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Adressbuch aus dem Jahr 1920

Vor 100 Jahren gab es in Baden-Baden acht Hühneraugenoperateure und eine Desinfektionsanstalt

Hühneraugenoperateure, Kleinkinderbewahranstalt, Städtisches Dienerpersonal - vor 100 Jahren waren diese Begriffe in Baden-Baden eine Selbstverständlichkeit. Eine Desinfektionsanstalt existierte damals auch.

Etwas zerfleddert ist es schon: das Adressbuch Baden-Baden aus dem Jahr 1920. Eine Leserin aus Achern-Großweier hat es Jahrzehnte aufbewahrt und der Redaktion vermacht. Foto: Bernd Kamleitner

Das Ende des Ersten Weltkriegs lag gerade einmal zwei Jahre zurück, als vor 100 Jahren Olympische Spiele in Antwerpen ausgetragen wurden und in den USA Frauen das Wahlrecht erhielten. Papst Benedikt XV. sprach die Jungfrau von Orleans heilig. Und in Baden-Baden?

Im Sommer 1920 ging der Flugplatz in Oos in Betrieb. Im Ooswinkel entstanden die ersten Häuser und der Skiclub sowie die Ortsgruppe des Schäferhundevereins und die Firma Bier-Wurz wurden gegründet. Die Philharmonie führte Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ mit dem Dirigenten Otto Lohse auf und auf dem Chefsessel im Rathaus saß Oberbürgermeister Reinhold Fieser.

Nach dem Kommunalpolitiker ist Baden-Badens bekannteste Brücke über die Oos benannt, die Verbindung der Flaniermeile zwischen der Altstadt und dem Kurhaus.

Reinhold Fieser war damals Oberbürgermeister

Keine Frage: Vor 100 Jahren war in Baden-Baden vieles anders als heute. Damals waren unter anderem acht Hühneraugenoperateure in der Stadt tätig, die ihre Dienste beim Entfernen von Hornhautverwachsungen anpriesen. Die nannten sich wirklich so: Das und vieles mehr erfährt der aufmerksame Leser im Adressbuch aus dem Jahr 1920.

So wurde vor 100 Jahren geworben: Im Adress von Baden-Baden aus dem Jahr 1920 sind diese Firmenanzeigen veröffentlicht. Foto: Bernd Kamleitner

1920 - ja, Sie haben richtig gelesen! Das über 400 Seiten umfassende Buch hat schon ein Jahrhundert auf dem Buckel. Es ist etwas zerfleddert und vergilbt, aber unter dem Strich doch noch so gut erhalten, dass es sich als Lektüre anbietet. Anita Graffy aus Achern-Großweier hat es über Jahrzehnte aufbewahrt: zu schade zum Entsorgen. Die Besitzerin mit verwandtschaftlichen Beziehungen nach Baden-Baden hat das betagte Buch der Redaktion überlassen. Der Baden-Badener Lokalredakteur blätterte es mit großem Interesse durch - mal wieder ein anderes Thema als Corona!

Spanische Grippe forderte damals weltweit Millionen Tote

Eine Pandemie war in jener Zeit auch ein Thema bei den Menschen: die Spanische Grippe. Sie gilt als eine der schlimmsten Grippe-Epidemien. In mehreren Wellen forderte sie zwischen 1918 und 1920 weltweit Millionen Tote.

Im historischen Adressbuch der Bäderstadt ist das Wort Spanische Grippe zwar nicht mehr zu finden, aber Kliniken und Sanatorien sowie Hygieneeinrichtungen gab es auch damals. So saß etwa eine Baden-Badener Desinfektionsanstalt in der Balzenbergstraße. Ihr Aufgabenfeld umfasste die „radikale Ungezieferausrottung und Kranken- und Sterbezimmer-Desinfektionen“.

Im Verzeichnis der damaligen Straßen und der Hauseigentümer für die Altstadt und dem Stadtteil Lichtental steht unter mancher Hausnummer in einer Straße dagegen noch die Angabe „Bauplatz“ und bisweilen der Hinweis „keine Häuser“. Das kommt nicht überraschend. Baden-Baden zählte damals rund 24.000 Einwohner, weniger als das heutige Gaggenau. Inzwischen gibt es hingegen über 55.000 Baden-Badenerinnen und Baden-Badener.

