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Umweltexperte fordert beim Einkaufen ein Umdenken der Verbraucher

Klimaschutzmanager Martin Thiele: „Statt Duschgel tut es auch Kernseife“

Der neue Bühler Klimaschutzmanager Martin Thiele fordert beim Einkaufen ein grundsätzliches Umdenken der Konsumenten. Das Verkaufsverhalten älterer Generationen ist hier Vorbild.

Jede Menge Verpackungsmüll: Der Inhalt eines typisches deutschen Kühlschranks ist nicht klimaneutral und umweltfreundlich. Viele Lebensmittel werden in Einwegverpackungen angeboten. Foto: Ulrich Coenen

Die Industriegesellschaft produziert durch ihr Konsumverhalten jede Menge Müll. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen hat sich mit dem neuen Bühler Klimaschutzmanager Martin Thiele über ein alternatives Einkaufsverhalten und mögliche Folgen für Arbeitsmarkt und Gesellschaft unterhalten.

Die Regale in den Discountern stehen voller Joghurtbecher und Shampooflaschen aus Kunststoff. Gleichzeitig fordern Politiker und Aktivisten das Aus für Pappbecher für Kaffee. Betreiben wir statt Umweltschutz zu viel Symbolpolitik?
Thiele

Das scheint oftmals der Fall zu sein. Dennoch darf man das Problem nicht kleinreden. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe werden alleine in Deutschland pro Jahr fast drei Milliarden Einwegbecher genutzt. Das bedeutet mehrere tausend Tonnen Müll. Im Vergleich zu den rund 16 Millionen Tonnen Verpackungsmüll und den 45 Millionen Tonnen Haushalts- und Siedlungsmüll ist das relativ wenig. Die Einwegbecher sind allerdings innen mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen beschichtet. Erhöhte Konzentrationen dieser Kunststoffe konnten laut einer Studie des Umweltbundesamtes von 2017 bereits im Blut der Konsumenten nachgewiesen werden. So spielt bei dem Thema auch der Verbraucherschutz eine Rolle.

Gibt es für Lebensmittel aus hygienischen Gründen eine Alternative zur Einwegverpackung?
Thiele

Die gibt es. Dies hängt aber auch mit der Herkunft der Lebensmittel zusammen. Es wäre zum Beispiel schwierig, eine Banane aus Costa Rica ohne Plastikverpackung und Pappkarton nach Europa zu fliegen. Am wenigsten Verpackungsmüll fällt an, wenn wir regional einkaufen, zum Beispiel auf Wochenmärkten oder direkt auf Bauernhöfen. Zudem fallen hier auch die zusätzlichen Emissionen durch kürzere Transportwege weg. Für alles, was nicht regional produziert werden kann und hygienisch verpackt werden muss, gibt es Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen, die sich in einen biologischen oder technischen Kreislauf zurückführen lassen.

Joghurt und Shampoo im Discounter wird es wohl nicht ohne Kunststoffbehälter geben, oder?
Thiele

Zunächst geht das auch im Glas, auch wenn das bei der Einschmelzung und Wiederaufbereitung energieintensiver ist. Aber das Problem ist ein anderes, und die Lösung findet sich nicht im Discounter. Es gibt inzwischen rund 200 Unverpackt-Läden in Deutschland, in denen Milch, Joghurt oder Müsli bis hin zu Cremes und Waschmittel in vom Kunden mitgebrachte Behälter abgefüllt werden. Viele Drogerie- und Biomärkte bieten bereits ähnliche Lösungen an.

Bei den Menschenmassen, die in die großen Discounter strömen, ist ein solches Mehrwegsystem aber rein logistisch schwer vorstellbar. Gleichzeitig hängen viele Arbeitsplätze nicht nur in diesen großen Märkten, sondern auch am produzierenden Gewerbe.
Thiele

Es ist eine Grundsatzfrage. Möchte man die Kosmetikindustrie und die Lebensmittelbranche in der bisherigen Weise fördern? Jeder Verbraucher kann bei jedem Einkauf diese wichtige Entscheidung treffen. Das ist wohl neben der Wahl von politischen Parteien die größte Macht, die jeder Einzelne von uns hat.

Vernichtet das nicht Arbeitsplätze?
Thiele

Wir regen uns oft über unnötige Kosmetikprodukte auf. Gleichzeitig gibt es Menschen, die in diesem Umfeld arbeiten. Das heißt aber nicht, dass sich keine beruflichen Alternativen finden. Diese Frage stellt sich bei allen größeren Transformationsprozessen. Denken Sie an den Stromsektor. Viele Kohlekraftwerke werden abgestellt. Auch die Menschen in dieser Branche benötigen andere Jobs. Generell sollte uns das nicht abschrecken, in Nachhaltigkeit zu investieren.

Das Einkaufverhalten, das Sie beschreiben, erinnert ein wenig an Tante-Emma-Laden, Metzger und Bäcker aus der sogenannten guten alten Zeit.
Thiele

Richtig, solche Systeme gab es schon früher. Es ist aber heute nicht jeder gewohnt, mit einem Dutzend Gläsern und Stoffbeuteln einkaufen zu gehen. Doch das Umdenken hat bereits bei vielen stattgefunden. Gleichzeitig besinnt man sich darauf, was man wirklich benötigt. Es muss beispielsweise nicht immer Duschgel und Shampoo sein, wenn es auch Kernseife tut.

Wie stellen Sie sich den Einkauf der Zukunft vor?
Thiele

Es wird möglichst regional und saisonal eingekauft. Für die kurzen Wege nutzt man das Fahrrad, für größere Einkäufe das Lastenrad, gern auch gemeinschaftlich. Für spontane Einkäufe auf dem Wochenmarkt ist der Stoffbeutel immer in der Tasche. Die Organisierten nehmen eigene ausgewaschene Behältnisse mit in den Unverpackt-Laden. In Bühl und der mittelbadischen Region sind diese Läden leider noch nicht flächendeckend vorhanden, aber der Trend geht dahin. Auch ist nicht jeder Verbraucher gewohnt, mit Bügelgläsern einzukaufen. Für die junge Generation kann das allerdings schon Selbstverständlichkeit werden.

Das klingt extrem zeitintensiv. In einer modernen Beziehung, in der beide Partner Vollzeit arbeiten, ist das kaum vorstellbar. Muss Mutti wieder zu Hause bleiben?
Thiele

Die Entscheidung, welches Familienmitglied einkaufen gehen darf, überlasse ich gerne dem Verbraucher. Es ist gut investierte Zeit. Viele Menschen kaufen heute schon sehr bewusst ein und denken über ihre eigene Kaufkraft nach. Letztlich geht es aber den meisten nicht nur darum, klimafreundliche und nachhaltige Produkte und Produktionsweisen zu fördern, sondern einfach gute Lebensmittel zu kaufen.

Martin Thiele ist Klimaschutzmanager der Stadt Bühl. Foto: Ulrich Coenen

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