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Moderner Jugendstil

Streit in der Architekturszene: Ist die Baden-Badener Kunsthalle nur ein Stall?

Der Jugendstilbau war schon immer umstritten. Bei der Eröffnung der ersten Ausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden gab es 1909 erhebliche Kritik an deren Architektur.

Von Gegnern beschimpft: Die Kunsthalle in Baden-Baden ist ein Werk von Hermann Billing. Ein Landtagsabgeordneter nannte sie einen „Stall“. Foto: Ulrich Coenen

Der skandalträchtige Bau der 1914 vollendeten katholischen Pfarrkirche St. Bernhard in Baden-Baden hat eine Vorgeschichte. Die Veränderungen in der badischen Architekturszene verliefen damals rasant. Die mächtigen Vertreter der historischen Stilformen verloren ihren Einfluss.

Zu Beginn der 1890er Jahre hatte Oberbaudirektor Josef Durm als erster Architekt im Staat und Chef der großherzoglichen Bauverwaltung den Höhepunkt seines Einflusses erreicht. Der schloss auch die Architektenausbildung an der Technischen Hochschule ein, wo er als Professor lehrte.

Nur ein Jahrzehnt später, im Jahr 1902, hatte dieser führende Vertreter der Historismus seine Macht und sein Amt verloren. Die modernen Tendenzen der Architektur und dadurch ausgelöste Streitigkeiten waren Anlass seiner Entlassung.

Architektur als sinnliches Erlebnis statt purer Nachahmung

Für diese neue Architekturauffassung stand in Karlsruhe vor allem Hermann Billing. Gerhard Kabierske beschreibt in seiner Dissertation Billings Bekenntnis zum subjektiven künstlerischen Schaffen, die Vorstellung von der Architektur als sinnliches Erlebnis, seine Ablehnung jedes Dogmas und die Bejahung des ständigen Wandels der Stilformen. Damit stand er in deutlichem Gegensatz zu einer puren Nachahmung der historischen Stile.

Billings Umgang mit den historischen und dabei vor allem den mittelalterlichen Bauformen war, wie Kabierske zeigt, individuell und künstlerisch geprägt. Sehr früh sind florale Elemente des Jugendstils in seinen Entwürfen zu finden. Billing entwickelte sein Werk in seiner Hauptschaffenszeit 1900 bis 1911 zur Meisterschaft.

Die bisher vorherrschende Orientierung an mittelalterlichen Formen tritt, wie Kabierske nachgewiesen hat, seit der Jahrhundertwende zugunsten einer noch eigenständigeren Formensprache zurück, wobei es typisch für die persönliche Handschrift des Architekten ist, niemals völlig auf historische Bezüge, nun vor allem auf Elemente des 16. Jahrhunderts und des Barock, zu verzichten.

Ist die Baden-Badener Kunsthalle nur ein Stall?

Zu seinen Hauptwerken zählen die Kunsthalle in Mannheim (1905-07), die Kunsthalle in Baden-Baden (1908/09), das Kollegiengebäude der Universität in Freiburg (1907-11) und das Rathaus in Kiel (1907-11). Dabei kam es immer wieder zu Skandalen. Dem konservativen Bürgertum gefiel die avantgardistische Formensprache Billings nämlich gar nicht.

Bei der Eröffnung der ersten Ausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden am 3. April 1909 gab es erhebliche Kritik an deren Architektur, die in ihrer Schlichtheit nicht zum repräsentativen Charakter der in Kurstädten üblichen Bauwerke passte. Die Kunsthalle wurde als „ärmlich“ bezeichnet. Noch neun Jahre nach ihrer Eröffnung nannte ein Landtagsabgeordneter das Gebäude in öffentlicher Sitzung einen „Stall“.

Robert Curjel und Karl Moser bauten bis 1915, als sie ihre Bürogemeinschaft in Karlsruhe beendeten, insgesamt 21 Kirchen. Vor allem deshalb gaben sie der Sakralarchitektur und damit auch dem kirchlichen Bauamt mit Johannes Schroth an der Spitze wichtige Impulse. Die katholische Kirche um die Wende zum 20. Jahrhundert war im Hinblick auf die Sakralarchitektur konservativ. Die zahlreichen Gotteshäuser, die in dieser Zeit für die ständig wachsenden Gemeinden entstanden, zeigen nur sehr selten moderne Tendenzen.

Der Jugendstil war bei den Bischöfen verpönt. Die mittelalterlichen Formen waren für sie im Sakralbau fast alternativlos. Das war der Stand der Dinge, als Johannes Schroth der Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes in Karlsruhe, gegen viele Widerstände mit den Entwurfsarbeiten für St. Bernhard begann.

Heute Opfer eines Brandanschlags, damals ein Skandal: Die Pfarrkirche St. Bernhard in Baden-Baden wurde unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg nach Plänen von Johannes Schroth erbaut. Foto: Ulrich Coenen

Streit um Kirche St. Bernhard in Baden-Baden: Was ist Jugendstil?

Was ist Jugendstil überhaupt? Stefanie Lieb, außerplanmäßige Professorin für Architekturgeschichte an der Universität Köln, beschreibt ihn eine extrem kurzlebige Formensprache in der Zeit um 1900, die sich in der Architektur aber nicht – wie mitunter behauptet – auf eine Dekorationskunst auf der Fläche beschränken lasse.

Lieb billigt dem Jugendstil auch spezifisch tektonisch-organische Eigenschaften zu, die aufgrund ihrer ästhetischen Gestaltung Aufsehen erregt haben. Dabei unterscheidet sie zwischen reinen Jugendstilbauten, die selten sind und vor allem in den Zentren entstanden, und historistischen Bauten mit Jugendstilornamenten, die sehr viel häufiger sind.

„Neu an der Jugendstilarchitektur gegenüber den Bauten des Historismus war die Dekorationsform“, konstatiert Stefanie Lieb. „Das stilisierte, von Naturformen abgeleitete Ornament, das geschwungene, fließende Linien ausbildete, und das geometrisierende Ornament, das mit seinen geometrischen Formen Akzente setzte.

Diese neue Ornamentik wurde jedoch nicht nur als Flächenschmuck verstanden, sondern als ästhetisches Prinzip, das das gesamte Bauwerk bestimmen sollte. Demzufolge war das Bauwerk des Jugendstils eine Organismus, bei dem die Funktion der Bauglieder durch organische Analogien zur Anschauung gebracht wurde.“

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