Skip to main content

Prävention steht im Fokus

Cannabis ist unter Baden-Badener Jugendlichen auf dem Vormarsch

Als Kommunaler Suchtbeauftragter möchte Tim Failing vor allem junge Menschen über die Gefahren von Drogenkonsum aufklären. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Beratung an Schulen.

Berater und Helfer: Der 23 Jahre alte Tim Failing arbeitet seit gut einem Jahr als Kommunaler Suchtbeauftragter. Er startet regelmäßig Aufklärungs-Kampagnen. Foto: Michael Rudolphi

Tim Failing ist seit Oktober 2019 Kommunaler Suchtbeauftragter der Stadt Baden-Baden. Er ist Ansprechpartner für Rat suchende Bürger und Beschäftigte der Stadtverwaltung. Im Fokus seiner Arbeit stehen vor allem die Suchtprävention und –hilfe. Unser Redaktionsmitglied Michael Rudolphi sprach mit dem Experten über dessen Aufgaben.

Wie wurden Sie Kommunaler Suchtbeauftragter?
Failing

Die Stelle war ausgeschrieben. Baden-Württemberg hat hier eine Sonderrolle, weil es Kommunale Suchtbeauftragte nur hier im Land gibt. Ich habe mich nach meinem Studium ganz normal beworben. Mein Vorteil war, glaube ich, dass ich die Stadt und die Netzwerke schon kannte. Meine Vorgängerin saß direkt im Büro nebenan. Ich habe zuvor bereits mit ihr zusammengearbeitet.

Wirken Sie nur in die städtische Verwaltung hinein oder kann jeder Bürger sich an Sie wenden?
Failing

Ich bin sowohl für die innerbetriebliche Suchtprävention als auch für alle Einwohner zuständig. In der Stadtverwaltung gibt es einen sogenannten Suchtleitfaden. Wenn jemand auffällig wird, sollte er die dort vorgesehenen Stationen durchlaufen. Dabei werde ich als Berater hinzugezogen. Ich mache zudem interne Fortbildungen und Schulungen, um Vorgesetzten zu vermitteln, wie sie mit Betroffenen in ein Gespräch gehen können. Zudem motiviere ich die Mitarbeiter, etwas gegen ihre Suchterkrankung zu tun.

Wie sieht Ihre Arbeit nach außen aus?
Failing

Ich bin Anlaufstelle für die Bürger. Ich mache keine Suchtberatung, das darf ich gar nicht. Dazu ist eine Ausbildung als Suchttherapeut notwendig. Ich vermittle im Grunde nur weiter und gebe Informationen zu verschiedenen Angeboten. Ziel ist es, alle Angebote zur Suchtprävention und -hilfe im Stadtkreis zu vernetzen.

Wer Suchtprobleme hat, ist schnell stigmatisiert. Tun sich Suchtgefährdete schwer, sich an Sie zu wenden?
Failing

Wenn ein städtischer Mitarbeiter auffällig wird, hat er zunächst ein Gespräch mit seinem direkten Vorgesetzten. Er hat dann eine gewisse Zeit zu beweisen, dass er es auch ohne Hilfe schafft. Erst in der zweiten Instanz komme ich ins Spiel. Manche kommen direkt zu mir, andere haben Vorbehalte, weil sie sagen, der ist stadtintern, das wollen sie nicht.

Aber jeder kann doch mit Vertraulichkeit rechnen, oder nicht?
Failing

Ich habe Schweigepflicht. Aber das wissen viele nicht. Ich mache auch das Angebot, zu den Betroffenen zu kommen oder uns an einem neutralen Ort zu treffen. Da bin ich ganz offen.

Wie läuft so ein Gespräch in der Regel ab?
Failing

Die erste Frage der Betroffenen ist häufig: Kann ich gekündigt werden? Nein, das ist erst mal nicht möglich. Erst ganz am Ende bei negativer Entwicklung steht eventuell eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Im ersten Gespräch gucke ich, ob überhaupt eine Motivation da ist, etwas gegen die Suchterkrankung zu tun. Ist die nicht vorhanden, ist es schwierig, jemanden an eine bestimmte Stelle weiterzuleiten. Falls gewünscht, begleite ich auch zu einem Therapeuten.

