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2. Folge der BNN-Serie

200 Jahre Kurhaus Baden-Baden: Englische Vergnügungsparks als Vorbild

Das Kurhaus wird 200 Jahre alt. Es steht geradezu symbolisch für den Aufschwung Baden-Badens zur mondänen Kurstadt. Mit Friedrich Weinbrenner wurde 1821 der führende Architekt Badens beauftragt. Er griff modernste Tendenzen der Architektur auf. Diese Serie zum Jubiläum beschreibt die Hintergründe. 

Vorbild für die Kurhäuser im 19. Jahrhundert: Die Neue Redoute in Aachen entstand nach Plänen von Jakob Couven in der freien Reichsstadt Aachen. Diese war Deutschlands bedeutendste Kurstadt im 18. Jahrhundert. Foto: Ulrich Coenen

Die Verschmelzung von Kurarchitektur und Landschaft beginnt bereits im Barock. Die Kunstgeschichte-Professoren Monika Steinhauser und Rolf Bothe sehen in den englischen Pleasure Gardens Vorbilder der Kurhäuser in Deutschland.

Pleasure Gardens entstanden seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in England außerhalb der Städte und werden nach dem berühmtesten Beispiel in London auch Vauxhall Gardens genannt. Sie wurden von Privatunternehmern errichtet und finanzierten sich mit Eintrittsgeldern. Allein in der Umgebung Londons gab es über 60 dieser Vergnügungsparks.

Vauxhall Gardens an der Themse waren, wie eine Ansicht von 1751 zeigt, eine großzügige Anlage mit Läden, Musikpavillon, Gesellschaftssaal und Ausstellungsräumen. Diese Architekturstaffagen waren meist einfach und bestanden lediglich aus Holz. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden Anlagen dieses Typs auch in Paris angelegt.

Aachen gab den Ton an

Die Gebäude in den Pleasure Gardens weisen Parallelen zu den im Hinblick auf ihre architektonische Gestaltung und die Ausführung wesentlich aufwendigeren Kurhäusern auf. Direkte Vorbilder für die in die Landschaft integrierten Kurhäuser sind aber nicht in England, sondern in Deutschland zu finden.

Dort gab es mit dem ab 1670 eingerichteten sogenannte Spaziergang in Aachen eine gleichzeitige Entwicklung. Diese kurstädtische Promenade ähnelt in Erscheinungsbild und Aufgabenstellung den Vauxhall Gardens in London. Allerdings hatte der Spaziergang in Aachen nicht deren beachtliche Dimensionen.

Früher Kurpark: Den Spaziergang in Aachen zeigt Karl Ludwig von Pöllnitz 1737 in seinem Buch „Amüsements des eaux d’ Aix-la-chapelle oder Zeitvertreib bey den Wassern zu Aachen“. Foto: Ulrich Coenen

Das Kurhaus des 19. Jahrhunderts hat sich aus dem Schlossbau entwickelt. Es ist aber keineswegs so, dass die vom Adel geprägte barocke Kurarchitektur mit der französischen Revolution ihr Ende fand und zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch eine vom Bürgertum getragene klassizistische Kurarchitektur abgelöst wurde. Die Entwicklung vom schlossartigen Gesellschaftshaus des Barock zum klassizistischen Kurhaus verlief nicht gradlinig und schöpft aus sehr unterschiedlichen Quellen.

Gesellschaftlicher Mittelpunkt einer Stadt

Der Begriff „Kurhaus“ wird im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht einheitlich verwendet. Während man in Wiesbaden vom Kurhaus sprach, wurde das entsprechende Gebäude in Baden-Baden als Konversationshaus und in Homburg als Kursaalgebäude bezeichnet. Kurhäuser gehören zur Gruppe der Gebäude für gesellschaftliche Anlässe, die es im 19. Jahrhundert in großer Zahl gab. Oft schufen Vereine Festhäuser (wie die Unitas den Friedrichsbau in Bühl), die zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt wurden.

Die Festhäuser der Vereine und die Kurhäuser haben dieselben Wurzeln, allerdings hatten letztere im Hinblick auf ihre Dimensionen und die baukünstlerische Ausgestaltung größere Ansprüche. Dass das Kurhaus ein in Deutschland entstandener Bautyp ist, zeigt neben der Rezeption der Formensprache auch die wörtliche Übernahme des Namens in anderen europäischen Ländern, beispielsweise im niederländischen Scheveningen, wo 1885 das „Kurhaus“ eröffnet wurde.

Die Fürsten waren Vorbilder

Vorläufer des Kurhauses gab es in den Fürstenbädern im späten 18. Jahrhundert. 1773 begann Franz Ludwig Cancrin im Auftrag Wilhelms mit der Neugestaltung von Wilhelmsbad. Fast gleichzeitig ließ der sächsische Kurfürst Friedrich August III. 1776 bis 1782 durch Johann Wilhelm Chryselius eine Kuranlage aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Lauchstädt völlig neu gestalten. Im Zentrum dieser Gebäude stehen jeweils große Festsäle.

Wichtiger als diese fürstlichen Kurgebäude ist als Vorläufer der Kurhäuser des 19. Jahrhunderts allerdings die Neue Redoute in Aachen, die 1782 bis 1786 von Jakob Couven erbaut wurde. Sie wurde vom aufstrebenden Bürgertum einer freien Reichsstadt verwirklicht. Dabei wurden typische Elemente des barocken Schlossbaus übernommen.

Wie in Lauchstädt besitzt auch die Neue Redoute einen zwei Stockwerke einnehmenden Saal mit repräsentativer Ausstattung als wichtigsten Raum des Hauses. Wie in Wilhelmsbad, wo es drei Säle gibt, bestimmt eine offene Wandelhalle das Erscheinungsbild der Hauptfassade.

Ein Unterschied zu den frei stehenden Kurhäusern des 19. Jahrhunderts besteht darin, dass die Neue Redoute in die Flucht der Komphausbadstraße eingefügt ist. Die Neue Redoute erscheint auf diese Weise wie ein Stadtpalais. Konsequenterweise befindet sich der Festsaal im ersten Obergeschoss, der Beletage der Aachener Patrizierhäuser.

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