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Keine Langweile

Acht Erwachsene und ein Baby: Einsamkeit kennt diese Baden-Badener WG nicht

Während sich die Meisten in Coronazeiten mit ein oder zwei Kontakten zufrieden geben müssen, hat eine große WG in Baden-Baden das große Los gezogen. Die Wohngemeinschaft gibt Einblicke in ihr Leben, in einem 200 Jahre alten Haus.

Gemütlich: Im Wohnzimmer neben der WG-Küche treffen sich die Mitbewohner abends. Foto: Sidney-Marie Schiefer

Wenn die Rahel für ihr Neugeborenes einen Babysitter braucht, muss sie nicht lang suchen. Denn die 32-Jährige Mutter hat sieben Mitbewohner, die im Notfall einspringen.

„Früher war es ja auch so, dass Kinder in einer Großfamilie aufgewachsen sind, die haben wir zwar nicht hier, aber dafür eine Ersatzfamilie“, betont die Baden-Badenerin.

Die Wohngemeinschaft lebt auf fünf Stockwerken in einem rund 200 Jahre alten Haus. Treffpunkt ist die gemütliche Wohnküche im Untergeschoss. Um einen alten Holzofen versammeln sich die Berufstätigen auf zwei großen Sofas und verschiedenen Sesseln.

Während im Hintergrund Eric Clapton unplugged läuft, spielen die Freunde gemeinsam oder unterhalten sich über Gott und Welt.

„Immer wenn ich Gesellschaft brauche, komme ich hier runter“, erklärt Simone. Die 39-Jährige ist aus einer eigenen Wohnung in das alte Haus gezogen. „Der Vermieter hat meine alte Wohnung in der Weststadt luxuriös saniert, danach war die Kaltmiete zu hoch“, sagt Simone. In der Wohngemeinschaft gefällt es ihr gut.

Frisch umgebaut: Die Küche war das letzte Projekt der WG, gemeinsam haben sie eine neue Spüle eingebaut. Foto: Sidney-Marie Schiefer

WG-Treffen sichern die Harmonie

Damit das Zusammenleben harmonisch bleibt, treffen sich die Mitbewohner einmal im Monat zu einem WG-Meeting. „Dabei besprechen wir beispielsweise neue Projekte, die wir gemeinsam umsetzen möchten“, meint Rahel. Zuletzt hat die Gruppe die Küche renoviert und Spüle und Arbeitsplatte ausgetauscht.

Die alte Steinwand des Raumes lässt noch auf die Geschichte des Gebäudes schließen. „Das Haus steht in einer ehemaligen Handwerkergasse, diese Räumlichkeiten waren mal eine Schneiderei“, weiß Rahel. Das Gebäude stehe an einem Hang: „Deswegen ist hier alles etwas verwinkelt, das Vorderhaus stammt aus den 1830er-Jahren und das Hinterhaus aus den 1870er“, betont sie.

Eingemietet: Mario Scheerer arbeitet im Atelier der WG an seiner Leder-Ware. Foto: Sidney-Marie Schiefer

Mit der schönen Geschichten gehen jedoch auch Unannehmlichkeiten einher. „Hinter der Steinwand müssen irgendwo Mäuse wohnen“, vermutet Simone. Nach den ersten Problemen habe die WG deswegen beschlossen, eine Hauskatze anzuschaffen. Die Katzen-Dame Shira erfülle ihren Auftrag leider nicht immer, wirft Wenzel ein. Der 30-Jährige ergänzt: „Und auch ihr Baby scheint mir eher eine Schmusekatze zu sein.“

In einer WG hat man nie immer Glück.
Rahel, Schneiderin

„Ich weiß gar nicht, wer zuerst schwanger war, ich oder Shira?“, fragt daraufhin Rahel. Die Stimmung ist ausgelassen und offen, das sei aber nicht immer so gewesen. „In einer WG hat man nie immer Glück“, sagt die 32-Jährige und denkt dabei an die vielen Bewohner, die das Haus schon hatte. „Wenn die Mitbewohner zu unerfahren sind oder zu jung, dann passt es nicht“, sagt Wenzel.

Neue Mitbewohner müssen das WG-ABC kennen

Seitdem achten sie bei WG-Castings vor allem darauf, dass es menschlich passt. Der Berufstätigen-WG ist wichtig, dass jemand „erwachsenes“ einzieht, wobei dabei nicht nur das Alter entscheidend ist. „Töpfe abspülen, das gehört zum WG-ABC“, erklärt Wenzel eine der Grundregeln im Haus. Er hat die Mietwohnung 2018 von Klaus Burger übernommen.

Handarbeit: Simone webt im WG-Atelier Teppiche. Foto: Sidney-Marie Schiefer

Der stadtbekannte Künstler, der immer barfuß unterwegs ist, habe teils allein in dem Haus gewohnt. Mit Wenzel ist frischer Wind eingezogen. „Wir haben hier fast alles neu gemacht“, betont er. Mit zwei Badezimmern und vier Toiletten sind die fünf Etagen zudem gut für das Zusammenleben geeignet.



Besonders in der Coronazeit genießen die Mitbewohner ihre Gemeinschaft. Wobei bei so vielen Haushaltsmitgliedern vor allem zu Beginn der Pandemie Absprachen nötig gewesen seien. „Wir hatten die Regel, dass wir uns nicht in Restaurant rein setzen, sondern höchstens nach draußen“, erinnert sich Simone.

Mittlerweile seien viele von ihnen im Homeoffice und alle bestätigen, dass sie sich trotz Pandemie sicher fühlen. „Das Positive überwiegt“, betont der 31-jährige Philipp.

Genau so empfindet auch Lucrecia die Lage. Die 34-jährige Argentinierin ist vor über einem Jahr nach Baden-Baden gekommen. Eigentlich wollte sie nur ein Jahr bleiben, jetzt sei sie hier wegen Corona „gestrandet“. Die Gemeinschaft bezeichnet sie in dieser Ausnahmesituation als „total positiv.“ Sie dürfe mit den anderen beispielsweise im WG eigenen Garten arbeiten, ohne das es verboten ist.

Ordnung muss sein: Weil diese Küche die einzige der WG ist, muss jeder Mitbewohner sofort abspülen. Foto: Sidney-Marie Schiefer

WG vereinbart Regeln für den Lockdown

Im ersten Lockdown hätten die Nachbarn da schon komisch geschaut und sich vermutlich gefragt, was die Gruppe zusammen macht, erinnert sich Wenzel. Seitdem habe sich aber niemand beschwert. Neben der Gartenarbeit, sammelt die WG einmal im Jahr zusammen Äpfel und macht Kompott daraus. „Das ist immer einer der schönsten Momente“, meint Rahel.

Den restlichen Mitbewohner fällt noch ein anderer Lieblingsmoment ein. „Letztes Jahr haben wir Silvester auf der Dachterrasse gefeiert, jemand hat sein E-Piano aus dem Zimmer geholt und wir haben zusammen gesungen“, beschreibt Wenzel den besonderen Abend.

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