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Naturschutzgebiet Waldhägenich

Der Bühler Ranger Joachim Doll geht - und zwar nicht ganz freiwillig

Nach einem Vierteljahrhundert hat der Schutzgebietsbetreuer des Natur- und Landschaftsschutzgebietes Waldhägenich bei Bühl gekündigt. Doch Joachim Doll geht nicht ganz freiwillig. Über die Hintergründe seiner Kündigung will er öffentlich nicht sprechen. Er habe seine Gründe aber rathausintern kommuniziert.

Joachim Doll, der Ranger des Natur- und Landschaftsschutzsgebietes Waldhägenich, schließt die Schranke. Zum 31. März hat er bei der Stadt Bühl gekündigt. Foto: Ulrich Coenen

„Ich werde meine Arbeit sehr vermissen“, sagt Joachim Doll. Der Ranger des Natur- und Landschafsschutzgebiets Waldhägenich blickt auf den Hägenichsee. Als der 57-jährige Schutzgebietsbetreuer vor einem Vierteljahrhundert seine Stelle angetreten hat, tummelten sich dort noch die Badegäste. „Heute singen hier die Nachtigallen“, berichtet Doll.

Kein neuer Job in Aussicht

Fünf Jahre gab es das Schutzgebiet erst, als Doll seinen Dienst antrat. Zum 31. März hat er bei der Stadt Bühl gekündigt. Wer ihm aufmerksam zuhört, merkt rasch, dass die Wehmut angesichts des baldigen Abschieds nicht gespielt ist. „Ich habe rathausintern kommuniziert, warum ich gehe“, sagt er. Mehr will Doll nicht sagen. Nachtreten ist nicht die Art des Umweltschutz-Ingenieurs mit Diplom von der Fachhochschule in Bingen. Eine neue Stelle hat er noch nicht in Aussicht.

Doll hat ohne Zweifel einen der öffentlichkeitswirksamsten Jobs in der Stadtverwaltung, obwohl er nur eine halbe Planstelle hat. Der Ranger ist viel im Schutzgebiet unterwegs, spricht mit Landwirten, Anglern und Jägern, aber auch mit den ungezählten Spaziergängern und Radfahrern, die in dem 600 Hektar großen Landschafts- und Naturschutzgebiet Erholung suchen.

Das führt regelmäßig zu Konflikten. Die Badegäste haben sich inzwischen benachbarte Seen gesucht, doch andere Besucher halten sich nach wie vor nicht an die geltenden Regeln. Doll hat schon einen Wohnmobilisten erwischt, der sein Fahrzeug auf einer der wertvollen Wiesen im Waldhägenich abgestellt hat.

Unbelehrbare Hundehalter

Die aus Nachlässigkeit von Landwirten oder Jägern offen gelassenen Schranken, frei laufende Hunde und achtlos weggeworfene Papiertaschentücher sind ein trauriger Dauerbrenner, über den Doll in den vergangenen 25 Jahren regelmäßig den Gemeinderat in seinem ausführlichen Jahresbericht informiert hat. Unbelehrbare packen den Hundekot zunächst vorschriftsmäßig in Plastiktüten, um diese dann im Naturschutzgebietwegzuwerfen.

Doll schüttelt den Kopf. Der unerwünschte Kot ist zwar eine Sauerei, würde aber nach einigen Wochen verschwunden sein. In Plastiktüten eingepackt überdauert er Jahre. Für Doll ist es ein Glück, dass er einen Bufdi (Mitarbeiter im Bundesfreiwilligendienst) hat, der den Müll wegräumt. „Wo Müll liegt, werfen die Leute sorglos weitere Abfall in die Landschaft“, sagt der Ranger. „Deshalb ist es wichtig, dass das Schutzgebiet sauber bleibt.“

Neue Mode als Gefahr

Der Freizeitdruck im Waldhägenich ist groß. Eine neue Mode bereitet Doll besondere Sorgen. Besucher sammeln seit einigen Jahren Kräuter und Blumen, um Cremes oder Seifen daraus zu machen. Dabei trampeln sie durch die Wiesen und den Wald und stören seltene Tiere. Doll spricht die Leute an und erklärt ihnen, warum sie das nicht dürfen. Nicht alle sind einsichtig. „Manchmal fallen Worte, die nicht druckreif sind“, erzählt er.

