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Passend zum Schmutzigen Donnerstag

Statt Umzug: Bühler Hänferdorf-Gemeinschaft gibt ihr erstes Narrenblättl heraus

Voriges Jahr probten die Fastnachter im Bühler Hänferdorf zumindest den begeisterten Umzugs-Beifall, dieses Jahr macht Corona den Narren einen Strich durch die Rechnung. Doch die Hänferdörfler haben dennoch eine Überraschung – passend zum Schmutzigen Donnerstag.

Erfolgreich aufbegehrt: Die kreativen Fastnachter aus dem Hänferdorf mit „Bürgermeister“ Willi Berdon (rechts) zwangen vor 15 Jahren sogar die allmächtige Narrhalla in die Knie. Archivfoto: Foto: Hermann Seiler

Es ist unglaublich: Da hakt es bei der Corona-Impfaktion, weil nicht genügend Impfdosen zur Verfügung stehen, und ausgerechnet aus dem beschaulichen Bühl kommt die Lösung des Problems. Genauer gesagt aus Bühls schönstem Stadtquartier, dem Hänferdorf.

So zumindest haben es investigative Reporter des ersten „Hänferdörfler Narrenblättl“ herausgefunden. Schüttekeller-Impressario Rüdiger Schmitt verwandelt dafür sein wunderbares Kultur-Kellergewölbe in ein Impfzentrum, und im Husarenstreich wurde eine Kooperation mit einer namhaften Winzergenossenschaft vereinbart.

„Der zertifizierte Impfstoff des Typs ,Spätburgunder’ steht in ausreichenden Dosen zur Verfügung“, berichtet das Blättl exklusiv.

„Ganz selbstlos stellt sich der Hänferrat mit Manfred ‘Bebbes’ Bellemann, Ellen Groß, Rüdiger Schmitt, Renate Rinschler und Simone Rinscher als Testpersonen zu Verfügung“, heißt es weiter.

Narrenblättl-Redaktion startete Mitte Januar

Wann das Impfzentrum in Betrieb geht, war bei Redaktionsschluss des Narrenblättels noch offen. Das Impfzentrum im Schüttekeller hat nach Ansicht von Rüdiger Schmitt, der ebenfalls einige pfiffige Ideen beisteuerte, durchaus Qualität für ein Fastnachtsthema, ob nun für die Bütt’ oder für einen Wagen.

„Wir wollten einfach ein Zeichen setzen“, berichtet Hänferdörflerin Simone Rinschler. Sie gehört zum harten Kern der Redaktionsmannschaft. Viel Zeit hatten sich die Blättlsmacher nicht gegeben:

Wir leiden schon darunter, dass es dieses Jahr wieder keine Fastnacht gibt
Gisela Ziermann, Fastnachterin aus Bühl

„Mitte Januar haben wir begonnen“. Mitinitiatorin des Narrenblättls ist Gisela Ziermann, eine „Bühler Hex“ mit Leib und Seele.

„Wir leiden schon darunter, dass es dieses Jahr wieder keine Fastnacht gibt“, erklärt die überzeugte Fastnachterin. Denn das Alt-Hänferdorf, also die tapferen Gallier im Imperium Bühlanum, hat sich mit glanzvollen Büttenabenden und herrlichen Umzugswagen längst den Ruf als Fastnachtshochburg verdient.

Schon im vorigen Jahr, als die Corona-Pandemie die „fünfte Jahreszeit“ aus dem närrischen Terminkalender eliminierte, sorgten die Hänferdörfler für Furore. Da kein Umzug stattfinden konnte, probten sie einfach mal den frenetischen Jubel für 2021. Und nun? Wieder nix!

Premiere: Der Hänferrat gab das erste Narrenblättl heraus. Die journalistische Topleistung kam nun in gedruckter Form zu den Abonnenten. Foto: Foto: Hermann Seiler

Doch: das Narrenblättl. Zwölf Seiten stark, im A5-Format und in einer Auflage von 120 Stück veröffentlicht es Unfassbares: Angesichts der leeren Hänfer-Kassen müssen nun die Hänferdörfler ran.

Kurse wie „Meditatives Unkrautjäten“ mit Ellen (Groß) oder „Kochen ohne Herd und Ahnung – die besten Lieferadressen“ mit Ex-Leichtathletikstar Manfred (Bellemann) sollen Kohle bringen.

Die Hänferdorf-Fastnacht der vergangenen Jahre erwacht in vielen Bildern zum Leben, und ein bei der Taubenjagd verlorener „Schlappen“ (für Nicht-Alemannen: offenes Schuhwerk in Pantoffelform) sorgt für einen Skandal.

Auch die traurigen Momente finden Platz

Die traurigen Momente spart das Narrenblättl nicht aus und gedenkt im Jahresrückblick einer ganzen Reihe von verstorbenen Fastnachtern, die im Hänferdorf über Jahrzehnte Akzente gesetzt haben: Dietmar „Mike“ Meier, Hans Reith, Sepp Meister und Werner

Vogt heißen sie. „Wir haben lange überlegt, ob wir das machen“, sagt Blättl-Redakteurin Simone Rinschler. Aber am Ende sei die Entscheidung gefallen, ihnen den Platz für ein ehrendes Andenken in der Premiere-Nummer einzuräumen.

Wer Fastnacht und Hänferdorf sagt, der sollte in diesen Tagen, in denen der verordnete Stillstand jeglichen Frohsinn in der Bütt’ und „uff de Strooß“ zum Erliegen bringt, das Rad der Zeit zurück drehen.

Vor genau 15 Jahren plante die Narrenzunft Narrhalla 1826 Bühl, sich selbst als „Hüter der Bühler Fastnacht“ bezeichnend, gar Skandalöses. Der große Umzug am Fastnachtssonntag sollte nicht mehr durch das Hänferdorf gehen. „Ich habe mich fürchterlich aufgeregt“, erinnert sich Ur-Hänferdörfler Willi „Bumbes“ Berdon.

Der „Hänferdorf-Bürgermeister“ suchte das Gespräch mit den Narrhalla-Allmächtigen – ohne Erfolg. „Nicht hinnehmbar“, so Berdon, sei die Entscheidung gewesen.

Hänferdorf-Bürgermeister Willi Berdon rief Revolution aus

Vor allem, da ja die Bewohner von Erich-Burger-Heim und Schwarzwald-Wohnstift auf eine geschätzte Abwechslung hätten verzichten müssen.

Zusammen mit einem ABB-Reporter namens „hes“ (Hermann Seiler) und Kreativ-Institution Dietmar Meier rief „Bumbes“ die Revolution aus: „Wir haben Plakate gemacht, dazu die entsprechende Berichterstattung in der Zeitung, und wir haben unseren eigenen Umzug geplant. Zwei Runden durchs Hänferdorf und am Hanauer Hof dann an den eigentlichen Umzug dran“.

Die Oberbrucher Dorfmusikanten hatten schon zugesagt, den närrischen Lindwurm anzuführen, die Polizei garantierte sicheres Geleit. Da lenkte die Narrhalla ein. „Mit diesem Widerstand haben sie nicht gerechnet“, sagt Berdon stolz.

Auch 2006 ging der Umzug dann durchs Hänferdorf und wird es wieder tun, wenn es möglich ist. Bis dahin heißt es Warten. Der erlauchte Leserkreis des Narrenblättls darf derweil beim heiteren Schmökern etwas den Verlustschmerz vergessen, insbesondere an diesem Donnerstag – dem Schmutzigen – der für die Fastnachter bekanntlich ein ganz besonderer ist.

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