eine besondere Mountainbike-Strecke. Der auf Wunsch der Jugendlichen „chillen und grillen“ genannte Parkbereich soll auch tagsüber allen Generationen mit Picknick-Tischen und Liegen zur Verfügung stehen. Das erfreut nicht alle Anlieger. Sie fürchten, dass es dann mit der Idylle vorbei sein wird. Doch jetzt müssen erst einmal die Blindgänger beseitigt werden.

Das bereitet der einen oder anderen älteren Dame Probleme, die dafür am Sonntag stundenlang ihre Wohnung verlassen muss. „Man muss ja mal auf die Toilette“, spricht eine Frau die Sache konkret an. Sie hat sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wo es im Stadtgebiet öffentliche Toiletten gibt.

Vom Angebot der Stadt, sich während der Zeit der Evakuierung in einer von drei geöffneten Schulen aufzuhalten, will sie keinen Gebrauch machen - mit sorgenvollem Blick auf die Corona-Pandemie. Eine über 80-jährige Betroffene hat das Problem indessen bereits gelöst: Sie zieht schon am Samstagnachmittag für einen Tag zu Bekannten in einem Baden-Badener Stadtteil.

Rund 30 Minuten für eine Bombenentschärfung

Läuft alles nach Plan, werden die Bombenentschärfer des Kampfmittelbeseitungsdienstes am Sonntagmorgen gegen elf Uhr mit ihrem gefährlichen Job beginnen. Für die Entschärfung einer Bombe sind etwa 30 Minuten angesetzt. Geht alles gut, können die Anlieger am frühen Nachmittag des Muttertags wieder zurück in ihre Wohnungen.

Die BNN informieren mit einem Live-Ticker über die Maßnahme.

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