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Essensausgabe statt Frühstücksbuffet

Die Hälfte der Betten in der Baden-Badener Jugendherberge bleibt leer

Nach viermonatiger Zwangspause fährt der Betrieb in der Baden-Badener Werner-Dietz-Jugendherberge wieder hoch. Die Nachfrage übersteigt die Erwartungen der Herbergseltern.

Ausgelassene Stimmung: Familie Stadl aus Niederbayern bei einer Kissenschlacht in Zimmer der Jugendherberge. Herbergsmutter Andrea Müller (mit Mundschutz) sitzt mittendrin und schaut amüsiert zu. Foto: Catrin Dederichs

Ruhig ist es in der Werner-Dietz-Jugendherberge in Baden-Baden. Auf der Bank vor der Tür sitzt eine ältere Dame und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Ein anderer Gast zieht los, um Baden-Baden zu erkunden. Daniel und Mama Micaela treten mit dem Fahrrad den Heimweg nach Karlsruhe an. Mit Familie Stadl aus Niederbayern kommt dann aber Leben ins Haus.

Erst versorgen Katharina und Valentin Herbergshund Momo mit einer ausgiebigen Portion Streicheleinheiten, dann fliegen plötzlich Kissen durchs Zimmer. Mittendrin sitzt Herbergsmutter Andrea Müller - und genießt den zurückgewonnenen Trubel.

Ich hatte schon Angst, dass wir bis März gar nicht mehr öffnen dürfen.
Andrea Müller, Herbergsmutter

Vier Monate Zwangspause wegen Corona liegen hinter ihr und ihrem Mann Uwe Essig. Vier Monate, in denen sie ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schickten und reihenweise abgelaufene Lebensmittel und Cola-Flaschen entsorgten. Aber es hätte noch schlimmer können. „Ich hatte schon Angst, dass wir bis März 2021 gar nicht mehr öffnen dürfen”, sagt Müller.

Abstand halten: Die Herbergseltern haben die Tische weit auseinandergerückt. Jedem Gast weisen sie für den ganzen Aufenthalt einen festen Tisch zu. Foto: Catrin Dederichs

Einbahnstraßenschilder weisen die Laufrichtung

Vor zwei Monaten kam die gute Nachricht: Es geht wieder los. Im eingeschränkten Betrieb und mit zahlreichen Vorgaben. Innerhalb von sieben Wochen klügelten die Eheleute ein System aus. Sie schickten ihre Mitarbeiter zu Schulungen, schleppten Kanister voller Reinigungs- und Desinfektionsmittel an, pinnten Einbahnstraßenschilder an die Wände und füllten ihre Kühlschränke wieder auf.

Die Hälfte der Betten steht weiterhin geplant leer, trotzdem ist das Reinigungsteam im Dauereinsatz. Täglich wischt es sämtliche Böden, es desinfiziert Bäder, Ablagen und Griffe. In den Gemeinschaftsräumen besteht für alle Mundschutzpflicht und die Anmeldung dauert wegen der Aufnahme personenbezogener Daten deutlich länger.

Genaue Vorschrift: Von der Laufrichtung bis zur Trittfläche ist im Treppenhaus alles festgelegt. Foto: Catrin Dederichs

Abendessen entfällt

Das gesamte Angebot in der Jugendherberge bleibt reduziert. Den Ball für den Tischkicker beispielsweise rückt die Herbergsmutter nicht raus und Tischtennisschläger bekommen ausschließlich ihre Dauergäste.

Ein Abendessen in den Gemeinschaftsräumen fällt komplett flach, ebenso wie ein buntes Frühstücksbuffet. Alternativ haben die Herbergseltern ihre Durchreiche für die Essensausgabe aus den 1980-er Jahren reaktiviert und die Gäste wählen im Vorfeld zwischen Rührei, Müsli und Brot.

Ich fühle mich hier sehr herzlich willkommen. Das Essen ist super und mit dem Mundschutz habe ich kein Problem.
Coronna Dahlhaus, Urlauberin aus Hessen

Micaela macht das alles nichts aus. Sie hat sich morgens Cornflakes, Obst und Brötchen schmecken lassen. „Das war total lecker, man kriegt alles, was man braucht”, sagt sie.

Sohnemann Daniel sieht das ein bisschen anders: „Ich finde es schade, dass es kein Buffet mehr gibt.” Gelassen nimmt Corinna Dahlhaus aus Hessen die geltenden Einschränkungen. „Ich fühle mich hier sehr herzlich willkommen. Das Essen ist super und mit dem Mundschutz habe ich kein Problem”, sagt sie.

Es war aufregend, denn wir wussten ja nicht, wie unsere Gäste drauf sind und wie viele überhaupt kommen.
Andrea Müller, Herbergsmutter

Müller freut es, „mit einigem Herzklopfen” startete sie in die Saison. „Es war aufregend, denn wir wussten ja nicht, wie unsere Gäste drauf sind und wie viele überhaupt kommen.” Auch aus finanzieller Überlegung stand die Wiedereröffnung einige Zeit auf wackligen Füßen. „Wir mussten erst einmal durchrechnen, ob wir den Betrieb mit mehr Arbeit und weniger Einnahmen überhaupt bezahlen können”, sagt sie.

Einbahnstraße: Im ganzen Haus hängen Schilder, die die Laufrichtung anzeigen. Foto: Catrin Dederichs

Betrieb lohnt sich ab 30 Gästen

Einiges sprach schließlich fürs Ja: die anstehenden Ferien, vorhandene Buchungen, die Sicherung von Arbeitsplätzen der Mitarbeiter und nicht zuletzt Baden-Baden als Touristen-Magnet. „Außerdem wussten wir, dass die Deutschen im Land bleiben.” Der Erfolg gibt ihr zumindest bisher recht. So hatte sie in der ersten Woche durchweg mehr als 40 Gäste, ab 30 lohnt sich nach eigener Aussage das Geschäft.

Inzwischen haben sich zudem die ersten Gruppenreisen angemeldet und Müller arbeitet parallel dazu Pläne aus, speziell etwas für Senioren anzubieten. „Ich bin positiv eingestellt”, sagt sie. „Wir sind offen für alles, wir haben Ideen und probieren alles aus.”

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