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Kinder stiften Kleinod

Bühler Stadtmuseum erhält eine außergewöhnliche Weihnachtskrippe

Arthur Oser war keine 18 Jahre alt, als sich Deutschland in einer schweren Zeit befand. In den Jahren 1929/30 setzte der Altschweier künstlerische Kreativität gegen die wirtschaftliche Depression und schuf eine wunderbare Weihnachtskrippe im orientalischen Stil. Allein der Bau hat die Kraft für einen ganzen Roman.

Ein Wimmelbild: Die Weihnachtskrippe der Familie Oser im Jahr 1932. Sie ist im orientalischen Stil gehalten und beansprucht eine Fläche von zwei auf zwei Meter. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Der Schreiner scheint gerade gegangen zu sein. In der Werkstatt hängen Hobel, Winkel und anderes Handwerkszeug sauber an der Wand, Schnitzbank und Dielenboden sind blitzblank gefegt.

Ein bezauberndes Detail in einer großen Weihnachtskrippe vom orientalischen Typus. Ihr Schöpfer ist der Altschweierer Arthur Oser.

Die Krippe ist mächtig: Etwa 2,50 auf 1,50 Meter Fläche benötigt das gewaltige Diorama mit seinen gut 20 Gebäuden und Architektur-Teilen, würde man es komplett aufbauen.

Vom Dachboden ins Stadtmuseum

Viele Jahre verbrachte das Kleinod in Kisten auf einem Dachboden, der Tempel mit seinem echten Vorhang, die Schreinerwerkstatt, der „Stall“, in dem Jesus zur Welt kam, ebenso die rund 60 Figuren, die Heilige Familie, die Könige, Hirten, Hohepriester, Schafe, Elefanten, Ochs und Esel. Sogar einen Tiger gibt es.

Nun haben sich die Kinder von Krippenschöpfer Arthur Oser entschieden, das Kunstwerk ins Bühler Stadtmuseum zu geben. „Die Krippe ist eine Stiftung der Nachfahren Christa Gambs (geborene Oser), Reinhard Oser und Edgar Oser“, freut sich Michael Rumpf, Museumschef und Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts.

Mit orignalem Vorlagebogen: Michael Rumpf, der Leiter des Stadtgeschichtlichen Instituts präsentiert einen der Vorlagebögen für die Krippengebäude. Foto: Jörg Seiler

Für Rumpf machen gleich mehrere Faktoren diese Krippe zu etwas ganz Besonderem: Sie hat einen lokalen Bezug, sie ist von enormer handwerklicher Qualität und sie ist ausführlich dokumentiert. Schon die Entstehungsgeschichte hat die Kraft zu einem spannenden Roman. „Mein Vater hat die Krippe als junger Mann in den Jahren 1929/30 gebaut“, berichtet Edgar Oser.

Der pensionierte Realschullehrer kennt sich aus mit Krippen. Sein Vater Arthur, Jahrgang 1914, war damals keine 18 Jahre alt. „Es herrschte Weltwirtschaftskrise.“ Doch der Altschweierer Teenager Arthur setzt sein kreatives Potenzial gegen die Depression.

Obstkisten als Baumaterial für Gebäude

Grundmaterial der Gebäude ist Obst- und Verpackungskistenholz, so etwas wanderte damals eigentlich in den Ofen. Was auffällt: Alle Gebäude sind mit ungeheurer Exaktheit gefertigt. Die Laubsägearbeiten machen einem Meister Ehre. Sie entstanden auf der Basis sehr anspruchsvoller Vorlagebögen des Münchener Verlags Mey&Widmayer.

Die Muster sind heute noch erhältlich. Woher sein Vater sie hatte, erschließt sich Edgar Oser nicht. In den frühen Jahren gab es als Hintergrund eine Leinwand, die die malerische Fortsetzung der Krippenlandschaft mit Stern von Bethlehem, in bester Künstlermanier räumliche Tiefe suggerierend.