Mitunter lässt sich eine Anzeige gegen Uneinsichtige nicht vermeiden. Doch eigentlich will der Ranger nicht nur über diese „polizeilichen“ Aspekte seiner Arbeit sprechen. „Das ist nur ein kleiner Teil meiner Tätigkeit“, sagt er. Ganz wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Naturschutz. Im vergangenen Jahr hat Doll 30 Führungen für Kindergärten, Schulen und Vereine angeboten und den Besuchern die Besonderheit des Waldhägenich nahegebracht. „Natürlich suche ich auch den Kontakt zu den Nutzern, also den Landwirten, den Jägern und den Anglern“, berichtet Doll. Dabei ist es ein großer Vorteil, dass der gebürtige Altschweierer deren Sprache spricht.

Hofläden sind wichtig für Naturschutz

Rund die Hälfte der Fläche im Waldhägenich ist Naturschutzgebiet, der Rest Landschaftsschutzgebiet. Der Wald nimmt nur ein Drittel des Schutzgebietes ein. Doll betont ausdrücklich die Bedeutung der Wiesen, die eine uralte Kulturlandschaft sind.

Nur durch zweimaliges Mähen im Jahr lässt sich dieser Lebensraum für seltene Tiere vom Wiesenkopfameisenbläuling (ein Schmetterling) bis zum Großen Brachvogel erhalten. Auch der Steinkauz, der alte Obstbäume mit ihren Höhlen als Nistplatz bevorzugt, gehört dazu. Die Mahd, die die Bauern einfahren, dient nach wie vor als Viehfutter. Allerdings sind die kleinen Familienbetriebe selten geworden. „Es ist wichtig, diese Bauern mit ihren Hofläden zu unterstützen“, findet Doll. Langsam schließt der Ranger die Schranke am Rand des Schutzgebietes. Die Stadt will die Nachfolge ausschreiben.

Oberbürgermeister Hubert Schnurr findet es schade, dass der Schutzgebietsbetreuer geht: „Joachim Doll hat im Waldhägenich 25 Jahre lang eine sehr gute Arbeit geleistet. Er ist in diesem Zeitraum zu einer Identifikationsfigur für das Schutzgebiet geworden. Deshalb bedauere ich es auch, dass er die Entscheidung getroffen hat, uns zu verlassen.“

Der kleine Hägenichsee gehört zu den schönsten Orten im Waldhägenich, der viele Besucher anzieht. Foto: Ulrich Coenen

Kommentar: Etwas läuft schief

Der Gemeinderat murrte, als die Stadtverwaltung bei einer der letzten Sitzungen im Jahr 2019 den baldigen Abschied von Ranger Joachim Doll bekannt gab. Dies geschah routinemäßig anlässlich des Jahresberichts über die Schutzgebiet Waldhägenich. Den trägt Doll üblicherweise persönlich vor. Dieses Mal fehlte er, weil er gerade im Urlaub war. Das macht er immer im Winter, weil dann im Schutzgebiet weniger zu tun ist. So musste das Kommunalparlament Dolls Jahresbericht in Schriftform zur Kenntnis nehmen. Der Termin war also ausgesprochen unglücklich gewählt.

Doch nicht nur das störte die Stadträte. Sie zeigten sich irritiert, dass Doll seinen Hut nimmt, lobten sein weit überdurchschnittliches Engagement über die normale Arbeitszeit hinaus und forderten eine schnelle Neubesetzung der Stelle. GAL-Stadtrat Thomas Wäldele kritisierte sogar deutlich, dass die Stadtverwaltung nicht versucht hat, den Ranger zu halten.

Was ist schief gelaufen? Doll will nicht nachtreten. Er sagt nur, dass er seine Arbeit gerne fortgesetzt hätte, seine Gründe für die Kündigung rathausintern kommuniziert hat und noch keinen neuen Job hat. Das klingt nach einem unfreiwilligen Abschied von der Aufgabe des Rangers, die der Umweltschutz-Ingenieur ein Vierteljahrhundert lang mit viel Herzblut ausgefüllt hat. Auch Oberbürgermeister Hubert Schnurr bedauert in seiner Stellungnahme das Ausscheiden Dolls, den er als Identifikationsfigur für das Schutzgebiet bezeichnet. Am Rathauschef kann es also nicht liegen, dass der Ranger geht.

Bereits 2015 hat die Stadtverwaltung öffentlichkeitswirksam einen Verhaltenskodex für und gemeinsam mit den Mitarbeiter erarbeitet und in Form einer 19-seitigen Broschüre im Rathaus verteilt. OB Hubert Schnurr hat die neuen Richtlinien damals gegenüber dieser Redaktion als allgemeinverbindlich bezeichnet, auf die sich jeder berufen kann. Offensichtlich hat nicht jeder in der Stadtverwaltung das kleine Heft gelesen. Es besteht Handlungsbedarf, auch für den Gemeinderat. Ulrich Coenen



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