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Branche im Umbruch

Geschäftsführer des südwestdeutschen Verleger-Verbands: „Die Akzeptanz für die Zeitung ist noch sehr gut“

Die Zeitungsverlage stehen mit ihren Print- und Online-Angeboten vor großen Herausforderungen. Holger Paesler, Geschäftsführer des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger, erläutert die Entwicklung.

Die fertige Druckplatte wandert im nächsten Schritt zur Rotationsmaschine. Jetzt wird gedruckt: Erst die Lokalteile, dann der überregionale Mantelteil. Die reine Druckzeit an einem Abend beträgt etwa drei Stunden und zwanzig Minuten. In der Druckerei der BNN arbeiten 24 Personen. Drei Mitarbeiter sind mit der Herstellung der Druckplatten betraut, zehn Mitarbeiter mit dem Rotationsdruck. Zudem werden Hilfskräfte beschäftigt. Damit der Druck nicht gestört wird, gibt es für die Drucker bei Problemen Nummern des technischen Dienstes.
Für die gedruckte Zeitung – das Foto zeigt die Produktion der Badischen Neuesten Nachrichten – wird es zunehmend schwieriger, sich neben den wachsenden Online-Angeboten zu behaupten. Foto: Rake Hora

Sinkende Auflagen, Kostensteigerung bei Produktion und Vertrieb sowie ein stetig wachsendes Online-Geschäft – die klassische Zeitungs-Landschaft durchlebt seit Jahren einen massiven Wandel. 

Holger Paesler, Geschäftsführer des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger, erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion die Gründe dafür und erläutert die aktuelle Entwicklung des Print-Mediums.

Immer mehr Menschen verzichten auf das tägliche Zeitungsrascheln. Die Zahl der gedruckten Zeitungen nimmt teilweise massiv ab. Wie ernst oder gar kritisch ist die Situation für die Branche?
Holger Paesler

Die wirtschaftliche Lage wird schwieriger, aber ich würde nicht sagen, dass sie ernst wird. Die Herausforderungen sind allerdings enorm, gerade bei der gedruckten Zeitung. Wir haben massive Kostensteigerungen bei Papier und Energie, also bei der Zeitungsproduktion, sowie bei der Zustellung. Vertrieb und Zustellung machen über 50 Prozent der Kosten aus. Das können die Verlage nicht einfach an die Leser weitergeben.

Wie kommt das Produkt Zeitung überhaupt noch an?
Paesler

Reichweite und Akzeptanz sind immer noch sehr gut. Baden-Württemberg hat im Bundesvergleich eine hohe Zeitungsdichte und -vielfalt. Seit Jahren nehmen aber Konsolidierungs-Tendenzen zu. Ein Beispiel ist die Fusion der Badischen Neuesten Nachrichten mit dem Badischen Tagblatt.

Die BNN und das BT wollen sich für die Herausforderungen gemeinsam wappnen und sich gestärkt im Markt behaupten. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Paesler

Das ist der normale Weg, der aus den aktuellen Gegebenheiten resultiert. In wirtschaftlicher Hinsicht lässt sich vieles gemeinsam besser bewerkstelligen. Beispiel: Anstatt zwei Druckzentren reicht mit entsprechendem Logistikkonzept ein Druckzentrum. Das spart Sach- und Personalkosten. 

Holger Paesler ist Geschäftsführer des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger.
Holger Paesler, Geschäftsführer des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger, ist überzeugt, dass die Tageszeitung auch im digitalen Zeitalter ihre Berechtigung hat. Foto: VSZV

Wie wirken sich Verlagsfusionen generell auf die Produktebene aus?
Paesler

Da gibt es aus meiner Sicht ein Interesse der Verlage, möglichst wenig einzusparen. Die Diversifizierung im Lokalen macht gerade den Mehrwert einer regionalen gegenüber einer überregionalen Zeitung aus. Eine bestimmte Betriebsgröße gibt Stabilität und Zeit, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Ich will nicht sagen, dass Größe alles ist. Aber das Geschäft wird zu komplex unterhalb einer gewissen Unternehmensgröße. 

Wie steht es dann um die Vielfalt?
Paesler

Vielfalt geht nur dann verloren, wenn sie in der redaktionellen Berichterstattung runtergefahren wird. Das sollte das Letzte sein, was ein Verleger anstrebt, weil er damit die Relevanz seines Geschäftsmodells schädigt. 

