Skip to main content

Kultkneipe muss schließen

Die Musik im „Grünen Baum” in Hatzenweier verstummt

Nach 24 Jahren lebendiger Musikkultur muss „Jusche” Friedmann im Herbst seine Kultkneipe „Grüner Baum” im Ottersweierer Ortsteil Hatzenweier räumen. 880 Veranstaltungen gab es hier, und die Künstler kamen aus der ganzen Welt.

Vor dem Aus: Nach 24 Jahren lebendiger Kneipenkultur wird der „Grüne Baum“ in Hatzenweier im Herbst geschlossen. Foto: Joachim Eiermann

Seit fast 24 Jahren ist „Jusche” Friedmann im „Grünen Baum” im Ottersweierer Ortsteil Hatzenweier der Hausherr. Dort hat er ein Kulturpodium geschaffen, das so breit gefächert ist wie die Herkunft der Auftretenden: Im „Grünen Baum” war die Welt zu Gast. Jetzt steht das Ende bevor.

Von Joachim Eiermann

Einheimische wie internationale Künstler, viele davon aus den USA, geben sich im „Grünen Baum“ in Hatzenweier bei Kneipenkonzerten die Klinke in die Hand. Das Gebäude ist zwar sichtlich in die Jahre gekommen, jedoch ist das Kulturprogramm des Szenelokals mit den Jahren immer vielfältiger und hochkarätiger geworden. Doch nun droht das Aus. Nicht wegen der Corona-Pandemie, sondern weil dem Wirt die Räume gekündigt wurden.

Kulturoffensive jenseits des Mainstreams

Die Eigentümerseite hege eigene gastronomische Pläne, berichtet der Leidtragende Jürgen Friedmann. Er, den alle nur „Jusche“ nennen, hat sich innerlich damit abgefunden, nach 24 Jahren den „Grünen Baum“ aufgeben zu müssen.

Das Aus, das kein endgültiges werden soll, tue ihm auch leid für die Stammgäste und treuen Konzertbesucher, die seine Kulturoffensive jenseits des Mainstreams zu schätzen wissen. „Da steckt viel Herzblut von uns beiden drin“, erklärt Heike Rossa, seine Lebensgefährtin.

Im Hauptberuf Erzieherin, bedient sie im „Grünen Baum“ nicht nur, sondern bringt sich auch bei der Band-Auswahl und der Organisation der Veranstaltungsarbeit stark ein. Das Publikum, je nach auftretender Band zwischen 20 und 80 Jahre alt, resultiert hauptsächlich aus dem Bühler Raum und reicht von Karlsruhe über Straßburg bis Offenburg.

Seit 24 Jahren betreibt "Jusche" Friedmann den "Grünen Baum". Foto: Ursula Klöpfer Foto: None

Die Welt zu Gast in Hatzenweier

Ob Rock, Blues, Jazz, Soul, Funk, Reggae, Indie oder Worldmusic; ob Kabarett, Lesung oder Poetry Slam – das Spektrum an Kultur (ohne jegliche öffentlichen Subventionsmittel) ist so breit gefächert wie die Herkunft der Auftretenden von Berlin bis New York sowie vielen anderen Winkeln der Erde, die auf ihren Tourneen Station machen.

„Hier in Hatzenweier hat man die Welt. Und Musik, die man auf dem Land sonst nicht hört“, schildert Heike Rossa. Sie macht es stolz, wenn auf Tour-Listen der „Grüne Baum“ zwischen Großstadt-Clubs rangiert. Diese Berücksichtigung kommt aber nicht von ungefähr. Sie hat auch damit zu tun, dass die Engagements für das Wirtspaar nicht mit der Übergabe des Eintrittsgelds enden.

Zu vielen Künstlern bestehen auch emotionale Bindungen. So haben sich regelrechte Freundschaften entwickelt, weil die Akteure nach ihren Auftritten nicht in Hotels nächtigen, sondern privat untergebracht und betreut werden. In Hatzenweier aufzutreten, bedeutet gewissermaßen Familienanschluss. Familiär auch der Rahmen der Konzerte: Aufgrund der beengten Verhältnisse gibt es keine Bühne, sondern nur einen Teppich.

Beliebtheit in Musikerkreisen

Ob gestandene Künstler, darunter auch manche, die Rockgeschichte schrieben, oder Newcomer: Der „Grüne Baum“ will allen ein Podium bieten. Die Beliebtheit der Kneipe in Musikerkreisen spiegelt sich jetzt auch in einer Internet-Petition gegen die Schließung („Live-Kultur im Grünen Baum“ bei www.petitionen.com) wider, die zwei Stammgäste initiiert haben.

