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Eröffnung am Freitag

„Fotografische Gespräche“: Naomi Leshems Ausstellung in Bühl begeistert Experten

„Fotografische Gespräche“: Es ist eine besondere Ausstellung, die seit Freitag in Bühl und Drusenheim zu sehen ist. Naomi Leshem führt mit ihren Fotografien an und über Grenzen und beeindruckt auch Experten.

Die Bildpaare von Naomi Leshem stoßen Überlegungen an. Die Fotokünstlerin hat die Bilder für die Ausstellung in Bühl neu zusammengestellt. Foto: Wilfried Lienhard

In seinem Essay „Camera lucida“ („Die helle Kammer“), einem Standardwerk der Fotografie, hat Roland Barthes den Begriff „punctum“ geprägt. Der französische Philosoph bezeichnete damit ein Detail einer Fotografie, das ihn vollständig in seinen Bann zieht, etwas in ihm anstößt, was der Betrachter dem Bild hinzufügt und das doch schon da ist.

Auf vielen Fotografien, die die israelische Künstlerin Naomi Leshem bis zum 7. November im Bühler Friedrichsbau und im Drusenheimer Pôle Culturel im Elsass ausstellt, ist das „punctum“ zu entdecken, die Tür zu Assoziationen und zur Fantasie des Betrachters.

Bei der Ausstellungseröffnung am Freitag in Bühl wies der Bühler Bürgermeister Wolfgang Jokerst auf ein solches Detail hin: Auf der Brust einer jungen Frau, das Gesicht ist nur teilweise zu erkennen, liegt ein kleines, goldenes Schmuckstück.

Das ist nur scheinbar ein Zufall, die Werke sind bis ins Kleinste durchdacht und -komponiert. Was sie uns sagen möchten? Die Antwort liegt beim Betrachter und kann ganz unterschiedlich ausfallen. Leshems Bilder vermögen ein „Assoziationskarussell“ (Jokerst) in Gang zu setzen, deren Ziel individuell ausfällt.

Aufnahme aus der Illenau erzeugt Raumtiefe und gleichzeitig Raumillusion

Die Bilder sind paarweise ausgestellt, dem Ausstellungstitel „Fotografische Gespräche“ folgend nehmen sie einen Dialog auf. Die junge Frau etwa korrespondiert mit einer Aufnahme aus der Illenau, die mit meisterhaftem Blick eine Raumtiefe und gleichzeitig eine Raumillusion erzeugt.

Wer die Geschichte der Illenau kennt, jener Ort, an dem im Dritten Reich junge Frauen, „Fremdarbeiterinnen“, gefangen gehalten wurden und auch starben, spürt den starken Kontrast zum benachbarten Bild des puren Lebens und ist vielleicht rasch bei den großen Fragen: woher und wohin?

Das Bildpaar ist eines der stärksten in der Bühler Ausstellung. Zwölf solcher fotografischer Doppel sind in Bühl zu sehen, sechs in Drusenheim. Leshem hat, in den Worten von Wolfgang Jokerst, ihre Fotoserien dekonstruiert und neu konstruiert. Das führe zu einem Dialog, dem Grundgedanken der Ausstellung, der den Bogen über den Rhein nach Drusenheim spannt.

Auch der Friedrichsbau spielt eine Rolle, wie Jokerst sagt. Die Gliederung in Wandfelder sei ideal für die Präsentation der Bilderpaare. Matthias Wintzen, der frühere Leiter der Staatlichen Kunsthalle und des Museums für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, sprach am Rande der „sehr lohnenden Ausstellung“ ebenfalls den Raum an. Leshems Bilder hätten eine solche Kraft, dass sie sich gegen die starke Architektur durchsetzten.

Zur Begrüßung hatte der Bühler Oberbürgermeister Hubert Schnurr daran erinnert, dass vor elf Jahren Bühl die erste Leshem-Ausstellung in Deutschland gesehen habe. Er sei sehr froh, dass die Tochter von Ehud Loeb, der 1934 als letztes Kind der jüdischen Gemeinde in Bühl geboren wurde, die Freundschaft zur Stadt und deren Bürgern weiter pflege und intensiviere.

Jacky Keller, Maire in Drusenheim, freute sich, dass nach langen Monaten des Stillstands der Kulturbetrieb wieder beginne. Die Doppel-Ausstellung eröffne alle Arten von Dialog, „auch den, der uns so am Herzen liegt: Mit den Nachbarn am Rhein sprechen zu können“.

Fotografin Naomi Leshem freut sich über großes Interesse in Bühl und Drusenheim

Leshem selbst freute sich über das große Interesse an ihren Werken – 100 Besucher waren nach Bühl gekommen, 50 nach Drusenheim. Sie beschränkte sich auf ein kurzes Dankeswort, um sich anschließend im persönlichen Gespräch mit den Gästen auszutauschen.

In Bühl ist Naomi Leshem zum zweiten Mal mit einer Ausstellung zu Gast. Foto: Wilfried Lienhard

Grenzen sind in Naomi Leshems Kunst ein wichtiges, ja zentrales Element. Es sind keineswegs nur jene zwischen den Ländern, auch der Raum zwischen damals und heute, zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein ist es, den sie ausleuchtet, das Dazwischen ist ihre fotografische Heimat. Und Barthes’ „punctum“ ist die Tür, die mitten hinein führt.

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