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In der Kurstadt

200 Jahre Kurhaus Baden-Baden: Abriss wurde gerade noch so verhindert

Das Kurhaus wird 200 Jahre alt. Es steht geradezu symbolisch für den Aufschwung Baden-Badens zur mondänen Kurstadt. Mit Friedrich Weinbrenner wurde 1821 der führende Architekt Badens beauftragt. Er griff modernste Tendenzen der Architektur auf. Diese Serie zum Jubiläum beschreibt die Hintergründe.

Das Kurhaus in Brückenau heißt Kursaal: Das Gebäude nach Plänen von Johann Gutensohn entstand 1827 bis 1832 und sieht völlig anders aus wie die beiden Vorläufer in Wiesbaden und Baden-Baden. Foto: Ulrich Coenen

Das klassizistische Kurhaus in Baden-Baden entsprach bereits wenige Jahre nach Weinbrenners Tod nicht mehr dem Zeitgeschmack. Der beginnende Historismus bestimmte nun den Ausbau der Stadt. Die französischen Spielbankpächter Bénazet hatten eine Vorliebe für die neubarocke Innenarchitektur, die in Paris Mode war.

In zwei Bauperioden ließen Jacques Bénazet und sein Sohn Edouard das Innere des Kurhauses nach Plänen der Pariser Innenarchitekten Pierre-Lucas-Charles Ciceri (1838-41) und Charles Séchan (1853-55) umgestalten.

Die Motive für das Raumprogramm entlehnte Séchan den Schlössern Versailles, Marly und Trianon. Die historischen Stile von Louis XII bis Louis XVI umfassen die absolutistische Epoche Frankreichs, die man in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der größten Zeit Frankreichs gleichsetzte.

Französische Einflüsse sind in der deutschen Kurhausarchitektur in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich (zum Beispiel in Homburg), in der Baden-Badener Ausprägung aber einzigartig.

Stürzenacker rettete das Kurhaus

1904 wurde das erste Kurhaus moderner Prägung in Wiesbaden abgerissen und durch einen größeren Neubau von Friedrich von Thiersch ersetzt. Auch in Baden-Baden wurde ein Jahrzehnt lang über einen Neubau diskutiert. August Stürzenacker, der als Bautechnischer Referent des Innenministeriums in Karlsruhe für das Projekt verantwortlich war, lehnte einen Abriss ab.

Klassizistische Formen: Der Kursaal im Kurhaus Baden-Baden ist ein Hauptwerk des badischen Architekten Friedrich Weinbrenner. Foto: Ulrich Coenen

Stürzenackers 1912 bis 1917 realisiertes Konzept erhält die Außenarchitektur und den zentralen Kursaal Weinbrenners sowie die neubarocken Säle Séchans. An der Rückseite des Kurhauses errichtete er einen weiteren großen Saalbau im Stil des Neoklassizismus.

Anregung und Vorbild für Stürzenackers Umbau gehen im Gegensatz zu den Projekten von Ciceri und Séchan von Weinbrenners Altbau aus und wurden in ihm gesucht. Das ist in der Kurarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts in dieser Form einzigartig. Vergleichbar ist allenfalls die fast zeitgleiche Kurhauserweiterung in Kissingen.

Kurarchitektur wird vor allem durch ihre Aufgabe, dem Kurbetrieb zu dienen, bestimmt. Dieser hat seit der Antike neben dem gesundheitlichen immer auch einen gesellschaftlichen Aspekt. Deshalb gehören neben Badehäusern auch Bauwerke, die der Unterhaltung der Gäste dienen, zum Spektrum der Kurarchitektur.

Entspannung in den Bädern und Unterhaltung im Kurhaus

In den Bädern suchten die Gäste Genesung und Entspannung in mineralischem Thermalwasser, dem bereits in der Antike eine medizinische Wirkung zugeschrieben wurde. In den Bauten für gesellschaftliche Zwecke stand das Vergnügen im Vordergrund, das weder mit der medizinischen Kur noch mit Wellness im modernen Sinne etwas zu tun hat.

Vielmehr drehte sich alles um Freizeitaktivitäten wie Tanz oder Glücksspiel. In den Kurhäusern in Wiesbaden und Baden-Baden erlebt diese Entwicklung einen Höhepunkt.

Die große Verbreitung von Gebäuden für Bildung, Kommunikation und Freizeit beschränkte sich im 19. Jahrhundert nicht auf die Kurstädte, sondern war typisch für alle Städte der Epoche. Allerdings konzentrierten sich diese Einrichtungen gerade in den Kurorten. Der Bedarf war dort größer als in „normalen“ Städten.

In Kurorten überstieg die Zahl der Gäste, die hier Erholung suchten, die der Einwohner. Für diese Touristen musste das Angebot an Gesellschaftsbauten, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen natürlich größer sein als beispielsweise in einer Industriestadt.

Baden-Baden als „Gesamtkunstwerk“

Kurstädte hatten also bei der Ausgestaltung der Bauwerke für gesellschaftliche Anlässe und Freizeitgestaltung im 19. Jahrhundert eine wichtige Funktion. Dort entstanden Bauaufgaben, die es nur in diesen Städten gab. Bei diesen Haupttypen der Kurarchitektur handelt es sich um Kurhaus, Trinkhalle und Kurbad/Thermalbad.

Daneben wird das Erscheinungsbild der Kurstädte von Landschaftsgärten, Hotels und Villen, aber auch von Theatern, Museen, Bergbahnen und Aussichtstürmen bestimmt.

Diese Nebentypen sind aber nicht auf die Kurstadt beschränkt, sondern im 19. Jahrhundert weit verbreitete Bauaufgaben. Die Vielfalt der genannten Bautypen macht die Kurstadt zu einem „Gesamtkunstwerk“.

Das Kurhaus des 19. Jahrhunderts ist ausschließlich für gesellschaftliche Zwecke bestimmt. Der in Wiesbaden und Baden-Baden entwickelte langgestreckte Grundrisstypus mit dem zentralen Festsaal, seitlichen Galerietrakten und Eckpavillons wurde dabei keineswegs verbindlich.

Die frühen Kurhäuser des Historismus zeigen zum Teil einen völlig anderen und oft kompakteren Grund- und Aufriss als ihre klassizistischen Vorgänger.

So entstand 1827 bis 1833 auf Initiative des bayrischen Königs Ludwigs I. der sogenannte Kursaal in Brückenau nach Plänen von Johann Gutensohn, der einem neuen Schema folgte.

Diese Vielfalt zeigt, dass sich die Bauaufgabe verselbstständigte hatte und von Architekten und Bauherren beliebig variiert werden konnte. Entscheidend bleiben die Funktion und das Raumprogramm, das dem Vergnügen und der Unterhaltung der Gäste diente.

In dieser Hinsicht waren das Wiesbadener Kurhaus und sein Nachfolger in Baden-Baden Prototypen für diese Bauaufgabe. Nach dem Abriss in Wiesbaden erfüllt das Baden-Badener Kurhaus seine Aufgabe bereits seit zwei Jahrhunderten.

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