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Medikamente im Lockdown gehamstert

Die Chemiebranche in Baden-Württemberg wächst dank Pharma gegen den Trend

Wer will in Corona-Zeiten bei leichten Erkrankungen schon zum Arzt? Da holt man sich Medikamente eher direkt beim Apotheker. Dank seines hohen Pharma-Anteils kommt der Verband Chemie Baden-Württemberg insgesamt bislang sehr gut durch die Krise. Und dann wären dann ja auch noch Mitgliedsunternehmen wie CureVac ...

Prominentes Mitglied: Auch CureVac ist im Verband Chemie BW vertreten. Der spricht von einem erfreulichen Geschäftsjahr - Umsatztreiber waren die vielen Pharmaunternehmen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Chemieindustrie – das hört sich nach Bayer, BASF, Beiersdorf & Co an. In Baden-Württemberg steuern aber die Pharmaunternehmen 37 Prozent des Chemie-Branchenumsatzes von 22,1 Milliarden Euro (plus 3,4 Prozent) bei. Und das Geschäft mit Pillen und Salben läuft prima.

Wir sind die Apotheke Deutschlands.
Ralf Müller, Geschäftsführer Chemie BW

Bundesweit ist jeder vierte Pharma-Arbeitsplatz im Südwesten. In der Region sind Unternehmen wie Heel („Traumeel“, „Neurexan“) und die Schwabe-Gruppe („Tebonin“, „Umckaloabo“) traditionsreiche Namen. „Wir sind die Apotheke Deutschlands“, sagt Ralf Müller, Geschäftsführer des Verbandes Chemie BW (Baden-Baden) am Donnerstag vor Journalisten.

Südwesten ist bei Corona-Schnelltests stark

Bei Pharma denkt man in Corona-Zeiten natürlich auch an Schnelltests, Reagenzien („Reaktionsstoffe“) und Materialien für Labortests. Auch hier ist Baden-Württemberg stark.

Branchenexperte Müller weist noch auf einen weiteren Umsatztreiber hin: Während des ersten Lockdown wurden viel mehr Medikamente als üblich verkauft – ein Hamstereffekt, ähnlich dem beim Toilettenpapier. Hinzu kam laut Müller, dass sich leicht Erkrankte seltener in die Wartezimmer der Ärzte gesetzt haben und sich telefonisch krankschreiben ließen.

Die Umsätze im Bereich der Selbstmedikation stiegen deutlich an
Ralf Müller, Geschäftsführer Chemie BW

„Da waren die Beratung und der Kauf in der Apotheke die einfachere Wahl. Demgemäß stiegen die Umsätze im Bereich der Selbstmedikation deutlich an“, sagt Müller. Er verweist hier vor allem auf Symptome wie Erkältungs-, Magen- und Darmbeschwerden.

Zu den Verbandsmitgliedern der Chemie BW zählt auch CureVac – die Tübinger sind ein Hoffnungsträger für Corona-Impfstoffe. Was generell die Produktion von Covid-19-Impfstoffen im Südwesten angeht, laufen laut Müller derzeit viele Gespräche. Baden-Württemberg werde aber vor allem bei Medikamenten und Diagnostik gegen Corona „eine größere Rolle“ spielen.

Lackindustrie leidet unter Situation der Automobilbranche

Wahrlich nicht alle der 471 Mitgliedsunternehmen des Verbandes schwimmen allerdings wie die Pharma-Leute gegen den Strom. Die zweitgrößte Teilbranche ist mit zwölf Prozent Umsatzanteil das Segment „Farben, Lacke sowie Bautenschutz“. Dort ging es mit den Umsätzen abwärts – unter anderem, weil die Automobilindustrie weniger orderte. Sehr gut gingen zwar Bautenfarben, vor allem für Heimwerker. Das Problem ist nur, dass dieser Do-it-Yourself-Bereich von den Unternehmen im Land kaum bedient wird.

Während Pharma gut lief und Bauten/Lacke schwach, blieben die Umsätze bei der drittgrößten Teilbranche konstant: „Körperpflege, Wasch- und Reinigungsmittel“.

Und wie geht es in diesem Jahr weiter?

Insgesamt betrachtet wohl gut, bezieht sich der Verband auf eine repräsentative Umfrage unter seinen Mitgliedern. Folglich rechnet er mit einem Umsatzplus von zwei bis drei Prozent.

Ein einfaches „Weiter so“ wird aber auch in der Schlüsselindustrie Chemie nicht funktionieren. Dabei verweisen Müller und Pressesprecher Andreas Fehler auf mehrere Kundengruppen: Vor allem die Automobil- und Druckindustrie veränderten sich rasant. Hinzu komme die Energiewende. Auch dort stehe „die Chemie vor einem grundlegenden Umbau“, so der Verband.

Der Staat mache es der Branche nicht leicht, mahnt Müller einmal mehr. Er nennt in diesem Zusammenhang die Stichwörter Bürokratie und Steuerrecht. „Gerade in Baden-Württemberg ist die Chemie- und Pharmabranche von mittelständischen Unternehmen, oft im Familienbesitz, bestimmt.“ Die seien treu zu ihrem Standort, sagt Müller weiter. „Aber auch ihre Schmerzgrenze ist irgendwann erreicht.“

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