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Eltern sollten Kinder vor Angst-Szenarien schützen

Tipps vom Fachmann: Was Familien im Lockdown hilft

Homeoffice, Kinderbetreuung und unerfüllte Erwartungen: Ohne Absprachen kann der Lockdown für Familien zur Zerreißprobe werden. Frederik Blomann, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle Baden-Baden, weiß, was gegen den Budenkoller hilft.

Arbeit, Erziehung, Ängste: In Zeiten der Corona-Krise fehlen Kindern und Eltern oft Ruhepausen und Rückzugsmöglichkeiten. Das verstärkt oder weckt Konflikte. Foto: Beutler/Keystone/dpa

Wegen Corona rücken Familien enger zusammen. Ein schöner Gedanke - doch das läuft nicht immer ohne Stress und Konflikte ab. Frederik Blomann, der Leiter der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt Baden-Baden, erläutert im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Sidney-Marie Schiefer, warum Absprachen und eine klare Struktur für Eltern und Kinder besonders wichtig sind.

Welche innerfamiliären Problemlagen können in Corona-Zeiten entstehen?
Frederik Blomann

All das, was in der Familie dazu führt, dass die gewohnten Abläufe nicht mehr stattfinden können und Routinen nicht mehr funktionieren, löst im familiären System Stress aus. Das kommt in Zeiten von Corona häufiger vor als normal, wenn die Klasse in Quarantäne muss oder das Kind mit einer Erkältung nicht in die Schule gehen darf. Diese Situationen stellen Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, immer vor eine Herausforderung. Sie müssen sich überlegen: Wie organisiere ich mich jetzt neu? Deswegen gibt es mehr Abstimmungsbedarf in Familien, der je nach Kommunikationsvermögen der Eltern zu mehr oder weniger Konflikten und Stress führt. Entscheidend ist hier die Fähigkeit in der Familie, mit unerwarteten Situationen umzugehen.

Welche Tipps gibt es, die Situation zu entspannen?
Frederik Blomann

Immer dann, wenn die Routine nicht mehr funktioniert, sollten die Eltern ins Gespräch gehen. Wenn nicht gesprochen wird, entstehen häufig innerfamiliäre Konflikte aufgrund von unerfüllten Erwartungen: Der Mann geht zum Beispiel einfach davon aus, dass seine Frau die Kinder betreut, wenn er im Homeoffice ist, und die Kinder wegen Schulschließung zu Hause sind, da sie sich ja sonst auch um die Betreuung der Kinder kümmert. Seine Frau dagegen geht eventuell davon aus, dass ihr Mann sie entlastet, wenn er zum Arbeiten zu Hause ist. Das ist eine ganz typische Konfliktsituation in der Corona-Zeit, wobei es sehr wichtig ist, dass beide Eltern ihre jeweiligen Erwartungen an den anderen aussprechen. Denn bei einer Abweichung vom gewohnten Ablauf gibt es häufig unterschiedliche Ideen dazu, wie darauf reagiert werden sollte.

Welche Konsequenz haben die unterschiedlichen Erwartungen?
Frederik Blomann

Wenn das Paar sich dieser unterschiedlichen Wünsche und Erwartungen gar nicht bewusst ist, führt das schnell zu Enttäuschungen und familiären Konflikten. Wir erleben es häufig bei der Beratung von Eltern, dass es gar nicht an der mangelnden Bereitschaft liegt, den Partner zu unterstützen, sondern am fehlenden Wissen, was der andere sich von einem wünscht. Es ist einfach elementar für eine gute Beziehung, dass man sich Dinge eben nicht nur denkt, sondern diese auch ausspricht.

Gibt es noch andere Aspekte, die den Alltag zu Hause erschweren?
Frederik Blomann

Homeoffice ist mit Sicherheit auch ein großes Thema. Wenn ich zu Hause zum Beispiel kein eigenes Arbeitszimmer habe, sondern das Homeoffice am Schreibtisch im Wohnzimmer stattfindet, ist das gerade in Familien mit jüngeren Kinder sehr schwierig. Wenn ich dann zu Hause berufliche Telefonate führen muss, während die Kinder im Hintergrund spielen und schreien oder ich mich zu meiner Arbeit parallel noch um Homeschooling kümmern muss, sind das schon große Belastungssituationen.

Was können Sie bezüglich solcher belastender Alltagssituationen den Eltern raten?
Frederik Blomann

Es ist wichtig, dass die Familie für neue Umstände schnell neue Routinen und feste Abläufe entwickelt. Gerade in Stresssituationen ist es für Menschen hilfreich, wenn sie sich an einen Plan halten können, denn Unsicherheit über Verantwortlichkeiten in der Familie ist ein zusätzlicher Stressfaktor. Inwiefern sie in solche Planungen ihre Kinder mit einbeziehen, ist natürlich eine Frage des Alters der Kinder. Wenn sie zu junge Kinder schon in wichtige familiäre Entscheidungen einbinden, ist das oft eher ein Stressfaktor für die Kinder, denn sie können bestimmte Situation noch nicht kognitiv erfassen und werden dann teilweise vor Entscheidungsfragen gestellt, die sie überfordern.

