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Deutschlandweite Kampagne auch in Baden-Baden

Werbeflächen thematisieren das Tabuthema Depression

Ich schaff das nicht. Viele kennen das Gefühl. Wer sich Hilfe bei einer Depression holt, kann daraus ein „ich schaff das“ machen. Eine Kampagne der Robert-Enke-Stiftung greift das Tabuthema auf.

Aufmunternd: Ich schaff das. Mit diesem Plakatmotiv wirbt die Robert-Enke-Stiftung auch in Baden-Baden. Psychisch Kranke sollen ermutigt werden, sich Hilfe zu suchen. Foto: Bernd Kamleitner

Es gibt Werbebotschaften, die gehen im Alltag unter. Andere fallen auf. An Bushaltestellen wie am Leopoldsplatz genügen derzeit vier Worte, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Eigentlich sind es sogar nur drei, denn ein Wort („nicht“) ist zwar noch lesbar, aber mit einem fetten blauen Balken versehen.

So bleibt die Botschaft „Ich schaff das“. Die ist in großen Buchstaben auf einer Werbefläche an einer Seite des Bus-Stopps zu lesen. Wer sich angesprochen fühlt, muss genauer hinsehen, um die Aussage im Zusammenhang zu verstehen. Es geht um eine Krankheit, die noch immer ein Tabu-Thema ist: Depression.

Menschen mit gedrückter Stimmung und Antriebslosigkeit gibt es auch in Baden-Baden. Das ist keine Überraschung, denn Depressionen gehören zu den häufigen psychischen Erkrankungen. Mit der deutschlandweiten Kampagne auf Werbeflächen sollen Betroffene angesprochen und angeregt werden, sich Hilfe zu suchen. Initiator ist die Robert-Enke-Stiftung. Robert Enke?

Vor allem Fußballfans werden sich gut an den Sportler erinnern. Acht Mal hütete der Keeper des damaligen Erstligisten Hannover 96 das Tor der Deutschen Fußballnationalmannschaft. Vor fast genau elf Jahren, am 10. November 2009, sah er offenbar keinen anderen Ausweg mehr: Er nahm sich das Wertvollste, was er besaß: das Leben. Die Sportwelt war vom Suizid erschüttert.

Enke litt jahrelang an Depressionen, nur seine engsten Angehörigen wussten davon. Seine Frau Teresa gründete die Enke-Stiftung. Die unterstützt Projekte, Maßnahmen und Einrichtungen, die über Depressionskrankheiten und über Herzkrankheiten von Kindern aufklären und deren Erforschung oder Behandlung dienen.

Mit der deutschlandweiten Aktion und der plakativen Darstellung werde das Thema bewusst aus der Tabuzone herausgeholt, betont Tilman Zychlinski, hauptamtlicher Mitarbeiter der Stiftung mit Sitz in Barsinghausen, 30 Kilometer südwestlich von der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Schon zu Beginn der Corona-Pandemie im März und April hätten viele psychische Kranke besonders unter der Situation gelitten. Termine bei Therapeuten waren oftmals nicht zu bekommen, allgemeine Ängste und die Angst vor den Folgen einer Covid-19-Infektion verstärkten Befindlichkeitsstörungen.

Die Enke-Stiftung reagierte mit einem Beratungstelefon (02 41) 8 03 67 77, montags bis freitags von 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr) und ergänzte im November das Angebot: eine Fachärztin für Psychiatrie steht zusätzlich für Betroffene und Fragen zur Verfügung.

Gerade in der dunkleren Jahreszeit und bei den derzeitigen Corona-Einschränkungen fehle vielen psychisch Kranken ein positiver Tagesabschluss etwa beim Treffen der Selbsthilfegruppe oder einem Kontakt beim Sport, erläutert Zychlinski. Das dem tatsächlich so ist, beweise die gestiegene Nachfrage, die beim Beratungstelefon verzeichnet wurde.

Kampagne läuft bis Ende des Jahres

Die Kampagne soll mit Unterstützung der Wall GmbH, die bundesweit hinterleuchtete Werbeflächen betreut, noch bis Ende des Jahres laufen. Der Stiftung entstehen durch die Nutzung der Flächen keine Kosten, betont Zychlinski. Das entspreche einem so genannten Mediawert von fast zwei Millionen Euro. Vermutlich kommt der Stiftung dabei auch ein wenig die Tatsache entgegen, dass die Werbebranche wegen Corona derzeit alles andere als boomt.

Insgesamt sind drei verschiedene Plakatmotive im Einsatz, die nach einer Idee der renommierten Hamburger Agentur von Raphael Brinkert realisiert wurde. Dabei wird jemals mit dem mit einem Balken versehenen Wort „nicht“ gespielt. Ohne das durchgestrichene Wort verbleiben die aufmunternden Sätze „Ich kann mehr“, „Ich will mehr“ und „Ich schaff das“. Sie sollen zeigen, dass diese Gefühle keine Einbahnstraße sein müssen, wenn Betroffene sich Hilfe holen oder etwa Angehörige sensibilisiert werden.

Wer dagegen eher die Sätze mit einem „nicht“ aussprechen würde, leidet möglicherweise unter einer Depression. Auf der Homepage der Enke-Stiftung ist dazu ein Selbsttest möglich. Er basiert nach Angaben der Stiftung auf einem Fünf-Fragen-Test, der von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt wurde.

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