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Unangenehmes Gefühl

So erlebt eine Rückkehrerin aus Südtirol die Coronavirus-Quarantäne

Damit hat Melanie Richter wirklich nicht gerechnet. Als sie Ende Februar in den Skiurlaub nach Südtirol fährt, scheint alles nicht so wild mit dem Coronavirus. Und nun, knapp zwei Wochen später, sitzt sie zu Hause und darf ihre Wohnung nicht verlassen. Quarantäne. Was Melanie Richter seit dem Urlaub in Südtirol erlebt hat, beschreibt die Unsicherheit vieler Menschen, die dieses Virus ausgelöst hat.

In fast allen Bundesländern ist das Coronavirus angekommen. Foto: Marcel Kusch/dpa

Damit hat Melanie Richter wirklich nicht gerechnet. Als sie Ende Februar mit ihrem Freund und acht Familienmitgliedern in den Skiurlaub nach Südtirol fährt, scheint alles nicht so wild mit dem Coronavirus. Und nun, knapp zwei Wochen später, sitzt sie zu Hause und darf ihre Wohnung nicht verlassen. Quarantäne.

Was Melanie Richter seit dem Urlaub in Südtirol erlebt hat, beschreibt die Unsicherheit vieler Menschen, die dieses Virus ausgelöst hat. Und auch die Probleme, vor denen die Behörden nun stehen, die eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zumindest verlangsamen wollen, wenn es schon nicht zu verhindern ist.

Melanie Richter will ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Einerseits, weil das ganze Thema ziemlich sensibel ist, weil es Ängste schürt, auch im persönlichen Umfeld. Andererseits aber auch, weil sich das mit der Quarantäne in ihrem Fall nicht so wirklich einhalten lässt. Aber der Reihe nach.

Erst auf der Fahrt in den Urlaub haben wir mitbekommen, dass es immer mehr Fälle in Italien gibt.
Melanie Richter, Südtirol-Rückkehrerin

Die Ferien mit der Familie und ihrem Freund in Antholz waren schon lange geplant. Südtirol galt keineswegs als Risikogebiet. Coronavirus? Das gab es vor allem in China. „Erst auf der Fahrt in den Urlaub haben wir mitbekommen, dass es immer mehr Fälle in Italien gibt“, erzählt Richter. „Hoffentlich lassen sie uns nachher wieder zurück nach Deutschland“, hatten sie spaßeshalber noch gesagt.

Der Schock kommt erst mit der Rückkehr aus dem Urlaub

Der Skiurlaub läuft wie geplant, keine Spur von Panik. Das Thema Coronavirus ist nur eines am Rande. Sie fahren Ski und wandern. „Es kam uns auf keinen Fall so vor, als wären wir in einem gefährdeten Gebiet“, sagt Richter. Umso größer ist der Schock, der dann folgt.

Auf der Heimfahrt werden die Meldungen immer dramatischer. „Irgendwann haben wir das Radio ausgemacht“, sagt die junge Frau. Aber ein komisches Gefühl bleibt. „Nachher haben wir doch was mitgebracht“, denkt sie.

Gleich am Montagmorgen nach der Rückkehr meldet sich die Familie beim Gesundheitsamt. Die Frau am Telefon kann ihnen nicht wirklich helfen, sie empfiehlt, die Informationen auf der Internetseite des Robert-Koch-Institutes nachzulesen.

Aber Südtirol sei schließlich kein Risikogebiet. Also kein Grund zur Sorge. Weil sie auf Nummer sicher gehen will, spricht Richter vorsichtshalber auch mit der Leiterin des Kindergartens, in dem sie ihre Ausbildung absolviert. Auch von dort bekommt sie grünes Licht. Sie ist schließlich gesund, zeigt keinerlei Symptome.

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Nach einer Woche Arbeit wird sie nach Hause geschickt

Daraufhin geht die 22-Jährige die folgende Woche täglich zur Arbeit. „Ich habe mich auf die Entwarnung des Gesundheitsamtes verlassen und hatte ein besseres Gefühl,“ sagt sie. Ähnlich geht es allen anderen, die bei der Reise dabei waren. Doch schlagartig ändert sich die Situation.

Ende vergangener Woche wird Südtirol zum Risikogebiet erklärt. Alle Schulen und Kindergärten werden informiert. Alle Mitarbeiter, die sich in der Region aufgehalten haben, sollen nicht mehr zur Arbeit kommen und ihr Zuhause vorsorglich nicht mehr verlassen. Richter hat davon zunächst gar nichts mitbekommen.

Im Kindergarten kommt eine Kollegin auf sie zu und erklärt, sie müsse sofort nach Hause gehen. Die Leiterin sagt der Auszubildenden, dass sie keine andere Lösung sehe, als sie freizustellen. Außerdem dürfe sie ihre Wohnung in der kommenden Woche nicht mehr verlassen. Eine Anweisung seitens einer offiziellen Stelle oder einer Behörde erhält Richter nicht.

