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Reisen unter Corona-Bedingungen

Familie aus Baden-Baden erlebt abenteuerliche Reise bei 40 Grad minus

Vereiste Landebahn, vereiste Klospülung, vereiste Türen: Familie Belykh erlebte kalte und aufregende zehn Tage am Baikalsee in Sibiren. Selbst die Mundschutzmasken waren gefroren.

Egor und Valentina Belykh mit Sohn Mark, inzwischen wieder in der badischen Wahlheimat. Foto: Katrin König-Derki

Zum Interview kredenzt Egor Belykh Schwarztee – sibirische Art. Konfitüre aus Kiefernzäpfchen – sibirische Art. Süßigkeiten aus Pinienkernen, Honig und Schokolade – sibirische Art. Es liegt auf der Hand: Der Fliesenleger, seine Frau Valentina und Sohn Mark sind erstens sehr gastfreundlich, zweitens haben sie ihre Weihnachtsferien in Belykhs Heimat Sibirien verbracht.

Das tun sie fast jedes Jahr, doch: „Es war ungewohnt abenteuerlich“, befindet Egor Belykh. Corona geschuldet. Erst bestand ihm zufolge lange Unsicherheit, ob sie überhaupt nach Irkutsk fliegen konnten, wo seine Mutter und Schwester leben.

Das ist rund 7.600 Kilometer von Baden-Baden entfernt. Letztlich gelangten sie mit dem Flugzeug von Köln nach Moskau und weiter nach Krasnojarsk, die verbleibenden 1.000 Kilometer mussten sie den Zug nehmen. „Der Flug nach Krasnojarsk verlief nicht reibungslos“, erinnert sich Valentina Belykh.

Valentina Belykh: „Die Landebahn in Moskau war verschneit, das Flugzeug kam zwei Stunden zu spät. Dann klangen die Motoren seltsam laut. Wir hatten wirklich Angst.“ Mit 40 Grad unter null sei die Temperatur zudem noch kälter gewesen als üblich.

Gut eingemummelt am Baikalsee: Die Familie Belykh in den Weihnachtsferien. Foto: Anastasia Zaslavskaya

Nach einem Corona-Test am Flughafen Krasnojarsk fuhren die Belykhs mit dem Taxi zum Bahnhof, der „schön und sauber“ war – diesen Eindruck hatten sie von der ganzen Stadt –, doch als der Zug einfuhr, waren die elektrischen Türen vereist.

„Das Personal hat eine Weile gebraucht, sie zu öffnen“, sagt Egor Belykh. Aufgrund der Kälte habe auch die WC-Spülung im Zug nicht funktioniert. „Die Zugbegleiter haben regelmäßig heißes Wasser in die Toiletten geschüttet.“ Ansonsten aber bleibt das Schlafabteil des Zugs „Rossia“ den Belykhs in bester Erinnerung.

„Die zweite Klasse ist ein wenig luxuriös, mit Teppichen, Fernsehen, schmalen aber bequemen Betten“, so Valentina Belykh. Sie hätten geschlafen, gelesen, aus dem Fenster geschaut. Die Landschaft, die an ihnen vorbeizog, beschreibt Sohn Mark wie folgt: „Berge, Flüsse, Wälder.“ Das Ganze derzeit tief verschneit.

Als sie nach einer fast dreitägigen Reise in Irkutsk bei Egor Belykhs Mutter eintrafen, erwarteten sie großes Bohei, hatten sie doch ihren Besuch nicht angekündigt. „Stattdessen bat sie uns herein, als lebten wir nebenan.“ Er lacht. Kurz darauf fuhr die Familie, um fünf Personen vergrößert, an den Baikalsee. „Ich hatte dort ein Holzhaus gemietet, Sauna inklusive. So verbrachten wir nicht die ganze Zeit in der Stadtwohnung meiner Mutter, denn das bedeutet Essen, Essen, Essen!“

Seine Frau zeigt Fotos, die sowohl von Eiseskälte erzählen, als auch von beinahe mystischer Schönheit und Einsamkeit. „Wir sind viel gelaufen“, blickt sie zurück. „In der Region tragen die Menschen im Winter Pelzmäntel, anders kann man sich gegen die Minusgrade kaum schützen. Auch wir haben uns welche angeschafft.“

Der Höhepunkt der Feiertage sei für die Russen Silvester: „Der Tisch ist dann voller Spezialitäten. Außerdem haben wir gesungen, Gedichte vorgetragen, gespielt und auch Feuerwerkskörper angezündet. Privat war das erlaubt.“ Generell sei das öffentliche Leben in Russland nur bedingt eingeschränkt.

Steinharte Masken durch gefrorenen Atem

„Kinos und Restaurants zum Beispiel hatten geöffnet, bei Masken- und Abstandspflicht.“ Die Masken seien im Freien durch den gefrorenen Atem indes schnell „steinhart“ gewesen, ergänzt Egor Belykh. Die Figuren und Rutschen aus Eis, die traditionell in Irkutsk ausgesägt werden, fehlten freilich ob der Pandemie fast komplett, besonders für Mark bedauerlich.

Die Rückreise verlief erneut spannend. Da sie nur über den Umweg Nowosibirsk möglich war, fuhren die Belykhs sogar 2.000 Kilometer mit dem Zug. Jetzt aber sind die Pelzmäntel wieder weggeräumt, die Fenster in der Wohnung in Baden-Baden fast alle geöffnet. Null Grad Außentemperatur! Das erscheint Egor Belykh geradezu sommerlich.

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