Skip to main content

Reichspogromnacht

Informationstafel erinnert jetzt an Zerstörung der Synagoge in Baden-Baden

Zum ersten Mal fand die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht nicht vor der alten Polizeiwache, sondern vor der ehemaligen Synagoge in Baden-Baden statt. Dort wurde eine Hinweistafel enthüllt.

Bedeutsame Worte: Der Rabbiner Daniel Surovtsev spricht vor dem Mahnmal am Willy-Brandt-Platz. Gemeinsam mit der Oberbürgermeisterin legt er einen Kranz nieder. Foto: Karl-Heinz Fischer

Erstmals wurde am Mittwoch der Wunsch vieler Bürger erfüllt, die alljährliche Gedenkfeier zur Reichspogromnacht nicht nur am Mahnmal vor der Alten Polizeiwache zu begehen, sondern auch dort, wo bis zum 10. November 1938 die Baden-Badener Synagoge gestanden hatte, an der Ecke Stephanienstraße/Scheibenstraße.

An der Stephanienstraße wurde jetzt eine neue Informationstafel angebracht, die über das grauenvolle Geschehen während des Pogroms in Baden-Baden informiert. Wie in früheren Jahren hatten auch diesmal wieder die Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG), die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und die Stadt gemeinsam eingeladen.

Wie immer begann die Feierstunde mit Musik, diesmal mit einem Satz aus einer Sonate für Violine Solo von Johann Sebastian Bach.

Oberbürgermeisterin Margret Mergen (CDU) stellte zunächst die neue kulturhistorische Informationstafel vor, für die sich viele Bürger eingesetzt hätten und lud die Teilnehmer der Veranstaltung ein, sich nach den Ansprachen entsprechend einer lang geübten Tradition von den Pfadfindern eine Kerze geben zu lassen und gemeinsam zum Mahnmal am Willy-Brandt-Platz vor der Alten Polizeiwache zu ziehen, wo Rabbiner Daniel Surovtsev ein Gebet sprach und gemeinsam mit Mergen einen Kranz niederlegte.

Am Standort der zerstörten Synagoge machte sich Mergen gegen das Vergessen stark. Die Vergangenheit müsse immer wieder neu aufgearbeitet werden, und diese Aufarbeitung müsse immer wieder aufs Neue aufrütteln und Erschütterung auslösen. Als einen Grund für den wachsenden Antisemitismus in Deutschland nannte die Oberbürgermeisterin fehlendes Wissen. Dem müsse man gegensteuern, denn „Antisemitismus darf nie wieder in der Mitte der Gesellschaft ankommen“.

Baden-Badener Rabbiner: Menschen müssen Erinnerung aktiv pflegen

Rabbiner Daniel Surovtsev sprach die zentrale Bedeutung der Erinnerung in der jüdischen Theologie an. Demnach seien die Menschen angehalten, die Erinnerung aktiv zu pflegen. Dies gelte auch für den Umgang mit dem Antisemitismus. Auch hier dürfe Erinnerung nicht nur auf judenfeindliche Handlungen oder Äußerungen reagieren, sondern müsse immer aktiv in die Diskussionen auf allen Ebenen eingebracht werden.

Die Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden versuche diesem Anspruch gerecht zu werden durch die gute Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Gemeinderat, der ACK und der DIG. Außerdem versuche sie bei Stadtführungen und in Veranstaltungen in Schulen die Erinnerung an die lange Tradition jüdischen Lebens in der Stadt, aber auch an die Vernichtung dieses Lebens wachzuhalten.

Folge dieser Erinnerung müsse sein, dass alle Menschen sich achten. Dazu las er einen Text vor, den die Schriftstellerin Ilse Weber im Konzentrationslager geschrieben hatte, bevor sie ermordet wurde, und in dem sie dazu aufrief, trotz aller Grauen im Lager fürsorglich miteinander umzugehen. In diesem Sinn schloss der Rabbiner seine Ansprache mit dem Appell: „Seid gut zueinander!“.

Nicole Oppermann von der ACK lenkte die Erinnerung konkret auf die Geschichte jüdischen Lebens in Baden-Baden. Als die vom namhaften Architekten Ludwig Levy 1899 eingeweiht wurde, hätten die Mitglieder der jüdischen Gemeinde wie alle Angehörigen einer Religionsgemeinschaft in dem Gebäude einen Ort gesucht, an dem die Seele zur Ruhe kommt.

Den Opfern der Pogrome in Baden-Baden sollte die Würde genommen werden

„Aber der Ort, an dem wir heute stehen, wurde vor 83 Jahren entweiht“. Die Nazi-Funktionäre hatten die jüdischen Mitbürger an der Alten Polizeiwache zusammengetrieben und dann vor die Synagoge geführt. Dort mussten sie mit ansehen, wie ihre Heiligtümer entweiht und das ganze Gotteshaus schließlich in Brand gesteckt wurde.

„Den Opfern sollte die Würde genommen werden“, stellte Oppermann fest, und schließlich sehr oft auch das Leben. „Das war das Signal für den größten Völkermord der Menschheit“. Die Erinnerung daran müsse wach gehalten werden, denn „leider haben wir uns daran gewöhnen müssen, dass jede jüdische Einrichtung von der Polizei geschützt werden muss“.

nach oben Zurück zum Seitenanfang