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Angst vor „Tod“ des Einzelhandels

Oberbürgermeister von Karlsruhe und Baden-Baden wollen Innenstädte mit stärkerer Teststrategie öffnen

Ein negativer Corona-Test und ab ins Restaurant. Das fordern der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup und seine Amtskollegin Margret Mergen aus Baden-Baden. Sie erklären, wie es besser laufen soll als in Tübingen.

Mit Maske und mit Test: Politiker fordern, dass Innenstädte mit ihren Geschäften wieder geöffnet werden. Menschen sollen demnach einen negativen Corona-Test vorweisen und weiterhin Maske tragen und Abstand wahren. Foto: Frank Rumpenhorst picture alliance/dpa

Es gab im Laufe der Corona-Pandemie schon einige Warnrufe. Von Kulturschaffenden, Einzelhändlern, Gastronomen, Pflegern. Warnungen, dass es mit der Überlastung oder dem Lockdown, oder auch beidem, in der Krise so nicht weitergehen darf. Das, was der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) und die Baden-Badener Oberbürgermeisterin Margret Mergen (CDU) nun äußerten, darf getrost als weiterer Weckruf bewertet werden.

„Wir können nicht alles geschlossen halten, bis das mit den Mutationen durch ist oder bis die Impfungen alle Menschen erreicht haben“, sagte Mentrup. „Bis dahin ist der Einzelhandel tot, die Kultureinrichtungen sind tot, der Profisport ist tot, der Freizeitsport auch, das Messegeschäft ist mausetot. Das kann keiner wollen.“

Doch die beiden Politiker aus Karlsruhe und Baden-Baden wollten es nicht bei diesem Warnruf belassen. Bei der Regionalkonferenz der Technologieregion Karlsruhe sprachen sie unter anderem mit IHK-Präsident Wolfgang Grenke. Die Pandemie macht nach über einem Jahr auch die Zusammenarbeit von Karlsruhe über den Rhein schwerer, wie Pamina-Präsident Rémi Bertrand erklärte. Der europäische Verbund hat Baden, Nord-Elsass und die Südpfalz im Blick.

Nach negativem Corona-Test ins Restaurant in Baden-Baden oder Karlsruhe

Viele Grenzgänger, die in Frankreich wohnen und etwa in Karlsruhe oder Germersheim arbeiten, fragen bei Pamina um Hilfe. „Es ist ganz kompliziert“, sagt Bertrand. Doch von der Politik sei in Frankreich kaum etwas zu hören. „Jedes Mal sagen wir: Mögen sie doch mit uns sprechen, damit wir mit unseren Freunden in Karlsruhe sprechen können.“ In Deutschland sei die Lage ähnlich unklar – nur, dass dort die Kritik nicht nach Paris geht, sondern über Stuttgart nach Berlin.

Deshalb wollen die Oberbürgermeister Mentrup und Mergen selbst in die Offensive gehen. Sie stellten Ideen vor, in einer Mitteilung wurden diese als „Kreative Konzepte für die Innenstädte“ überschrieben.

In beiden Städten spürt der Einzelhandel, wie die Corona-Krise ohnehin bestehende Probleme verschärft. „Der Onlinehandel wird noch attraktiver, man überlegt es sich, ob man in ein Oberzentrum fährt“, sagte Mentrup. Noch dazu, weil in den Städten eben kulturelle oder sportliche Angebote derzeit pandemiebedingt ausfallen müssten.

Wir brauchen auch noch mehr Zusammenarbeit, das ist ganz eindeutig.
Wolfgang Grenke, IHK-Präsident

Also müssen kreative Konzepte her. Für Mentrup und Mergen heißt das vor allem: Innenstädte durch eine verstärkte Teststrategie öffnen.

Mergen erklärte: „Wir müssen dahin kommen, dass wir als Zugangsbeschränkungen eine Testpflicht vorschreiben.“ Wer also in ein Restaurant möchte, muss einen negativen Test vorweisen. Gleiches gilt für Besuche im Theater oder Fußballstadion.

Mergen: Entwicklung in Tübingen „besorgniserregend“

Auf Nachfrage räumt Mergen ein, dass es recht teuer werden könnte, wenn ein Bürger jeden Tag in eine Einrichtung gehen möchte. „Es wäre mehr als wünschenswert, wenn der Bund zwei oder sogar drei Tests pro Woche ermöglicht.“ Derzeit wird ein kostenloser Schnelltest pro Woche angeboten. Bei großen Veranstaltungen könnten auch Tests vor Ort angeboten werden, sagte Mentrup.

Der Ansatz erinnert stark an das Tübinger Modell. In einem Modellversuch durften dort Geschäfte, Restaurants und Theater öffnen, wenn getestet wird. Die Inzidenzwerte in der Stadt stiegen darauf rasant an. Mergen bezeichnet die Entwicklung in Tübingen als „besorgniserregend“. Die abendlichen Treffen vieler Menschen in den Parks werden vom dortigen Oberbürgermeister Boris Palmer als einer der Ursachen ausgemacht.

Allerdings sei Tübingen auch wie eine Insel gewesen, sagt Mergen, der Ansturm war groß. „Deswegen wäre eine Öffnungsstrategie in allen Stadt- und Landkreisen wünschenswert“, so Mergen.

Zusammenarbeit in der Region wurde gestärkt

Um die Innenstädte in jedem Fall zu stärken, haben sich die IHK Karlsruhe und der Regionalverband Mittlerer Oberrhein beim Wirtschaftsministerium beworben. Dieses entsendet sogenannte Innenstadt-Berater, die mit Kommunen vor Ort die Situation der Städte und des Einzelhandels analysieren und Lösungen anbieten. 27 Kommunen aus der Region hätten laut IHK Anspruch auf solche Beratungsleistungen, es gebe bereits acht Unterstützungserklärungen.

Eine Öffnungsstrategie in allen Stadt- und Landkreisen wäre wünschenswert.
Margret Mergen, Baden-Badener Oberbürgermeisterin

Die Städte hoffen auf Öffnungssignale aus Berlin und die Zusage aus Stuttgart für einen Innenstadtberater. Doch so oder so wollen sie das Heft wieder in die eigene Hand nehmen. „Wir wollen Lust machen auf das Jahr nach Corona“, erklärte Baden-Badens Oberbürgermeisterin Mergen.

In ihrer Stadt sollen Angebote beworben werden, die Menschen zu zweit wahrnehmen können. Während Baden-Baden auf eine Marketing-Kampagne setzt, möchte etwa Rastatt mit Plakaten und Einkaufsgutscheinen für den Einzelhandel werben.

„Am Ende geht es um ein regionales Überleben, denn wir müssen uns als Region insgesamt aufstellen und begreifen“, sagte Mentrup.

Bei allen Warnrufen, die Zusammenarbeit von Baden-Baden über Rastatt und Karlsruhe bis ins Elsass scheint besser zu funktionieren als vor der Corona-Krise. „Die Krise hat aufgezeigt, dass das Zusammenwachsen der Regionl der richtige Weg ist“, sagte der Geschäftsführer der Technologieregion, Jochen Ehlgötz.

Das Treffen der Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft solle daher nun jedes halbe Jahr stattfinden, kündige IHK-Präsident Wolfgang Grenke an. „Wir brauchen auch noch mehr Zusammenarbeit, das ist ganz eindeutig.“

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