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Angehörige tauschen sich über Erfahrungen aus

Selbsthilfegruppe in Baden-Baden fordert mehr Akzeptanz bei psychischen Erkrankungen

Jeder Dritte in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Trotzdem ist das Problem häufig ein Tabuthema in der Gesellschaft. Die Interessengemeinschaft der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Baden-Baden will dem entgegenwirken.

Sonja Haase Foto: Beatrix Ottmüller

Von Beatrix Ottmüller

Psychische Erkrankungen kennen kein Alter. Laut einer Studie leidet jeder Dritte in Deutschland im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Doch längst nicht jeder lässt sich behandeln. Circa 1,6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik suchen jährlich psychiatrische Hilfe, noch immer gibt es eine große Hemmschwelle.

400.000 Menschen werden stationär behandelt, verdeutlicht die Interessengemeinschaft der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen für die Stadt Baden-Baden und das Umland (IPK).

„Es ist meist schwierig das Problem zu deuten, psychische Erkrankungen sind sehr speziell. Wer beispielsweise eine klinische Depression hat, bewegt sich nicht mehr. Das gibt es aber auch in leichten Formen, oft durch Drogenkonsum. Eine Schizophrenie kann von sehr leicht bis zum Verfolgungswahn gehen. Sie ist in den leichten Formen schwer zu erkennen oder einzuordnen“, sagt Sonja Haase, die sich seit zehn Jahren in der IPK engagiert.

Sozialer Rückzug kann Zeichen für psychische Krankheit sein

Vor allem ein zunehmender Rückzug aus dem sozialen Leben kann ein Zeichen einer psychischen Erkrankung sein. Das stellt den Angehörigen dann irgendwann vor die Frage: Was mache ich jetzt? Lasse ich die Person fallen oder suche ich Hilfe für uns beide? Denn nicht nur Betroffene leiden unter einer psychischen Erkrankung.

Die Angehörigen einer erkrankten Person sind mit Sorgen und Nöten belastet, erklärt Sonja Haase. Die Interessengemeinschaft unterhält daher eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die mit psychisch Erkrankten zusammenleben und sich über ihre Erfahrungen, Sorgen und Nöte austauschen wollen.

„Das kann sehr entlastend wirken, das Zusammentreffen mit anderen Menschen, die ähnliche Schicksale tragen, kann zur eigenen Stabilisierung beitragen“, sagt sie. Sonja Haase weiß, wovon sie spricht, denn auch in ihrer Familie gibt es ein betroffenes Mitglied.

Eine psychische Erkrankung sei eine systemische Erkrankung, die alles in Familien beeinflusse, versucht Sonja Haase die Auswirkungen auf das Leben aller Betroffenen zu erklären. Auch der Freundes- und Bekanntenkreis leide, da die Akzeptanz von psychischen Erkrankungen in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer wenig vorhanden sei.

Viele könnten nicht einordnen, warum sich eine Person verhält, wie sie sich verhält. „Manche Phasen so einer Erkrankung sind sehr schwierig, oft auch unvorhersehbar bar“, betont Sonja Haase. Damit einher gehe, dass sich Nachbarn, Freunde und Bekannte oft zurückziehen würden.

Selbsthilfegruppe will Angehörigen eine Austauschmöglichkeit bieten

So finden sich die betroffenen Familien isoliert von der Gesellschaft, die meist wenig Verständnis aufbringt oder erfassen kann, was hinter dem Verhalten einer psychisch erkrankten Person steckt.

Hier will die Selbsthilfegruppe einhaken und ein Anker sein und ein sicherer Ort, an dem Angehörige der von einer psychischen Erkrankung Betroffenen sich mit Gleichgesinnten austauschen können, ein offenes Ohr finden oder auch fachliche Fragen beantwortet bekommen.

„Es ist eine offene Gruppe, wir haben keinen festen Kern. Meistens sind es zwischen zwei und zehn Menschen“, erzählt Sonja Haase. Helfen könne man den Leuten nicht immer, aber es sei für die meisten positiv, wenn jemand zuhöre und sie erzählen könnten was sie bewege, ohne dass das Gesagte bewertet wird.

Das Angebot der Selbsthilfegruppe, die sich seit den 1990er-Jahren in einem Raum im Gunzenbachhof tritt, wird gut angenommen, sagt Sonja Haase. Immer wieder bekomme sie Rückmeldungen wie wichtig es sei, sich mit Leuten auszutauschen, die das gleiche erlebt haben oder erleben.

Betroffene moderieren die Selbsthilfegruppe

Die Gruppen werden von Menschen moderiert, die selbst betroffen sind und Erfahrungen mit einem Partner, Kindern oder Familienangehörigen mit einer psychischen Erkrankung haben. Von der räumlichen Nähe zur Klinik profitiert die Gruppe, denn in der Fachklink werden die meisten Teilnehmer auf das Angebot aufmerksam.

Eine Besonderheit ist, dass auch die Oberärztin der Klinik es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Treffen beizuwohnen, um Fachfragen schnell und direkt beantworten zu können. „Ich dachte, ich bin ganz alleine mit meinem Problem“, ist ein Satz, den Sonja Haase öfters hört.

Einmal erzählte ein älterer Herr in der Gruppe, wie er mit der Schizophrenie seiner Frau umgeht, die er inzwischen akzeptiert hat.
Sonja Haase, von der Interessengemeinschaft der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen für die Stadt Baden-Baden und das Umland

„Einmal erzählte ein älterer Herr in der Gruppe, wie er mit der Schizophrenie seiner Frau umgeht, die er inzwischen akzeptiert hat. Das half dann auch anderen Anwesenden ihre Erfahrungen zu teilen“, verdeutlicht Sonja Haase den Rückhalt, den die Selbsthilfegruppe betroffenen Angehörigen geben kann.

Ihr selbst habe die Gruppe auch geholfen Dinge zu verstehen und damit umzugehen, dabei sei gerade der Kontakt zu Fachpersonal wichtig, um Fragen stellen zu können.

Bei den Treffen, die in Baden-Baden jeden letzten Dienstag im Monat stattfinden, gibt es im Wechsel immer einen Abend, der als persönliches Forum zum Austausch genutzt wird und einen Abend, bei dem ein bestimmtes Krankheitsbild im Vordergrund steht.

Die offenen Dienste der Caritas sind dann anwesend und die Oberärztin der Gunzenbachklinik hält einen Fachvortrag, zudem gibt es Informationen zu Medikamenten oder Reha-Aufenthalten, die aufzeigen, wie man die Zukunft des psychisch Erkrankten gestalten kann.

Zudem versucht die Selbsthilfegruppe Vorträge außerhalb der Fachklinik zu organisieren, die helfen sollen eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen beizutragen, damit sie näher in das Bewusstsein der Gesellschaft rücken.

Service:

Gruppenabende finden jeden letzten Dienstag im Monat, ab 17.30 Uhr in der Gunzenbachstraße 6 in Baden-Baden, im Seminarraum der Mediankliniken Gunzenbachhof statt. Jeden ersten Donnerstag im Monat (bei Feiertagen eine Woche später) trifft sich eine Gruppe ab 17.30 Uhr in Rastatt, Carl-Friedrichstraße 10, im Caritashaus, im Erdgeschoss links. Weitere Infos unter www.ipk-badenbaden-rastatt.de oder per E-Mail an info@ipk-badenbaden-rastatt.de

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