Die damalige Organisation des Rettungswesens ist mit unseren heutigen Vorstellungen und Ansprüchen kaum noch nachvollziehbar. Die Alarmierung erfolgte durch eine „elektrische Feuermelde-Anlage“. Dazu gehörten unter anderem Alarmglocken. In der Weststadt und Lichtental ertönten im Brandfall - ja, so steht es da tatsächlich: - Hornsignale! Zur Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehren bestand eine „Hilfsmannschaft“.

Im Gemeinderat saßen nur Männer

Der Gemeinderat setzte sich aus 18 Räten zusammen, nur Männer. Das Kommunalparlament komplettierten Oberbürgermeister Fieser und der damalige Bürgermeister Hermann Elfner. Im Rathaus gab es zu der Zeit noch „Städtisches Dienerpersonal“. Gemeint war ein Ratsdiener, der auch Hausmeister war, ferner waren Stadtdiener in mehreren Ämtern und ein Kassendiener im Einsatz. Kurtaxe wurde schon damals erhoben. Zwischen 50 Pfennig und zwei Mark. Das hing davon ab, in welchem Quartier die Unterkunft lag.

Für den Nachwuchs existierte eine evangelische und eine katholische „Kleinkinderschule“, die entsprechende städtische Einrichtung hieß „Kleinkinderbewahranstalt“. Das Vereinsleben blühte offenbar. Die Liste der „Anstalten und Vereine“ im Adressbuch ist jedenfalls lang. Es gab neben klassischen Vereinen etwa den Artillerie-Verein St. Barbara, den Athleten-Klub Herkules, drei Stenographen-Vereine, einen Dienstboten- und einen Kavallerie-Verein, eine Marianische Jungfrauenkongregation für Dienstmädchen und eine für Haustöchter sowie einen Verein zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder im Lande Baden.

In der Kernstadt hielten 104 Viehbesitzer 320 Rinder

Umfangreich war auch die Übersicht über den Berufsstand der Ärzte. Eine eigene Rubrik für „Im Ausland diplomierte Dentisten“ listet vier Herren und eine Dame auf. Heute in der Kernstadt nicht mehr vorstellbar: In der Ortsviehversicherungsanstalt Baden-Baden waren „104 versicherte Viehbesitzer mit 320 Rindviehstücken“ organisiert. Der Ortsviehversicherungsverein Lichtental hatte zudem Vertretungen in Geroldsau sowie Oberbeuern und Unterbeuern.

Aufmerksamste Bedienung zugesichert: Die Baden-Badener Dampfwaschanstalt preist im Adressbuch aus dem Jahr 1920 ihre Dienste an. Foto: Bernd Kamleitner

Finanziert wurde der Druck des von einer örtlichen Druckerei herausgegebenen Adressbuchs über Geschäfts-Anzeigen. Dort wirbt etwa der Bezirkskonsumverein Baden-Baden auf einer ganzen Seite für seine zwölf Lebensmittel-Verteilungsstellen (davon vier in Baden-Baden) und für seine „eigene Sparkasse“. Von deren Angebot können Sparer heute nur träumen: Alle Einlagen, heißt es, werden mit „vier Prozent verzinst“.

Metallwarenfabrik unterhielt eine Autoklinik

In Baden-Baden gab es zudem noch Zigarettenfabriken, eine Korbwaren- und eine Mineralwasserfabrik, Hoffotografen und Hoflieferanten und eine „Autoklinik“, gemeint war eine Reparaturwerkstatt, die an eine Metallwarenfabrik angegliedert war. Die „Grosse Baden-Badener Automobil-Gesellschaft Höhenverkehr Baden-Baden“ warb für „Autofahrten mit den bekannten Gaggenauer Luxusomnibussen durch den ganzen Schwarzwald“ und es gab eine Vertretung der Badischen Luftverkehrs-Gesellschaft (Balug) sowie eine Dampfwaschanstalt, und ein Fachgeschäft für Schreibmaschinen.

Ausfahrt mit Luxusomnibussen: So warb die Grosse Baden-Badener Automobil-Gesellschaft Höhenverkehr Baden-Baden vor 100 Jahren für Ausflüge in den Schwarzwald mit Fahrzeugen aus der Nachbarstadt Gaggenau. Foto: Bernd Kamleitner

Schreibmaschinen? Viele junge Menschen wissen heute schon gar nicht mehr, dass damit nicht etwa ein Kugelschreiber gemeint ist. Dafür dachte vor 100 Jahren noch kein Mensch auch nur ansatzweise an Computer, Tablet oder Smartphone. Ob früher wirklich alles besser war, wie manche ältere Bürger bisweilen heute in der Rückschau meinen?

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