Aus Kistenholz: Das Material für die Krippengebäude gewann Edgar Oser von Verpackungen. Die „Heinrich Franck Söhne GmbH“ (rosa Etikett) stellte früher in Vaihingen Zichorienkaffee her. Foto: Jörg Seiler



Oser senior, der im Alter von 72 Jahren starb, „war kein Mann großer Worte“, berichtet der heute 66-jährige Sohn. Es war typisch für diese Generation, die den Krieg mitmachen musste. So fiel die Antwort, wie der Vater die hohe Präzision hinbekommen habe, entsprechend aus: „Ich habe mir eine Führung gebaut, damit waren gerade Schnitte möglich.“ Zur herausragenden Schreinerarbeit kommt eine farbige Fassung mit Ölfarbe. Erneut offenbart sich die Liebe zum Detail.

Für die naturgetreue Nachahmung des Bossenmauerwerks der Sockel zum Beispiel verwendete Oser Senior eine Mischung aus Ölfarbe und Sand. Warum er das so aufwendig gemacht habe, wollte Sohn Edgar wissen. Die Antwort des Vaters: „Des muss doch wie ä Muuer ussehe“, es müsse doch wie eine Mauer aussehen. Zum Spielen war die Krippe nicht gedacht, immerhin zum Moos sammeln durften die Kinder mit. Das wurde getrocknet, bildete später Gras in der Landschaft, dazu kam Tannengrün als Rahmung – letzteres sogar mit Birnchen als Sternenhimmel. Auch die Gebäude waren beleuchtet.

Krippenschöpfer: Arthur Oser schuf die wunderbare, orientalische Krippe in den 1930-er-Jahren. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Es gibt ein Foto, das die Oser-Krippe im Jahr 1931 zeigt. Man kann sich gar nicht sattsehen an dieser so wunderbar, so künstlerisch, so exakt aber dennoch so ehrlich und volksnah erzählten Heilsgeschichte, die gemäß dem orientalischen Typus im Heiligen Land spielt. Der Aufbau begann am dritten Advent. Auf einer großen Platte auf dem abgeräumten Wohnzimmer-Buffet baute Arthur Oser zuerst die Landschaft auf, mit Maria und Josef auf der Flucht. Sukzessive kam immer mehr dazu, die Geburt Christi, die Hirten, die Heiligen Drei Könige, Passion, Kreuzigung, Grablegung – wie es in der Bibel steht .

Für Figuren aus den 1930-er Jahren

Die frühesten Figuren datieren aus den 1930er Jahren. Sie sind aus Gips und exquisit gearbeitet. Woher sein Vater sie hatte, ist für Egar Oser ein Rätsel. Der größte Teil der Population der Heilsgeschichte stammt aus den 1950er und 1960er Jahren. Stichwort: Marolin. Arthur Oser kaufte die hochwertigen Pappmaché-Figuren in der Unitas (in dem Gebäude befindet sich heute das Teedeum), in Bühl über Jahrzehnte erste Adresse für Bücher und religiöse Kunst.

„Da gab es dann Diskussionen, denn günstig war das nicht“, erinnert sich Sohn Edgar. Denn finanziell war die Familie nicht auf Rosen gebettet. Der Vater kehrte erst 1948 heim, fand dann eine Anstellung bei der Bahn als Arbeiter und Streckengeher. Nebenher betrieb die Familie, damals absolut üblich, eine Landwirtschaft.

War die Krippe aufgebaut, stellte sich Besuch ein. „Es gab immer Gebäck, wer wollte, bekam auch ein Glas Wein“, so Edgar Oser. Der Höhepunkt sei in den 1950er und 1960er Jahren der Besuch des Pfarrers gewesen. Sehr feierlich war das Einsetzen der Heiligen Familie in die Krippe am Heiligen Abend, erinnert sich Edgar Oser.

Am Nachmittag sei selbstverständlich das Radio gelaufen. Es gab da ein Programm, das hieß „Glocken läuten die Weihnacht ein”. Da wurde „weihnachtliche Musik gespielt, kein Kitsch, hochmögende Kinder- wie Erwachsenenchöre mit Weihnachtsliedern, alten deutschen ebenso wie weihnachtliches Liedgut aus aller Welt.“ Und irgendwann begann der Dornröschenschlaf der Krippe auf dem Dachboden. Doch nächstes Jahr soll sie das Foyer des Stadtmuseums zieren – „so Corona will“, sagt Michael Rumpf.

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