Ab welchem Alter sollten Eltern ihre Kinder in den Familienrat einbinden?
Frederik Blomann

Ich würde versuchen, Kindergarten-Kinder eher aus diesen Themen rauszuhalten. Mutter und Vater sollten sich hier alleine gut abstimmen und den Kindern gegenüber einheitlich und klar Ihre Entscheidungen kommunizieren. Bei kleinen Kindern ist ein Sicherheitsgefühl sehr wichtig, welches gegeben ist, wenn Mutter und Vater geschlossen auftreten und einen klaren Rahmen setzen. Auch wenn der Rahmen den Kindern dann manchmal nicht gefällt, ist es trotzdem wichtig, dass es diesen gibt, denn verunsicherte Kinder zeigen oft Verhaltensweisen wie Aggressivität oder Ungehorsam, die den häuslichen Stress noch erhöhen. So entstehen oft Teufelskreise im Sinne von: Das Kind ist verunsichert und aggressiv, die Eltern wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, sind gestresst und verunsichert, was dazu führt, dass das Kind noch verunsicherter ist und noch aggressiver wird.

Wie kann eine neue Routine aussehen?
Frederik Blomann

Es kann vereinbart werden, dass während eines bestimmten Zeitraums Homeschooling stattfindet, jeweils von Mutter oder Vater betreut. Zu einer anderen Uhrzeit wird eine gemeinsame Mittagspause gemacht und danach gibt’s nochmal eine Homeschooling-Einheit. Aber es muss vereinbart werden, wann hat wer Zeit und wann braucht ein Elternteil Raum zum Arbeiten. Wichtig ist, dass den Kindern bewusst ist, zu welcher Uhrzeit welcher Elternteil Ansprechpartner ist.

Und wie sieht es mit der Freizeit aus?
Frederik Blomann

Interessanterweise tendieren viele Familien dazu, in anstrengenden Zeiten in der Freizeit sehr eng zusammenzurücken, obwohl sie dann häufig im Miteinander gestresst sind. Wahrscheinlich haben sie ein inneres Gefühl, dass sie sich in schwierigen Zeiten noch mehr unterstützen müssen - was im Grunde auch ein schöner Ansatz ist - man will sich gegenseitig stärken. Aber gerade in diesen Zeiten wäre es häufig nötig, sich auch gegenseitig Raum für Erholungsphasen zu geben. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass es am Wochenende den Sonntag als Familientag gibt, die Eltern sich am Samstag aber die Kinderbetreuung teilen, damit auch jeder Elternteil mal ein wenig Zeit für sich alleine haben kann.

Wie können Alleinerziehende die Zeit meistern?
Frederik Blomann

Die Alleinerziehenden haben es da mit Sicherheit schwerer, aber auch da könnte man versuchen, sich Unterstützung zu suchen. Eventuell besteht die Möglichkeit, durch die Hilfe von engen Freunden oder Verwandten eine Auszeit zu bekommen.

Wie wichtig ist es für Kinder, dass sie ihre Freundschaften weiter pflegen?
Frederik Blomann

Es kommt drauf an: Es gibt Kinder, die haben einen sehr starken Wunsch nach sozialem Leben und welche, bei denen ist der Wunsch weniger ausgeprägt. Manche Kinder haben einen besten Freund und sind damit überglücklich, andere wiederum haben drei Vereinssportarten und ein vielfältiges soziales Leben. Da braucht es individuelle Entscheidungen, die sich an den Bedürfnissen des Kindes orientieren. Klar ist natürlich auch, dass Kinder mit gleichaltrigen Geschwistern diesbezüglich anders aufgestellt sind als Einzelkinder. Im Zweifel würde ich immer mit meinem Kind reden, ihm die Situation erklären, seine Bedürfnisse abfragen und auf dieser Basis entscheiden, was nötig, aber bei gegebenen Regelungen auch möglich ist.

Welche Formulierungen sollten Eltern vermeiden, wenn sie mit Kindern über die Situation sprechen?
Frederik Blomann

Im Gespräch mit Kindern ist es wichtig, dass Eltern nicht irgendwelche Angst-Szenarien aufbauen, sondern über die momentane Situation reden und über das, was absehbar ist. Da sprechen wir in Corona-Zeiten ja meist von ein paar Wochen. Dann kann man überlegen: Wir haben jetzt einen bestimmten Zustand für die nächsten paar Wochen und dann unterhalten wir uns drüber, wie wir damit umgehen. Kinder mit Gedanken zu konfrontieren, was wäre, wenn das in drei Monaten oder in einem Jahr immer noch nicht vorbei ist, würde Kinder und auch Erwachsene überfordern.

Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn Kinder mitbekommen, dass etwas nicht stimmt?
Frederik Blomann

Wenn Eltern sehr unter Druck stehen oder es Paar-Probleme gibt, weil sie so eng aufeinander sitzen, bekommen die Kinder das natürlich mit. Dann ist es ganz wichtig, dass Vater oder Mutter den Kindern erklärt, dass die Spannungen nichts mit ihnen zu tun haben. Denn Kinder haben die Neigung, innerfamiliäre Spannungen auf sich zu beziehen, wenn sie diese nicht zuordnen können. Kinder sollten zudem nicht mit Zukunftsszenarien belastet werden. Statt „Papa hat jetzt Angst, dass er seinen Job verliert“, könnte man eher sagen: „Papa ist von der Arbeit genervt, wegen Corona ist alles sehr anstrengend. Dass wir jetzt so gereizt sind, hat nichts mit dir zu tun.“

Service

Sofern es in der Familie zu Spannungen und Stress kommt, auch aufgrund der Corona-Pandemie, können sich Familien gern an die Psychologische Beratungsstelle der Stadt Baden-Baden wenden und einen Beratungstermin vereinbaren: beratungsstelle@baden-baden.de



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