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Israelische Künstlerin Naomi Leshem

Ausstellung „Fotografische Gespräche“ in Bühl: Ein Appell an die Fantasie der Betrachter

Was haben mehr als 100 Jahre alte Postkarten mit moderner, zeitgenössischer Fotokunst zu tun? Die Antwort auf diese Frage möchte die israelische Fotografin Naomi Lesehem bei einer Ausstellung geben. Deren zweiter Teil findet in Bühl statt.

Ein paar handschriftliche Zeilen: Die Menschen dahinter sind unbekannt, was den Raum für die Fantasie öffnet. Foto: Naomi Leshem

Eine alte Postkarte, eine geschwungene Handschrift, ein paar Zeilen, die von Liebe und Sehnsucht erzählen, ein Name, ein Ort, irgendwo: Wer sich darauf einlässt, taucht ein in eine andere Zeit, in eine andere Realität. Der Betrachter malt sich in seiner Fantasie eine eigene Wirklichkeit aus, erweckt die unbekannten Menschen für eine kurze Zeit zum Leben.

Der Dialog, der über das Medium Postkarte zwischen den Menschen von heute und damals entsteht, fasziniert Naomi Leshem: „It’s about Imagination“, sagt die erfolgreiche israelische Fotografin. Es geht um die Vorstellungskraft, die Fantasie: „Man kann sich eine eigene Geschichte ausdenken.“

Das will Leshem bei ihrer Doppelausstellung „Fotografische Gespräche“ in Bühl und Drusenheim anstoßen. Vom 8. Oktober bis zum 7. November sind ihre analogen Fotografien im Friedrichsbau sowie im Pôle Culturel zu sehen. Im Elsass wird die Ausstellung um einige Postkarten ergänzt, die auch in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückführen, eine stammt aus dem Krieg selbst.

Israelische Fotografin verbindet bei Ausstellung in Bühl Vergangenheit und Moderne

„Jemand hat die Motive fotografiert oder gezeichnet, jemand hat sie beschrieben und verschickt, jemand hat sie lange aufbewahrt“, sagt Leshem. „Ich habe sie an den unterschiedlichsten Orten gekauft und bin jetzt ein Glied in dieser Geschichte.“

Der Titel der Ausstellung beleuchtet einen wesentlichen Aspekt im Schaffen der Künstlerin, die in Israel zu den renommiertesten Fotografinnen zählt und an mehreren Hochschulen lehrt. Sie führt scheinbar Gegensätzliches zusammen, um die daraus resultierende Spannung künstlerisch zu modellieren. Diese Gegensätze können vielgestaltig sein.

Ich gebe ihnen ein modernes, zeitgenössisches Aussehen.
Naomi Leshem, Künstlerin

Bei den Postkarten sieht Leshem „Gegenwart und Vergangenheit, mich und die unbekannten Menschen, die die Karte gestaltet, gekauft verschickt haben“. Das Konträre bezieht sich nicht allein auf die Kunst, sondern auch auf das Handwerkliche: „Eine alte Technik wird in heutige Technik übertragen.“ Leshem scannt die Karten in hoher Auflösung, druckt sie und schweißt sie in Plexiglas ein: „Ich gebe ihnen ein modernes, zeitgenössisches Aussehen.“

International gefragt: Die israelische Fotokünstlerin Naomi Leshem stellt in zahlreichen Ländern aus. Im Herbst ist sie mit einer neuen Ausstellung zu Gast in Bühl. Foto: Ronit Lubezky

Sie wolle so den Karten eine neue Bedeutung geben. Für Leshem ist das kein dokumentarischer Akt, „es ist eine Art von Gespräch“, sagt sie und verweist damit auf das Konzept der Ausstellung, das für die international erfolgreiche Künstlerin, die von New York bis Tel Aviv ausstellt und mit ihren Werken in verschiedenen Sammlungen vertreten ist, eine Premiere ist.

Sie kombiniert neue und alte Werke, stellt sie zu Paaren zusammen und schafft neue Perspektiven für frühere Aufnahmen: „Sie werden wieder neu. Wenn ich sie an der Wand sehe, ist das eine neue Welt.“ Für Drusenheim kündigt Leshem zudem ein neues Werk an, das bislang noch nirgendwo zu sehen gewesen sei.

Ausstellung in Bühl: Betrachter kann sich eigene Geschichte ausdenkenn

Die Postkarten sind keineswegs nur eine kleine Abwechslung in der Ausstellung, sie sind ein Teil des Konzepts, indem sie aus dem Dialog zwischen zwei Fotografien ein Dreiergespräch machen. Transparent in der Mitte des Raumes präsentiert, nehmen sie im Blick des Betrachters Verbindung zu den Bildpaaren an der Wand auf und mischen sich ein in deren Unterhaltung.

Gleichzeitig bringen sie eine ganz spezielle Note ein, denn es sind gerade die romantisch-naiven Motive, die es Leshem angetan haben. Das findet sich auch in den Texten auf den Postkarten wieder – wie in jenen Zeilen, die ein Soldat 1903 an seine Liebste geschickt hat. Ob es die Mutter oder die Braut ist, muss offen bleiben, wie so vieles in Naomi Leshems Kunst, die in der Aussage oft bewusst vage bleibt: Es ist am Betrachter, sich seine ganz eigene Geschichte auszudenken.

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