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Wurzeln wuchern, Wege verschwinden

Naturbelassene Wanderstrecke am alten Kurhaus Plättig: Wo Baden-Baden wirklich wild ist

Vor gut zwei Jahrzehnten hat Orkan Lothar alles umgemäht. Seitdem macht die Natur, was ihr gefällt. Auf dem Wildnispfad am verwaisten Kurhaus Plättig zeigt Baden-Baden von einer ungewohnt wilden Seite.

Holzstege führen im Wildnispfad teilweise über umgestürzte Bäume Foto: Christiane Krause-Dimmock

Von Christiane Krause-Dimmock

Sommerschläppchen und Co. sind augenscheinlich die falsche Ausstattung für Entdecker, Erkunder, Kletterer und Wanderer, die auf dem Wildnispfad wandeln mögen.

Gleich neben der Nobelklinik Bühlerhöhe und dem verwaisten Kurhaus Plättig geht es hinein in die Waldfläche, die vor rund 20 Jahren brachial von Orkan Lothar gerodet wurde. Hier, vorbei an der Karfreitagswiese und der Antonius-Kapelle, geht das Abenteuer Wildnis los. Gut ausgeschildert und naturnah erstreckt sich das Gebiet auf rund 70 Hektar und öffnet dem Entdecker die Augen für so manches, was von der Natur geschaffen wurde und einen gewissen künstlerischen Charme verbreitet, gleichermaßen aber auch dafür, wie es aussehen mag, wenn ein Schwarzwälder Phönix aus der Asche steigt.

Wo alles tot wirkt, entsteht Leben

Denn dort wo alles tot wirkte, nachdem der Orkan Tannen, Fichten und Buchen wie Streichhölzer geknickt hat, entsteht längst neues Leben, dass sich mit abgestorbenen Baumriesen mischt. Durch diesen wahrlich wilden Mix laufen die Besucher mitten hindurch und werden immer wieder auf kleine und große Highlights hingewiesen. Auch auf Überraschungen.

„Der Wald hat es ganz schön in sich“, ist Manfred Wagner überrascht, was es ausmacht, wenn Flächen wie diese sich quasi selbst überlassen werden. Da stehen durchaus mal Wurzeln hoch, es kann rutschig oder zur sportlichen Herausforderung werden, wenn es über und unter Baumstämmen hindurchgeht etwa. Kleine Klettersteige müsse überwunden werden, oder in schwindelnder Höhe das Nest eines Raubvogels entdeckt und besetzt werden.

„Das macht schon Spaß, wenn man hier im Wald spazieren geht. Aber der Adlerhorst ist natürlich das Beste.“ Darin sind sich die beiden Brüder Emil und Anton einig. Selbst als ein leichter Wind einsetzt und die Schwankungen des Baumes, an dem der Horst angedockt ist, zu spüren sind, bleiben die beiden Knaben cool. Im Gegenteil.

Öko-Adventure pur

Sie finden es vielmehr spannend, wenn jemand über den Steg gelaufen kommt und man die Bewegungen spüren kann. Noch besser gefallen Emil und seinem kleinen Bruder allerdings, dass man hier – geschützt vor der Außenwelt – trefflich Rast machen kann. Wenn man denn an ein kleines Picknick gedacht hat. Denn gekauft werden kann hier – mitten im Wald – nichts.

Trotzdem finden die Tiere, die hier leben, so allerlei zu futtern, begeistert sich Anton an den Erklärungen, die seine Mutter ihm zu den herabgefallenen Bucheckern gibt. „Die kann man essen und die schmecken sehr lecker“, tut er seine Erkenntnisse sofort kund. Nur schälen lassen sie sich schlecht. Das muss die Mama machen. Und die weiß noch so einiges mehr, hat selbst lange in der Nähe dieses spannenden Waldes gelebt, der mit „Wollsackfelsen“, einem Blitzbaum, der Märchenwiese und eine Buchendom bei den Knaben punktet.

Öko-Adventure pur also. Ein geballter Mix aus Natur und Wald lockt, der zuweilen auch ein wenig näher erläutert wird. Dazu gehört etwa die Erläuterung der „Rotkäppchen-Regel“, die besagt, dass man nicht vom Weg abgehen darf und im Winter das Abenteuer ganz zu unterlassen hat. Denn hier, auf fast schon 800 Metern Höhe, herrscht schließlich das echte Leben.

Ob man will oder auch nicht - am Ende nimmt jeder Besucher, der sich den Wildnispfad verinnerlicht hat, etwas mit aus dem Wald. Eine dicke Portion Biologieunterricht nämlich. Dafür sorgen kleine Hinweistafeln, die offenbar auch regelmäßig erneuert und auf diese Weise gut lesbar bleiben. Sie informieren etwa über die sogenannten Wurzelteller, die in die Höhe ragen, wenn der Baum gekippt ist.

Tiere und Pilze erobern den Wald

Was aussieht wie eine Einladung zum Besteigen ist hier aber ausdrücklich nicht erlaubt. Sie schaffen neuen Lebensraum für verschiedene Arten und sind in dieser Form gar nicht mehr so alltäglich in einem Wald, insbesondere dann nicht, wenn dieser bewirtschaftet wird.

Auf dem Areal Wildnispfad, darf sich die Natur das ihre jedoch ganz ungestört zurückerobern und der Wanderer schaut ihr dabei zu. So beginnen etwa Insekten, Amphibien, Reptilien, Vögel, Pilze und andere Arten sich am Wurzelteller anzusiedeln. Hier können sie sich verbergen, finden Nahrung, Schatten und zugleich Sonne. Eine perfekte Kinderstube also.

Doch der pädagogische Part des Pfades ist gut dosiert, sprich die Herausforderungen, auf welche der Wanderer trifft, sind längst nicht nur intellektueller sondern auch ganz praktischer Art. Baumriesen am Boden, ihre mächtigen Dimensionen, die sich beim Überklettern erkunden lassen, Trittsteine im Wasser, wenn es denn welches gibt, und vor allem die Geräusche, welche fernab der Straße zu erlauschen sind.

Auf nicht vorhandenen Wegen mitten durch den Wald

Dabei bleibt fast beständig das Gefühl, auf nicht vorhandenen Wegen mitten durch einen Wald zu marschieren. Denn die Pfade sind nicht befestigt sondern wahrlich ausgetreten. „Das hatte ich nicht wirklich erwartet,“ erweist sich Manfred Wagner, der gemeinsam mit Ehefrau Anke wandert, als findig.

Er hat den Weg querfeldein einfach ein wenig abgekürzt. „Wir hatten natürlich Glück, dass es im Augenblick trocken ist, sonst hätte uns der Matsch vermutlich einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Selbst bei anhaltendem Sonnenschein wie er in diesen Tagen herrscht, muss mit Flecken aller Art gerechnet werden. Im Zweifel von der Schokolade aus der Vesperbox. Mit Wölfen und Braunbären dagegen nicht, auch wenn die Tour auf Schusters Rappen gut zwei Stunden in Anspruch nimmt.

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