Was raten Sie Mitarbeitern, die bemerken, dass ein Kollege möglicherweise ein Suchtproblem hat?
Failing

Jeder sollte zunächst prüfen, wie er sich mit dem Kollegen versteht. Vielleicht gibt es jemanden, der mit ihm privat befreundet ist und das Gespräch suchen kann. Ich rate immer: direkt ansprechen. Aber nicht in einer Team-Sitzung, sondern in einem ruhigen Moment. Es gibt Menschen, die sind dankbar dafür, andere hingegen reagieren eher verärgert. Wichtig ist, eine Stütze zu geben, damit der Betroffene in den nächsten Schritt der Behandlung kommt.

Worum genau geht es bei der Suchtprävention?
Failing

Dazu zählt vor allem die Schulprävention, die in der Phase der Corona-Pandemie stark eingeschränkt war, aber jetzt wieder anlaufen darf. Dann gibt es unser größtes Projekt „HALT“, bei dem wir versuchen, die Präventions-Angebote im Bereich Alkohol weiter auszubauen und zu etablieren. Ein weiteres Beispiel sind die Schulkonzepte, in denen wir den Leitfaden Sucht auf die Schule münzen, damit Lehrer wissen, was zu tun ist, wenn ein Schüler auffällig wird.

Was sind denn derzeit die häufigsten Suchtformen bei Jugendlichen?
Failing

Was ich so an Rückmeldungen von den Schulen bekomme, steht Cannabis momentan hoch im Kurs. Alkohol war während Corona ein großes Thema, ebenso wie Mediensucht. Ich persönlich bin da etwas vorsichtig, weil die Jugendlichen im Homeschooling am PC sitzen mussten, um ihre Hausaufgaben zu machen. Natürlich haben viele gezockt. Es war aber so, dass alle drinnen saßen und sich draußen nicht treffen durften. Schule war auf die Medien gestützt und damit mussten die Jugendlichen vor den PC.

Was halten Sie davon, Cannabis oder andere leichtere Drogen zu legalisieren?
Failing

Grundsätzlich bin ich in dieser Frage zwiegespalten. Es ist ein schwieriges Thema. Ich weiß nicht, was für einen Prozess eine Legalisierung auslösen würde. Es kann passieren, dass die Beschaffungskriminalität sinkt. Es kann aber auch in eine andere, negative Richtung laufen.

Was sind Ihre Aufgaben in der Suchthilfe?
Failing

Ich bin Geschäftsführer des kommunalen Netzwerks für Suchtprävention und Suchthilfe, in dem wir einen interdisziplinären Austausch zwischen den Einrichtungen pflegen. Wir haben uns dabei mit dem Landkreis Rastatt zusammengetan, weil viele Suchthilfe-Stellen, die auch für Baden-Baden zuständig sind, im Landkreis liegen.

Um welche Projekte geht es dabei vorrangig?
Failing

Ein Beispiel sind die Gruppen für Kinder aus suchtkranken Familien. Es gab sehr lange das Kindergruppenprojekt Schwalbennest, das Ende September ausläuft. Es geht aber ab Oktober weiter, weil die Tribute-to-Bambi-Stiftung des Burda-Verlags eine Gruppe dieses Vorhabens finanziert. Wir haben dann in Baden-Baden eine Gruppe mit sechs Kindern aus suchtbelasteten Familien und drei Gruppen mit ebenfalls jeweils sechs Kindern aus suchtbelasteten und psychisch kranken Familien. Im Stadtkreis sprechen wir von insgesamt 700 betroffenen Kindern.

Tim Failing, Kommunaler Suchtbeauftragter der Stadt Baden-Baden Foto: Michael Rudolphi



nach oben Zurück zum Seitenanfang