Familienmitglieder arbeiten ebenfalls in sensiblen Bereichen

Nicht nur die junge Frau muss nun in dieser Woche zu Hause bleiben. Ihr Freund wurde ebenfalls von der Arbeit freigestellt. Auch die meisten anderen Familienmitglieder, die im Urlaub in Südtirol dabei waren, haben Jobs in sensiblen Bereichen.

Richters Cousine ist ebenfalls Erzieherin, ihre Tante in einem Frisörsalon beschäftigt. Ihre Mutter arbeitet in einem Krankenhaus. Ihr jüngerer Bruder als Kinderbetreuer auf einem Kreuzfahrtschiff. Er darf bei der nächsten Reise, die Ende März starten soll, mit an Bord sein – sofern er bis dahin keine Symptome zeigt und keine Person in seinem Umfeld positiv getestet wird. Symptome, die auf eine Ansteckung mit dem Coronavirus hinweisen, zeigen sie alle nicht.

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Ihr Vater hat eine Vorerkrankung der Lunge und muss sich testen lassen

Melanie Richters Vater ist Medizintechniker im Außendienst. Allerdings hat er zusätzlich eine Vorerkrankung der Lunge. Auf Anraten seines Facharztes hat er sich am Dienstagmorgen durch einen Rachen-Abstrich auf eine Infektion mit dem Coronavirus testen lassen. Der Arzt kam mit Mundschutz, Handschuhen und OP-Mütze zu ihm nach Hause. Auf ein Ergebnis wartet man aktuell etwa drei Tage lang.

Eigentlich hätte ich in dieser Woche einen wichtigen Praxisbesuch im Kindergarten gehabt.
Melanie Richter, Südtirol-Rückkehrerin

Der Alltag muss nun irgendwie weitergehen – trotz Quarantäne. Lebensmittel sind vorerst noch genug da. Ihre Familie könne sie sowieso nicht mit Einkäufen beauftragen, sagt sie schmunzelnd. Die sitzen schließlich auch alle zuhause fest. Aus ihrem Freundeskreis hätten sich allerdings schon viele für Besorgungen und andere Aufträge angeboten. Aber die Quarantäne bringt andere Probleme mit sich.

„Eigentlich hätte ich in dieser Woche einen wichtigen Praxisbesuch im Kindergarten gehabt“, berichtet sie. Auch ein Bewerbungsgespräch für eine Stelle nach ihrer Ausbildung musste sie absagen. „Das Positive ist: Ich habe jetzt Zeit, an meiner Facharbeit zu schreiben“, sagt sie. Allerdings müsste sie dafür noch Bücher in der Bibliothek in Karlsruhe ausleihen. „Das geht halt jetzt auch nicht mehr.“

Sie verlässt jeden Tag das haus, um sich um ihr Pferd zu kümmern

Richter hat keine Anweisungen von offizieller Seite über ihre häusliche Quarantäne bekommen. Niemand kontrolliert, ob sie tatsächlich zuhause bleibt. Und sie kann sich auch nicht daran halten. Jeden Tag verlässt sie das Haus, um sich um ihr Pferd zu kümmern, das in der Nähe in einem Stall untergebracht ist. „Ich gehe aber zu Zeiten, an denen keine anderen Personen im Stall sind“, sagt sie. Spontan jemanden zu finden, der das für sie übernehmen könne, sei alles andere als einfach.

Auch bei ihren Eltern schaut sie immer wieder vorbei, denn die sitzen ja im gleichen Boot. Das Zuhausebleiben fällt allen schwer. Aber sie versuchen zumindest, jetzt mal alles abzuarbeiten, was in letzter Zeit so liegen geblieben ist. „Heute haben wir erstmal die ganze Wohnung geputzt.“

Ich fühle mich total gesund.
Melanie Richter, Rückkehrerin aus Südtirol

Angst davor, krank zu werden, hat sie nicht wirklich. „Ich fühle mich total gesund“, unterstreicht sie. Deswegen hält sie auch nur wenig von der angeordneten Maßnahme. „Wir haben ja schon eine Woche ganz normal gelebt und sind überall gewesen. Wenn wir ansteckend wären, wäre es eh schon passiert.“ Wenn sie Symptome hätte oder positiv getestet worden wäre, würde sie mit der Situation auch anders umgehen, sagt sie schulterzuckend.

Trotzdem bleibt ein unangenehmes Gefühl

Nur mit Blick auf ihren Kindergarten bleibt ein unangenehmes Gefühl. Schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass sich das Virus auch dort verbreitet. Von den Kindern sind ohnehin gerade viele verschnupft. Es ist nicht auszuschließen, dass es weitere Ansteckungen gibt. „Und dann könnte es auf mich zurückfallen“, befürchtet sie.

Bis auf Melanie Richters Vater wird vorerst niemand aus der Familie getestet, denn weiterhin zeigt keiner von ihnen Symptome. Sollte es dabei bleiben, endet am Montag die Qurantänezeit. Dann darf sie wieder arbeiten. Sollte der Test des Vaters positiv sein, weiß noch niemand genau, wie es weitergeht. Melanie Richter bleibt nicht viel mehr übrig als eines: Abwarten.

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