Wolfgang Müller, schon mehrfach in Hatzenweier aufgetreten, schreibt: „Ich wünschte mir, in Karlsruhe, wo ich seit mehr als zehn Jahren lebe, gäbe es eine so tolle Musik- und Kunstkneipe wie Jusches Grüner Baum.“ Eine Unterzeichnerin aus Baden-Baden findet: „Ein Leben ohne den Grünen Baum wäre ziemlich fad.“ Die irische Folkmusikerin Emma Langford bekundet (übersetzt), es zerreiße ihr das Herz: „Keine Deutschland-Tournee kann vollständig sein ohne einen Auftritt bei Heike and Jusche.“

Rückhalt bei den Gästen

„Es ist unglaublich, welchen tollen Rückhalt wir bei unseren Gästen finden“, freuen sich die beiden. „Das gibt uns derzeit viel Kraft.“ Sie wollen auch weiterhin für eine lebendige Kneipenkultur mit kleinen Preisen eintreten und haben sich bereits auf die Suche nach einer neuen Bleibe gemacht. Möglichst im Raum Bühl/Achern hofft man fündig zu werden.

Vorstellen kann sich Jürgen Friedmann auch, in einer kleinen Produktionshalle in einem Gewerbegebiet neu zu eröffnen – in einem Rahmen, der Konzerte mit einem größeren Publikumskreis als bislang erlaubt. Bis zum Vertragsende im September hofft „Jusche“ nach der Corona-Zwangspause zumindest den Kneipenbetrieb mit Biergarten alsbald wieder starten zu können. Für Gesprächsstoff am Stammtisch ist jedenfalls gesorgt.

Angesichts von bislang 880 Veranstaltungen in 24 Jahren weiß Jürgen „Jusche“ Friedmann einige Anekdoten zu erzählen. Zum Beispiel in Sachen guter Nachbarschaft. Es war der 26. Dezember 1999, der Tag, an dem Orkan „Lothar“ über die Region fegte. Am Abend stand ein Jazz-Konzert mit Eva Weis an, im „Grünen Baum“ fiel jedoch immer wieder der Strom aus. Im Gebäude gegenüber brannten die Lichter indes stabil. Der freundliche Nachbar konnte helfen, verlegte ein Stromkabel quer über die Straße (!), sodass die Sängerin und ihre Band auftreten konnten. Und nach der letzten Zugabe war noch längst nicht Schluss. Ein paar Briten nahmen überraschend die Plätze ein. Die Soulband „Damien McCabe and the real Feel“ war eigentlich für ein Konzert in Herrenwies gebucht, doch alle Zufahrten in den Schwarzwald waren durch umgestürzte Bäume blockiert. In Hatzenweier fanden die Gestrandeten Obdach und dankten dies mit einem mitreißenden Set.

Krautrock-Legende Mani Neumaier, dessen Ebenbild aus den 70er Jahren in Japan im Wachsfigurenkabinett des Tokio Towers steht, gastierte mit seiner bekannten Band „Guru Guru“ ebenfalls schon im „Grünen Baum“. Ein anderes Mal beglückte er „Jusche“, den Wirt, dessen Partnerin Heike und das Publikum in Hatzenweier mit einem ganz außergewöhnlichen Ereignis: Für ein einziges Reunion-Konzert reaktivierte der trommelnde „Elektrolurch“ sein früheres Duo „Tiere der Nacht“ mit dem in der Schweiz lebenden Italo-Gitarristen Luigi Archetti. Die „Tiere“ feierten mit schier endlosen Soli die Nacht.

Andere Länder, andere Spezialitäten: Das isländische Jazz-Quartett ADHD, das auch schon in der Elbphilharmonie auftrat, hatte als Gastgeschenk die gefürchtete Wikingerspeise Hákarl (Rotten Shark) mitgebracht. Sie besteht aus fermentiertem Fleisch des Grönlandhais. Geruch und Geschmack sind extrem intensiv. Nach Öffnen des Behältnisses musste der beschenkte Hausherr ins Bad fliehen. Selbst ein Hund verschmähte eine Kostprobe der „Delikatesse“; der Vierbeiner rümpfte die Schnauze und trollte beleidigt davon. Kein Wunder! Rotten heißt übersetzt: verfault.

nach oben Zurück zum Seitenanfang