Welche Altersgruppe spricht die gedruckte Zeitung noch an?
Paesler

Die Kernnutzergruppe ist 50plus. Diese Generation will in der Regel das Zeitungsabonnement noch in der Form, in der sie es kennt, nämlich in Papier. Die Zeitung wird zunehmend ein Nischenprodukt für gut situierte Ältere. Die jüngere Generation will vielfach keine gedruckte Zeitung haben. Sie möchte das Produkt auf dem Smartphone, zu der Zeit, in der es ihr passt. Das sind oft die gleichen Inhalte wie in der Zeitung, jedoch mit Zugang etwa über Google oder die Sozialen Netzwerke.

Deswegen bauen alle klassischen Zeitungsverlage ihr digitales Geschäft aus.
Paesler

Auf lange Sicht wird das Digitale das Tragende sein. Ob das in zehn oder 20 Jahren passieren wird ­– da möchte ich keine Prognose wagen. Das hat auch mit wirtschaftlichen Fragen zu tun. In bestimmten Regionen gehen Verlage dazu über, nicht mehr zuzustellen. Es ist wirtschaftlich nicht mehr tragbar, wenn die Zustellung einer Zeitung mehr kostet, als sie an Umsatz bringt. 

Es gibt ja die Forderung nach staatlicher Unterstützung. Was halten Sie davon?
Paesler

Ich halte eine staatlich subventionierte Infrastrukturförderung für einen begrenzten Zeitraum für sehr sinnvoll. Es geht nicht darum, ein überaltertes oder nicht mehr tragfähiges Geschäftsmodell am Leben zu erhalten. Ich vergleiche das gerne mit der Automobilindustrie, die weg vom Verbrenner und hin zur Elektromobilität möchte. Das unterstützt der Staat auch, weil er diesen Transformationsprozess beschleunigen will. 

Wenn die Zukunft im Digitalen liegt, muss sich das irgendwann auch wirtschaftlich rechnen. Wie bringen Verlage dem digitalen Kunden bei, für guten Online-Journalismus zu bezahlen?
Paesler

Das ist schwierig, weil es im Netz häufig eine Kostenlos-Mentalität gibt. Die Bereitschaft, ein Dauer-Abonnement einzugehen, ist nicht wirklich ausgeprägt. Deshalb ist es wichtig, dass Tageszeitungen mit ihrem Online-Produkt Vertrauen schaffen. Es muss den Kunden überzeugen und ihm wert sein, dafür zu bezahlen. Die Verlage müssen mit ihrem Angebot zeigen, dass sie relevant sind. Dann werden sie nachhaltig Erfolg haben.

Nochmal zur klassischen Zeitung. Viele Medienforscher sagen, sie sei im digitalen Zeitalter irrelevant und veraltet. Was sagen Sie zu dieser These?
Paesler

Das Gegenteil trifft zu. Bei der Zeitung geht der Leser davon aus, dass Nachrichten keine Fake News, sondern kritisch geprüft und eingeordnet sind. Zudem weiß der Leser: Das ist der Verleger, das ist der Verlag, das ist der Lokalredakteur. Das trägt dazu bei, Gemeinschaft und Kommunikation im öffentlichen Raum zu moderieren. Ich bin überzeugt, dass die Tageszeitung auch im digitalen Zeitalter ihre Berechtigung hat. 

Dennoch haben es Zeitungen zunehmend schwerer. Wie können sie in der multimedialen Informationswelt noch ihren Zweck erfüllen?
Paesler

Ich bin sicher, dass das gelingt. Die schwierigere Frage ist, wie ein wirtschaftliches Geschäftsmodell möglich ist. Es besteht die Gefahr, beim Digitalen in ein klassisches Marktversagen hineinzulaufen, wenn Verlage sich nur mit journalistischen Angeboten refinanzieren wollen. Zudem brauchen wir ein effektives Leistungsschutzrecht für Verlage. Es kann nicht sein, dass große digitale Plattformen wie Google mit der Verbreitung von Nachrichten, das heißt mit Leistungen, die andere erbracht haben, gutes Geld verdienen. 

Hand aufs Herz: Wann wird in Deutschland die letzte gedruckte Tageszeitung erscheinen?
Paesler

Sie wird so lange erscheinen, wie es Menschen gibt, die dieses Produkt haben wollen. Das ist eine marktwirtschaftliche Entscheidung. Ob es allerdings in 20 Jahren an jedem Tag in der Woche in jedem Zipfel Deutschlands eine gedruckte Zeitung geben wird, da mache ich ein Fragezeichen dahinter.

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