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70 Prozent weniger Umsatz

Baden-Badener Tanzschule möchte sich mit Video-Stunden über Wasser halten

Ob allein oder in der Gruppe, Tänzer brauchen Platz. Platz, den nicht jedes Kinderzimmer hergibt. Die Lehrer müssen für ihre virtuellen Stunden also kreativ werden. Aber die kleinen Räume sind nicht das einzige Problem der Baden-Badener Tanzschule Edi´s Dance.

Auf kleinstem Raum: Die Lehrerin hat zwar viel Platz zur Verfügung, aber die Kinder nicht. Deswegen muss sie sich kleine Choreografien einfallen lassen. Foto: Sidney-Marie Schiefer

Viel mehr Platz als einen Quadratmeter bleibt den Tanzlehrern von Edi´s Dance seit dem zweiten Lockdown nicht. Die Choreografin Jessica Gradito hat zwar weiterhin eine ganze Halle für ihre Bewegungen zu Verfügung, ausnutzen kann sie diese aber nicht.

„Mache ich eine Bewegung, die zu groß ist, bin ich nicht mehr im Bild“, erklärt die junge Frau. Seit Beginn des zweiten Lockdowns bietet die Baden-Badener Tanzschule virtuellen Unterricht an. Die Kinder tanzen dabei aus ihren Kinder-, Wohn- oder Esszimmern zu der Liveübertragung der Lehrerinnen.

Neben dem Platzproblem zu Hause müssen die Lehrerinnen weitere Probleme beachten. „Ich muss mir gut überlegen, was ich mache, wegen der Verletzungsgefahr“, meint Gradito. Der Boden zu Hause könnte beispielsweise zu rutschig für Sprünge sein.

Bienen-Tanz für die Kleinen

Den kleinsten Tanzschülern zeigt die Lehrerin in den regelmäßigen Stunden beispielsweise den Bienen-Tanz. Dabei läuft sie im Kreis und schlägt ihre Flügel wie ein Insekt. Die Kinder machen ihre Bewegungen begeistert nach. Die räumliche Distanz scheint dabei vergessen. „Ist das nicht süß?“, meint Edwine Stiegler.

Die Leiterin des Studios freut sich, dass so viele der bei ihr angemeldeten Kinder und Jugendlichen trotz der ungewohnten Situation an den Kursen teilnehmen. Viel mehr kann sie dem Lockdown-Programm allerdings nicht abgewinnen: „Tanz ist raumgreifend und den haben die Kinder nicht.“ Sie habe im Sommer alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und sogar Luftreiniger für über 7.000 Euro gekauft, erklärt Stiegler.

Schockstarre im Frühjahr

Trotzdem habe sie mit einem zweiten Lockdown gerechnet. Während sie im Frühjahr 2020 nach einer zweiwöchigen Schockstarre zunächst ein Alternativ-Programm mit Motto-Wettbewerben für Zuhause angeboten hat, ist sie im Herbst direkt mit Video-Unterricht gestartet.

Von den Kunden habe sie dabei die ganze Zeit Unterstützung erhalten. „Im ersten Lockdown haben alle weitergezahlt, aber irgendwann sah ich mich selbst im Zugzwang und hatte ein schlechtes Gewissen“, berichtet Stiegler. Mittlerweile habe sie den Beitrag drastisch reduziert und jeder, der die Onlinekurse nicht wahrnehmen möchte, kann seinen Vertrag stilllegen.

Alternatives Projekt: Weil die Tanzschule im ersten Lockdown keine Stunden angeboten hat, haben die Kinder andere Aufgaben bekommen. Aus Bildern der Schüler ist ein Kalender entstanden. Foto: Sidney-Marie Schiefer

„Wir haben 70 Prozent weniger Umsatz“, schildert sie die drastische Lage der Tanzschule. Normalerweise seien zehn freie Mitarbeiterinnen und die feste Kraft Gradito an der Schule angestellt. Nun bekämen die Freien nur noch wenige Stunden und Gradito ist in Kurzarbeit.

Deren Gehalt stocke Stiegler allerdings auf, obwohl sie selbst in ihrem Studio aktuell nichts mehr verdiene: „Ich finde die Situation für meine Tanzlehrer einfach maßlos unfair, weil niemand etwas dafür kann.“

Schülern fehlt die Routine

Stiegler setzt sich dafür ein, dass die Tanzschulen nach dem Lockdown zeitgleich mit den Musikschulen öffnen dürfen. Und auch die Schüler vermissen ihren Unterricht. Die Turniertänzerinnen der Schule haben vor dem zweiten Lockdown ein Musikvideo angefertigt, auf dem sie Schilder in die Kamera halten.

Unter dem Motto „Don´t cancel my Danceclass“ wünschen sie sich, weiter gemeinsam zu üben. Nun, nach mehreren Monaten ohne richtigen Unterricht höre die Lehrerin immer öfter von Schülern, die ein Motivationsproblem hätten, weil ihnen die Routine fehle.

Gemeinsam mit rund 190 anderen Ballett- und Tanzschulen hat Stiegler eine Initiative unterstützt, die fordert, diese Einrichtungen als Kunstschulen einzustufen. Denn vor dem zweiten Lockdown sei es so gewesen, dass diese Schulen wieder öffnen durften, bei den Tanzschulen habe es jede Gemeinde einzeln entscheiden. Stiegler betont: „Wir brauchen einfach eine Perspektive.“

Denn auch ihr persönlich steht das Wasser fast bis zum Hals. Die Leiterin erklärt: „Eigentlich war mein Gedanke, die Schule zu führen und weiterzugeben, aber mit 57 möchte ich nun auch keinen Kredit mehr aufnehmen.“

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